Etwas überarbeiteter Auszug aus L. Kleine-Horst: "Evolutionär-psychologische Theorie des Sehens" (EPTS) (1992) mit kleinen  Kommentaren in eckigen Klammern aus 2005:

Was "ist" Aufmerksamkeit?

1. Die hilflose Wissenschaft

Jetzt kommt ein lustiges Kapitel. Es heißt: "Die Aufmerksamkeit". Besonders lustig geht es in der Wahmehmungsforschung zu. Jeder Experimentator kennt die große Rolle der Aufmerksamkeit beim Wahrnehmen; er weiß genau: bei vermehrter Aufmerksamkeit sieht man etwas anderes als bei verminderter Aufmerksamkeit. Was tut er? Er fürchtet sich vor ihr, deswegen richtet er seine Versuche so ein, dass die Aufmerksamkeitszuwendung der Testperson auf das wahrzunehmende Objekt möglichst konstant bleibt: so gibt er der Versuchsperson den Auftrag, einen bestimmten Punkt mit dem Blick zu fixieren, denn er weiß, mit jeder Änderung des Blickpunktes ändern sich auch die Aufmerksamkeitsverhältnisse in der Umgebung des Objektes, und somit ändert sich auch das Erleben des Objektes. Nun sind selbst bei angespanntester Blickfixierung natürliche ("physiologische") Blick-Bewegungen unvermeidbar, deswegen werden mehrere Versuche durchgeführt, die Durchschnittswerte ermittelt und mit statistischen Verfahren abgesichert.

Das alles macht der Experimentator. Nur eines macht er nicht: die so offensichtlich vorhandene Wirkung der Aufmerksamkeit auf das Wahmehmungserleben systematisch untersuchen. Es gibt zwar Untersuchungen genereller Art über die Aufmerksamkeit; sie wurden schon um die Jahrhundertwende vom Leiter des ersten psychologischen Universitätsinstituts der Welt angestellt: von Wilhelm Wundt in Leipzig. Was haben die Untersucher gefunden? Das, was jedermann ohnehin schon weiß - aus seiner 18- bis 80-jährigen Lebenserfahrung mit der Aufmerksamkeit.

Nicht nur die Empiriker fürchten sich vor der Aufmerksamkeit, auch die Theoretiker; denn die wissen mit ihr nichts Rechtes anzufangen, also ignorieren sie sie. Wenn aber eine solche fundamentale Tatsache, die zur Grundlage der Beziehung des Menschen zur Umwelt gehört, bei einer Theorie des Menschen und bei einer Theorie der Wahrnehmung unter den Teppich gekehrt wird, kann man die Theorien gleich mit drunterkehren.

Da waren zum einen die "Behavioristen". Sie hatten großen Zulauf und hemmten den Fortschritt der Psychologie dadurch, dass sie nur objektiv Feststellbares als wissenschaftlich relevant zuließen, also vor allem das beobachtbare Verhalten des Menschen, nicht aber die Bewusstseinsvorgange wie Gedanken, Vorstellungen,Wahrnehmungserlebnisse. Unter ihr Forschungsverbot fielen auch Triebe, Interessen, Gefühle, fiel auch die Aufmerksamkeit. Dass von den Behavioristen insbesondere keine Theorie der Wahrnehmung kommen konnte, ist klar, denn (Wahrnehmungs)erlebnisse waren für sie indiskutabel.

Neben den Behavioristen gab es eine zweite große Gruppe von Psychologen: die Gestaltpsychologen. Sie zerfielen in zwei große Lager, die einander befehdeten: die Berliner Schule der sogen. "Gestalttheoretiker" mit ihren Begründern Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka  sowie Wissenschaftlern der zweiten Generation, vor allem Wolfgang Metzger. Und es gab die Leipziger Schule der sog. "Genetischen Ganzheitspsychologie", die von Felix Krueger und Friedrich Sander begründet wurde. Welches antiwissenschaftliche Interesse Sander hatte, den Einfluss der Aufmerksamkeit bei der Aktualgenese von Perzepten zu ignorieren, habe ich an anderer Stelle angedeutet.

Auch die Berliner hatten höchstes Interesse, die Aufmerksamkeit als Wahmehmungsfaktor zu ignorieren, und sie taten es mit großem Erfolg. Sie passte nicht in ihre Theorie, also zierten sie sich, von ihr zu berichten. Kein Wunder, dass in den 18 Kapitel- und 181 Unterkapitel-Überschriften von Metzgers ausgezeichnetem und sehr anschaulichem Buch "Gesetze des Sehens" (13) nicht ein einziges Mal das Wort "Aufmerksamkeit" zu lesen ist. In seinem ebenfalls sehr bekannten Buch "Psychologie" unternimmt Metzger den "Versuch einer Einführung in den gegenwärtigen Stand der allgemeinen theoretischen Psychologie ....." (12, S. VII) aus gestalttheoretischer Sicht. In dem Buch finden sich im Stichwortverzeichnis zum Thema "Aufmerksamkeit" zwar Seitenverweise, sogar 27 an der Zahl, doch l0 von ihnen sind doppelte, bleiben nur noch 17, und die gehören zum Hauptstichwort, "Aufmerksamkeit. A.-theorien". Durch das Zusammenfassen dieser zwei sehr unterschiedlichen Begriffe zu einem einzigen Stichwort verdeckt Metzger sehr geschickt sein Unvermögen, irgendetwas Faktisches und Gestalttheoretisches von Belang zum eigentlichen Thema, nämlich zur "Aufmerksamkeit", beizutragen; die meisten Verweise betreffen nämlich die "Aufmerksamkeitstheorien", das sind von ihm als unhaltbar nachgewiesene Versuche früherer Psychologen, die Ganzheitlichkeit der Wahrnehmung mit der Wirkung der Aufmerksamkeit zu erklären.

Solche Behandlung des Themas "Aufmerksamkeit" ist allerdings dem "Stand der allgemeinen theoretischen Psychologie" durchaus adäquat. Auch in dem von C.H.Graham herausgegebenen 637 Seiten starken Handbuch "Vision and Visual Perception" gibt es unter ca. 3.800 Stichwörtern ganze zwei, die die Aufmerksamkeit betreffen. Einmal geht es um die "Fluktuation" der Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit dem plötzlichen Auffassungswechsel bei "Kippfiguren", das andere Mal fand eine kleine Erwähnung von "attention" in Anführungsstrichen statt (4, S.563 f + S. 55).

Nun gibt es in der deutschen Wahmehmungsliteratur der 20er Jahre, auch in den Experimentalarbeiten der Wertheimer- und Koffka-Schüler, eine ganze Anzahl gelegentlicher Hinweise auf die Erlebenswirkung vermehrter bzw. verminderter Aufmerksamkeitszuwendung auf ein Reizmuster. Aber die panische Angst der damaligen Gestaltpsychologen vor der Aufmerksamkeit, mit der sie theoretisch nichts anzufangen wussten, war so groß, dass sie nicht den leisesten Versuch machten, den empirisch festgestellten Aufmerksamkeitswirkungen die simpelste theoretische Behandlung angedeihen zu lassen: nämlich sie zu sammeln, um zu versuchen, durch erste Abstraktion zur Erkenntnis allgemeiner Gesetzlichkeiten zu gelangen.

Hätten sie das getan, würden sie - in den 20er Jahren ebenso rasch wie ich 35 Jahre später - die mannigfaltigen Wechselwirkungen zwischen den ihnen als "Prägnanztendenzen" bereits bekannten Wahrnehmungsfaktoren sowie weitere Wahrnehmungsbedingungen, vielleicht sogar schon deren hierarchische Ordnung, entdeckt haben, allerdings nur um den Preis der Aufgabe ihrer unfruchtbaren Theorien.

Die Vernachlässigung der Aufmerksamkeit ist global. So stellt Rock 1973 fest, es sei wenig bekannt über die Aufmerksamkeit, wenngleich sie für die Beschreibung von Figuren "vital" sei (17). Im gleichen Jahr heißt es im "Handbook of general psychology" zum Thema "attention":

Heute ist die physiologistische Reduktion des Seelischen in vollem Schwange. Auch die Erforschung der Aufmerksamkeit ist von ihr betroffen, und natürlich hat man allerhand Physiologisches gefunden; dem Verständnis der Aufmerksamkeit ist man dadurch nicht im mindesten näher gekommen. So heißt es 1980 bei Schwartz:

Den desolaten Zustand der Wissenschaft bezüglich der Kenntnis der Aufmerksamkeit beschreibt Rützel im Handbuch der psychologischen Grundbegriffe sehr schön:

Es gibt viele Wissenschaftler, die weder der Berliner noch der Leipziger Schule angehörten oder angehören, und die auch keine Behavioristen sind. Aber sie sind sog. Naturwissenschaftler. Für sog. Naturwissenschaftler gilt das Grunddogma, dass wissenschaftlich nur relevant ist, was in Zahl und Maß ausdrückbar ist. Die Stärke der Aufmerksamkeitszuwendung ist aber nicht in Zahl und Maß ausdrükbar. Also ist die Aufmerksamkeit für die Naturwissenschaftler nicht existent; existent sind für sie ggfs. jene messbaren physiologischen Vorgänge, die mit Aufmerksamkeitszuwendung verbunden sind. Das Ergebnis dieser Forschungsarbeit ist kurz gesagt:

Und das Buch "Attention" von Moray, aus dem dieses Zitat stammt, endet seinerseits mit einem Zitat:

Diese Worte stammen von O. Külpe aus dem Jahr 1895. So lange schon währt die Hilflosigkeit der Wissenschaftler der Aufmerksamkeit gegenüber - nur weil die sich nicht messen lässt.

2. Definitionen

Die Rat- und Hilflosigkeit der Wissenschaft in Bezug auf die Aufmerksamkeit äußert sich auch in der Mannigfaltigkeit der "Definitionen". Für Stumpff ist 1883 Aufmerksamkeit ein "Gefühl", für E.Mach der "Wille zu sehen". Erdmann fasst sie 1920 als "psychische Energie" auf, Henning nimmt sie als "gedachte Bedingung oder physiologische Voraussetzung bestimmter Erlebnisse". Für Rohracher ist sie der "bewusste Einsatz der psychischen Funktionen, das Erleben ihrer Tätigkeit" (18, S.526), für Birbaumer "die 'Fähigkeit' des Nervensystems zur selektiven Aktivitätserhbhung" (1, S.63), für Hebb "a central facilitation of a perceptual activity" (5, S.102) bzw. "central reinforcement of a sensory process" (5, S.87)  Neisser kennt seine Pappenheimer und entschuldigt sich für den "Animismus", so ein Wort wie "Aufmerksamkeit" überhaupt zu gebrauchen und definiert in ganz vernünftiger Weise:

 L. Kaufman verschwendet in "Sight and Mind" knapp 3 von 580 Seiten auf die Aufmerksamkeit. Mehr ist auch nicht nötig, denn nach ihm sind "Aufmerksamkeit" und "Wahrnehmung" synonyme Ausdrücke:

Wenn man diese "Definitionen" liest, so muss man Egeth und Bevan recht geben, die das Feld der Aufmerksamkeit als einen "KuddelmudÍdel" bezeichnen. Lustig allerdings ist, dass sie den Kuddelmuddel beseitigen zu können glauben, indem sie das empfehlen, was ihn erst entstehen ließ: "exakte Definitionen":

 [Zugegeben, dies war der Stand in den späten 70ern, den ich in den frühen 80ern fand. Inzwischen wurde in der Wissenschaft vom Sehen der Aufmerksamkeit mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Hier ist eine kleine Liste von Beispielen der letzten zwölf Jahre vor 2001, die ich in der englischen Ausgabe der Empiristic Theory von 2001 angab:

"Balz and Hock (1997), Baylis and Driver (1993), Bravo and Nakayama (1992), Castiello and Umiltà (1990), Desimone and Duncan (1995), Jonides and Yantis (1988), Mack, Tang, Tuma, Kahn and Rock (1992), Müller and Rabbitt (1989), Nicoletti and Umiltà (1989), Posner and Dehaene (1994), Posner and Petersen (1990), Remington, Johnston and Yantis (1992), Spitzer, Desimone and Moran (1988), Steinman, Steinman and Lehmkuhle (1995, 1997), Stelmach and Heidman (1991), Subirana-Vilanowa and Richards (1996), Tsal (1994), Yantis and Hillstrom (1994). A view on predominantly cognitive psychology of attention is to be found in Pashler (1998), with more than 800 references. See also the editorial by Spekreijse (2000) and the following 28 papers. To revise this Part, I did not feel it necessary to read this literature, as my everyday experience with attention enables me to integrate the experienced conditions and effects of attention on visual perception into the theory. On the other hand, if one wants to confirm, or falsify, among others, the "gestalt laws" in which attention is involved, as described in Part 8, it will be necessary to use this kind of literature" (KH 2001, p.6-44).]

 

3. Jedermanns-Erfahrungen mit der Aufmerksamkeit

Was die Aufmerksamkeit "ist", weiß jedermann, und genau das ist das Problem: es fehlt der Wissenschaft das Esoterische an der Aufmerksamkeit. Wissenschaft muss etwas Geheimnisvolles sein, das nicht jedermann verstehen kann. Das Verständliche ist a priori unwissenschaftlich; es kann zwar Gegenstand, nicht aber Merkmal wissenschaftlicher Aussagen sein. So muss auch die Aufmerksamkeit etwas ganz und gar anderes sein als das, was Hinz und Kunz über sie zu sagen wissen. Wie gern würde auch ich Ihnen über die Niederungen des Alltags sich Erhebendes über die Aufmerksamkeit sagen können - allein, mir fällt nichts ein. So trage ich zusammen, was ich selber - Hinz oder Kunz - mit der Aufnerksamkeit erlebt habe und führe es hiermit in die hohe Wissenschaft ein.  Doch nur einer wie ich, der keinen Ruf zu verlieren hat, darf solches zu tun sich unterstehen.

 1. Mit der Aufmerksamkeit kann ich etwas machen: nämlich sie auf etwas richten. Ich wende mich - so kann ich es auch ausdrücken - einer Sache aufmerksam zu. Immer ist mit dem Zustand des Aufmerksamseins eine Hinwendung, eine Zuwendung, verbunden.

 2. Zuwendung ist stets Zuwendung auf etwas, was dieses Etwas auch immer sein mag: ein Gegenstand, eine Person, ein Gedanke, ein früher Erlebtes, ein in Zukunft Erwartetes, ein hier Vorhandenes oder fern Gewähntes. Es kann dieses Etwas, dem ich mich zuwende, auch ein "Nichts" sein, etwa in der Meditation. Aufmerksamkeit kann auf alles "Mögliche" gerichtet sein, ist dann nur "Wachheit", d.h. Bereitschaft, etwas zu erleben.

3. Meine Aufmerksamkeit kann unwillkürlich erregt werden. Das heißt: ohne es selber zu wollen, richte ich meine Aufmerksamkeit auf etwas, vielleicht auf ein plötzlich aufleuchtendes Licht oder auf ein unübliches Geräusch im Nebenzimmer. Unwillkürlich blicke ich auf das Licht, höre ich gespannt in Richtung der Geräuschquelle - um festzustellen, was es ist. Auch eine plötzliche Idee kann meine Aufmerksamkeit erregen oder eine Erinnerung; es muss nicht etwas Wahrgenommenes sein, es muss aber - so meine ich - etwas Erlebtes sein. Nur was ich erlebe  (auch erinnere, auch erwarte), kann Aufmerksamkeit erregen.

 4. Ich kann meine Aufmerksamkeit auch willkürlich, absichtlich, einem Objekt zuwenden. Oft geht die unwillkürlich erregte Aufmerksamkeit in willkürliche Aufmerksamkeit über: Halb mag das Erlebte meine Aufmerksamkeit eine Zeitlang weiter erregen, sie gleichsam fesseln; halb interessiert es mich aber auch aus anderen Gründen festzustellen, was da geschieht, und ich will beobachten, "wie es weitergeht". Aufmerksamkeitszuwendung ist etwas anderes als Blickzuwendung. "Normalerweise" geht zwar beides miteinander einher, aber ich kann meine Aufmerksamkeit willkürlich einem anderen Objekt zuwenden als dem, das ich anblicke.

 5. Ob ich meine Aufmerksamkeit einem Objekt willkürlich oder unwillkürlich zuwende: der Aufmerksamkeit kommt stets eine gewisse "Stärke" zu. Ich kann ein Objekt oberflächlich wahrnehmen, ich kann ihm aber auch mehr Aufmerksamkeit zuwenden, als ich es bei "schweifender" Aufmerksamkeit tue. Ich kann sogar höchste Aufmerksamkeit aufbringen, kann etwa ganz  konzentriert  einem Vortrag folgen. Ich spüre sogar die Anstrengung, die es macht, mich willkürlich auf eine Sache zu konzentrieren. Mein ganzer Körper kann die Anspannung hoher Aufmerksamkeitszuwendung ausdrücken. Ich habe damit selber ein  "Gefühl" dafür, ob ich jetzt mehr aufmerksam bin oder weniger. Ich kann auch willkürlich meine Aufmerksamkeitszuwendung erhöhen oder vermindern.

 6. Je stärker ich meine Aufmerksamkeit auf etwas richte, desto genauer kann ich es wahrnehmen, desto mehr Details erfasse ich. Mit einem oberflächlichen Blick erfasse ich eine Anzahl schwarzer Zeilen, wenn ich auf dieses Buch schaue. Bei aufmerksamerer Zuwendung erkenne ich einzelne kleine, so und so geformte, schwarze Figuren: Buchstaben. Umgekehrt ist es entsprechend: wenn ich nicht so aufmerksam hinsehe oder einem Vortrag nicht so aufmerksam folge wie bisher, dann bekomme ich nicht mehr alles mit. Zwar mag ich noch erfahren, worum es gerade geht, erfasse vielleicht auch im Prinzip, welche Meinung der Vortragende zu dem behandelten Thema vertritt, aber die genauen Zusammenhänge, die genaue Argumentation, erfasse ich nicht mehr. Alles ist diffuser, weniger detailliert.

 7. Zu meinen Erfahrungen mit der Aufmerksamkeit gehört auch die Beziehung, die zwischen Aufmerksamkeits-Zuwendung zu dem einen Objekt und der Aufmerksamkeits-Abwendung von anderen Objekten besteht: Ich kann nicht alles zu gleicher Zeit erfassen. Wenn ich mich aufmerksam eigenen Gedanken oder Erinnerungen hingebe, kann ich jenem Vortrag nicht mehr so gut folgen. Je aufmerksamer ich mich dem einen Objekt zuwende, um so weniger aufmerksam kann ich mich anderen Objekten zuwenden. Ich muss Aufmerksamkeit von anderen Objekten abwenden, wenn ich meine Aufmerksamkeit dem einen Objekt zuwende. Die Aufmerksamkeitsabwendung kann so stark sein (bei sehr starker Aufmerksamkeltszuwendung auf ein Objekt), dass ich gar nichts mehr um mich herum wahrnehme, nichts sehe und höre außer dem, auf das ich mich gerade "konzentriere".

 8. In der visuellen Wahrnehmung hat die Aufmerksamkeitszuwendung einen räumlichen Gradienten: wenn ich meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt richte, dann nehme ich diesen am differenziertesten und intensivsten wahr. Alles andere nehme ich weniger differenziert wahr, je weiter weg vom Blickpunkt es liegt. Beispiel: Wenn ich einen Buchstaben dieser Seite fixiere, dann kann ich die Buchstaben in unmittelbarer Nachbarschaft auch noch gut lesen. Je weiter weg vom Blickpunkt die Buchstaben liegen, desto weniger gut sind sie wahrzunehmen..

9. Je länger ich meine Aufmerksamkeit einem Objekt zuwende, desto mehr "erlahmt" sie, d.h, desto geringer wird sie. Ich habe zwar das gleiche Anstrengungsgefühl, aber ich kann bei gleicher Anstrengung immer weniger wahrnehmen, bekomme immer weniger mit, was da gesprochen wird oder was ich da lese.

10. Je weniger meine Aufmerksamkeit von einer Sache gefesselt ist, desto schneller springt sie zu einer anderen Sache und von dieser evt. wieder zur nächsten.

Alles dies ist auch Ihnen bekannt; denn Sie haben die gleichen Erfahrungen gemacht wie ich. Alles dies ist den Wahrnehmungswissenschaftlern bekannt, nicht nur, weil sie in ihrem eigenen Alltagsleben die gleichen  Erfahrungen gemacht haben, sondern auch, weil sie mit wissenschaftlichen Mitteln fast alles dies herausgefunden haben. So ist ihnen der Unterschied zwischen willkürlicher und unwillkürlicher Aufmerksamkeit ebenso bekannt wie die zahlenmäßige Begrenztheit der Objekte bzw. "Bewusstseinsinhalte", die man mit der Aufmerksamkeit "umspannen" kann. Was ich hier als einen dynamischen Antagonismus von Zuwendung und Abwendung der Aufmerksamkeit beschrieben habe (Zi.7), wird in der traditionellen Wissenschaft als "Enge des Bewusstseins" bezeichnet oder - heute etwas moderner - als (beschränkte) "Kanalkapazität". Das Springen der Aufmerksamkeitszuwendung von dem einen zum anderen Objekt ist als ihre "Fluktuation" bekannt.

Das "Erlahmen" der Aufmerksamkeitszuwendung "mit der Zeit" ist als "zentrale Ermüdung" bekannt. Auch ist in der Wissenschaft bekannt, dass man ein Objekt um so differenzierter wahrnimmt, je aufmerksamer man es betrachtet. Schwerer tun sich Wissenschaftler allerdings mit der Tatsache, dass es sich bei der Aufmerksamkeit um ein Zuwendungsverhalten handelt. Weder in der deutsch-  noch in der englichsprachigen wissenschaftlichen Literatur ist ein Terminus gebräuchlich, der das Faktum der Zuwendung mitbezeichnet: es heißt fast immer "Aufmerksamkeit" bzw. "attention". Daraus folgt die Tatsache, daß das Objekt, das "Etwas", dem die Aufmerksamkeit zugewandt wird, von nur geringer Bedeutung für die traditionelle wissenschaftliche Behandlung der Aufmerksamkeit ist. Zwar wird die Wirkung der Blickzuwendung untersucht, mit der meist Aufmerksamkeitszuwendung verbunden ist, aber in die "Definitionen" der Aufmerksamkeit geht das Objekt der Aufmerksamkeitszuwendung kaum ein.

Welche Schwierigkeiten Wissenschaftler  haben, mit dem Stärkeaspekt der Aufmerksamkeitszuwendung umzugehen, habe ich oben schon erwähnt. Das Zahl- und Maß-Dogma, das für "Exaktheit" wissenschaftlicher Arbeit zu sorgen hat, sitzt tief im Bewusstsein der sich als "Naturwissenschaftler" fühlenden Wahmehmungsforscher und wird auch noch eine Zeitlang dort sitzen bleiben, mögen auch die "härtesten" Naturwissenschaftler selber schon seit geraumer Zeit von ihm abgerückt sein. Dass Exaktheit sich auch anders ausdrücken kann, etwa in der Exaktheit des Beobachtens und Darübernachdenkens, das müssen die Wahrnehmungswissenschaftler erst noch (oder wieder) lernen. Mögen meine Schriften ihnen hierbei behilflich sein!

Bis sich ausreichender Lernerfolg eingestellt hat, ziehe ich vor, nichts mehr zu lesen, was jemand über Aufmerksamkeit geschrieben hat. Entweder ist es Unsinn oder etwas Irrelevantes, weil Physiologisches, oder es ist etwas Vernünftiges, aber dann wissen wir - Hinz und Kunz - es sowieso schon.

Was wir über die "Aufmerksamkeitszuwendung auf etwas" wissen, werde ich von nun an zur  Erklärung der Beziehungen zwischen Änderung der Aufmerksamkeitszuwendung und Änderung des mit dieser Änderung verbundenen Änderung des Wahmehmungserlebens verwenden. Da nicht nur unsere Vorstellungen von der sinnlichen, sondern auch die von der außersinnlichen Wahrnehmung durch die permanente Vernachlässigung der Rolle der Aufmerksamkeitszuwendung lädiert sind, führe ich die Mitberücksichtigung der Aufmerksamkeitszuwendung in einer anderen Schrift (11) auch in die Parapsychologie ein.

Literaturverzeichnis der EPTS (1992)

Literaturverzeichnis der ETVG (2001)

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