Visuelle Sinnes- und Außersinneswahrnehmung
des gleichen Objekts.
Die Versuchsobjekte "Kreis mit Kreuz", "Ellipse" und "Stern"

von Lothar Kleine-Horst

Auszug aus dem Vorwort

Als ich 100 Jahre parapsychologischer Forschung durchsah und genauer darauf blickte, was auf dem Gebiet der visuellen außersinnlichen Wahrnehmung erforscht worden war und vor allem: was nicht, machte ich einige erstaunliche Feststellungen, vor allem diese:

Die ersten 50 Jahre sind geprägt vom festen Vorurteil der Parapsychologen, außersinnliche Wahrnehmung (ASW) entspringe einer besonderen Begabung, die nur wenige Menschen besäßen. Dementsprechend untersuchten die Parapsychologen auf diesem Gebiet ausschließlich die dramatischen und meist spontan eintretenden ASW-Leistungen großer "Medien". Auf die Idee, einfach mal auszuprobieren, ob und wieweit "Menschen wie du und ich" außersinnlich wahrnehmen können, kamen sie nicht.

Die zweiten 50 Jahre waren bzw. sind z.T. heute noch geprägt durch die sogen. "quantitativen" Versuche des J.B.Rhine und seiner Anhänger. Rhine führte eine Versuchsanordnung in die Parapsychologie ein, die in bezug auf das Kennenlernen visueller ASW das Sinnleerste darstellt, das man sich denken kann: man veranstaltet reine Rateversuche. Zu raten haben die Versuchspersonen, welche von fünf möglichen Figuren sich auf dem ihnen vorgelegten Kärtchen befindet: Kreis, Kreuz, Quadrat, Stern oder Wellenlinien. Ob der Versuchsteilnehmer überhaupt einen visuellen Eindruck beim Raten hat, und wie beschaffen dieser visuelle Eindruck ist, das ist hierbei völlig gleichgültig: nicht die anschaulichen Qualitäten eines visuellen Eindrucks werden registriert, sondern lediglich die Anzahlen von Treffern" und "Nicht-Treffern" beim Raten.

Wenn man schon solche Rateversuche durchführt - und warum sollte man es nicht? - dann braucht man für sie nicht fünf Kärtchen, sondern nur zwei: ein leeres und eines mit der Kritzelei eines Zweijährigen und dazu die Frage: "Ist da was drauf oder ist da nichts drauf?". Dieses Verfahren muß Rhine und seinen Anhängern für Leser parapsychologischer Literatur als zu wenig appetitanregend. erschienen sein. So engagierte er extra einen richtigen Wahrnehmungspsychologen, der jene fünf überflüssigen Bildchen auszuwählen bzw. zu erfinden hatte. Ganze Generationen von Parapsychologen verfielen dem Charme seiner prägnanten Gestalten. Schon Johann Wolfgang von Goethe wußte es: "Der Überfluß - der ist's". Der Psychologe wurde für seine Untat dadurch geehrt, daß man fürderhin die Kärtchen nach ihm als "Zener-Karten" bezeichnet.

Rhine leitete - trotz Kreis, Kreuz usw.- mit seinen "quantitativen" Versuchen eine neue Epoche in der Parapsychologie ein. Zwar brachten er und seine Anhänger der Wissenschaft kaum Neues über die visuelle außersinnliche Wahrnehmung, doch konnte bei Tausenden und Zigtausenden von Versuchen die Überzufälligkeit der Ratetreffer statistisch hoch abgesichert werden. Dadurch wurden einige bisher streng-gläubige "Naturwissenschaftler" davon überzeugt, daß es ASW wirklich gibt. Doch daß ganze Generationen von Parapsychologen das Zenerkarten-Spiel spielten, muß noch eine andere, eine außerwissenschaftliche, Motivation haben: wahrscheinlich den Rausch der großen Zahl. Die Faszination, die von Zahl und Maß ausgeht, entspricht zwar dem erlernten Verständnis von "Wissenschaftlichkeit", wird jedoch nicht unbedingt auch dem konkreten wissenschaftlichen Gegenstand gerecht. Es ist schon ein Phänomen eigener Art, daß die tiefe Befriedigung der Parawissenschaftler über die Größe der Versuchszahlen nicht im mindesten durch die Überlegung getrübt wird, daß diese großen Zahlen zum Erreichen beeindruckender statistischer Werte nicht "an sich" notwendig sind, sondern überhaupt erst dadurch nötig werden, daß man die visuellen Qualitäten pro Versuch ignoriert.

Die auch mit größeren Gruppen wie etwa Schulklassen veranstalteten Versuche der Rhine-"Schule" brachten auch die Erkenntnis, daß die Fähigkeit zu ASW in der Bevölkerung weiter verbreitet ist als man ursprünglich angenommen hatte, ja, daß sie vielleicht jedem Menschen innewohnt. Aber auch jetzt kam den Parapsychologen nicht die Idee, nun doch mal ASW-Versuche mit "Menschen wie du und ich" anzustellen und sie zu veranlassen, ihre visuellen Eindrücke aufzuzeichnen, um diese dann nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ auszuwerten.

So hat es in der qualitativen Beurteilung der ASW-Leistung bis heute keinen Fortschrittt gegeben. Seit l00 Jahren kennt die Wissenschaft - wie jeder Laie auch - nur die Möglichkeit, die Zeichnung eines unter ASW-Bedingungen gewonnenen visuellen Eindrucks mit dem sinnlich wahrgenommenen Versuchsobjekt als Ganzem zu vergleichen und schlicht "Übereinstimmung" oder "Nicht-Übereinstimmung" beider festzustellen. Evt. wird noch eine "teilweise Übereinstimmung" zugelassen, wobei sich "teilweise" auf einen Teil des Objktes bezieht und nicht etwa auf einen Teil aller anschaulichen Qualitäten, hinsichtlich derer Übereinstimmung bestehen könnte. Denn von eben diesen Anschauungsqualitäten wissen die Parapsychologen nichts; sie haben sie nie erforscht: es gibt keine Sammlung von ASW-Bildern, die von mehreren Personen zu dem gleichen Objekt angefertigt worden wären, und in denen man die für dieses Objekt charakteristischen visuellen Qualitäten gehäuft finden kann. Bis heute wissen die ASW-Forscher nicht, wie vielgestaltig von ein und demselben Objekt gezeichnete ASW-Bilder sein können.

Wenden wir uns nun von der außersinnlichen Wahrnehmung der Sinneswahmehmung zu, die ebenfalls seit etwa 100 Jahren erforscht wird, so finden wir dort etwas andere, aber auch nicht weniger triste, Verhältnisse vor. Die Wahrnehmungspsychologie hat mehr positive Ergebnisse über visuelle Anschauungsqualitäten gebracht, doch wurde sie an entscheidenden Stellen durch Ignorieren und Unterdrücken wesentlicher Fakten beeinträchtigt. Während die ASW-Forschung in ihrer Anfangszeit die "Spontanphänomene" bevorzugt untersuchte, sind es in der Sinneswahrnehmung gerade die "Spontanphänomene", die aus der Forschung weitestgehend ausgeklammert wurden und werden. "Spontanphänomene", das ist hier die Alltagswahrnehmung, die undramatische, übliche, gleichsam "selbstverständliche" Wahrnehmung unserer Umwelt. Ein Laie sieht kein Problem darin, daß er einen Stuhl wahrnimmt, wenn ein Stuhl vor ihm steht. Für den Wissenschaftler ist dies "das" Problem in der visuellen Wahrnehmung. Aber er kehrt das Problem unter den Tisch, zieht sich in dunkle Laboratorien zurück, setzt künstliche Lichtreize und läßt sich von den Versuchspersonen berichten, was sie dabei sehen. Die Versuchsanordnungen, die sie dabei erfinden, werden immer irrer. Freilich, bei jedem Versuch bekommen sie ein Ergebnis heraus, und mit ihren wissenschaftlichen Berichten machen sie viele viele Seiten von Fachzeitschriften, Lehr- und Handbüchern voll. Aber eine Theorie des Sehens ist dabei noch nicht herausgekommen.

Zwischendurch, in den 20er und 30er Jahren, gab es eine Gruppe von Wahrnehmungspsychologen, die zwar auch in Laboratorien arbeiteten, aber nicht mit Einzelreizen, sondern mit komplexeren Reizmustern. Sie fanden dabei neue Wahhrnehmungsqualitäten, solche, die sich nicht (wie Farbe und Helligkeit) durch die Leistung einzelner Sehzellen oder kleiner Sehzellengruppen und anderen speziellen Körpermaterien erklären lassen: die "Gestaltqualitäten". Diese Wissenschaftler taten sich viel darauf zugute, das Wahmehmungserleben selbst zu beschreiben, Phänomenologie zu treiben. Aber sie taten es nicht wirklich, nicht mit der Gründlichkeit, mit der Systematik, die möglich und nötig gewesen wäre. So haben sie nie versucht, einfache visuelle Figuren mit sparsamstem Begriffsinventar vollständig zu beschreiben. Aus den Beschreibungsbegriffen hätte sich der Anfang einer vernünftigen Theorie entwickeln lassen. Aber nichts dergleichen geschah. Aus der Ära der Ganzheits- und Gestaltpsychologen blieb ein Haufen theoretisch unverarbeiteter Fakten übrig sowie die empirisch gewonnene Gewißheit, daß alles Wahmehmungserleben ganzheitlich sei. Eine Theorie des Sehens ist dabei nicht: herausgekommen.

Wenigstens eine zukunftsträchtige Entdeckung wurde von jenen Psychologen dennoch gemacht: wenn man Objekte zunächst unter sehr ungünstigen Sichtbedingungen betrachtet und dann die Sichtbedingunger allmählich verbessert,. bekommt man von einem und demselben Objekt eine Reihe unterschiedlicher Perzepte, angefangen von meist ganz unstrukturierten rundlichen Flecken über sich immer mehr differenzierenden Zwischenperzepten ("Vorgestalten") bis hin zum letzten und volldifferenzierten Perzept bei ausreichenden Sichtbedingungen.

Hier bot sich an, die einzelnen Gestaltqualitäten und die Reihenfolge ihrer stufenweisen Einführung ins bisherige Perzept zu analysieren. Doch die Arbeit der Doktoranden mit solchen "Aktualgenesen" visueller Perzepte wurde von ihrem eigenen Doktorvater und Institutsleiter Friedrich Sander sabotiert, denn fast alle empirischen Untersuchungsbefunde seiner Schüler widersprachen seinem theoretischen Konzept der Aktualgenese. Dieser Forschungssabotage einer ganzen Clique aus der Leipziger "Genetischen Ganzheitspsychologie" wegen konnte sich damals auch aus dem neuen Forschungssatz keine Theorie des Sehens entwickeln. 1984/85 habe ich die Sabotage und Fälschungen des Fr. Sander und seiner zwei heute noch lebenden Mitfälscher detailliert aufgedeckt (4).

Da die Psychologen nicht die Vielfalt der Sinnesperzepte ein und desselben Objektes und die Parapsychologen nicht die Vielfalt der ASW-Perzepte ein und deselben Objektes kennengelernt haben, konnte es auch noch keinen Vergleich von Sinnesperzepten und Außersinnesperzepten des gleichen Objekts geben. Nur ganz gelegentlich stößt man in der Literatur auf vergleichende Aussagen (1). Es gibt nicht einmal eine wissenschaftliche Kommunikation zwischen den mit visueller Wahrnehmung beschäftigten Psychologen und den mit visueller Wahrnehmung beschäftigten Parapsychologen. Vor allem die Psychologen, heutzutage wieder streng-gläubige "Naturwissenschaftler", lehnen jede Beschäftigung mit dem Außersinnlichen ab. Die Schizophrenie in der wissenschaftlichen Arbeit am gleichen wissenschaftlichen Gegenstand ist hier perfekt.

Faßt man alles zusammen, so kommt man zu der Erkenntnis, daß derjenige, der ein umfassendes und in sich stimmiges Bild von der visuellen Wahrnehmung entwerfen will, fast ganz von vorn anfangen muß. Diesen Fastneuanfang habe ich unternommen.

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