Aus

Lothar Kleine-Horst:
"Evolutionär-psychologische Theorie des Sehens. Auftakt zu einem neuen wissenschaftlichen Weltbild." Köln 1992 (Teil 5 I)

 Interpretation einer Vorgestaltenreihe

1. Wohlfahrts Entdeckung

1925 begründete Erich Wohlfahrt mit seiner Dissertation ein neues Forschungsgebiet: die Aktualgenese. Wohlfahrt hatte seinen Versuchspersonen (Vpn) hell leuchtende Strichfiguren auf dunklem Grund in zunächst sehr geringer Größe dargeboten, so daß die Vpn oft nur gerade "etwas Helles" wahrnehmen konnten. Erst nach einer gewissen Vergrößerung der Vorlagefigur nahmen sie einen hellen Flecken mit einer festen, oft kreisförmigen, Umrandung wahr, mehr aber auch dann noch nicht. Die Figur musste weiter vergrößert werden, damit die Vpn  sie differenzierter wahrnehmen konnten: die zunachst einheitliche Figurkontur differenzierte sich in mehrere Abschnitte, es traten schließlich auch Binnenkonturen auf. Bis schließlich bei entsprechender Größe der dargebotenen Figur diese volldifferenziert gesehen wurde, so wie jedermann sie wahrnimmt, der die Figur unter "normalen" Wahrnehmungsbedlngungen betrachtet. Diese aktuelle (d.h. sich augenblicklich im Erleben vollziehende) Entwicklung des Wahrnehmungsgebildes aus diffus-ganzheitlichen Gebilden über "Vorgestalten" bis zur "Endgestalt" wird nach Sander "Aktualgenese" genannt.

In der Abb. 1 sehen Sie oben eine solche Vorgestaltenreihe. Dargeboten wurde die Figur, die als Stufe 9 abgebildet ist. Sie wurde also nicht als schwarze Strichfigur auf hellem Grund, sondern als helle Strichfigur auf dunklem Grund dargeboten. Die Versuchspersonen zeichneten das Wahrgenommene dann aber schwarz auf weiß. Wohlfahrt hat in seiner Arbeit die Linienenden der Vorlagefiguren nummeriert, so daß er mit diesen Nummern die Linien der Vorgestalten angeben konnte, die in die Linien der "Endgestalt" einmündeten.

Abb. 5-1. Aktualisierungsschema für Wohlfahrts Vorgestaltenreihe

Die aktualgenetische Gestaltenreihe der Abb. 1 beruht auf den Aufzeichnungen einer einzigen Versuchsperson, die die Serie der Vorgestalten beschrieb, die sich bei  Darbietung der Vorlagefigur ergaben. Diese Reihe wurde jedoch von mir erweitert. Wohlfahrts Vp Ot  zeichnete zuerst die hier als  3. Stufe wiedergegebene Figur. 8ei Vergrößerung der Vorlage zeichnete Ot, die Stadien 4 bis 8. Mit Wahrnehmung Nr.8 hatte die Vp den Eindruck, sie nehme nun die gezeigte Figur so wahr wie sie "ist". Ein  solches Perzept wurde von Sander und seinen Schülern als "Endgestalt' bezeichnet. Tätsächlich hatte die Vp  die Vorlage noch gar nicht so volldifferenziert wahrgenommen, wie es bei weiterer Vergrößerung möglich gewesen wäre, nämlich so, wie wir sie in Abb. 1 als Stadium 9 wahmehmen. Um siese letztmögliche Wahrnehmungsgestalt bei meinen Interpretationen miterfassen zu können, füge ich die Vorlage selbst als "Stufe 9"' in die Reihe ein.

Wohlfahrts Vp  Ot. zeichnete als zuerst wahrgenommenes Gebilde zwar gleich eine ziemlich differenzierte Figur: ein regelmäßiges Fünfeck. Wohlfahrt (1925/32) berichtete allerdings, daß in einem Drittel der Fälle (der Wahrnehmung aller Versuchspersonen mit allen Vorlagen) zuerst "völlig  undifferenzierte helle Flecke" gesehen zu werden pflegen, die "meist als ausgefüllte kleine Kreise zeichnerisch wiedergegeben"  (S. 364) werden. Um diese oft auftretende  Vorgestalt für die Interpretationen mitverwerten zu können, wird sie in Abb.1 als Stadium 2 eingeschaltet, und zwar als nicht-ausgefüllter Kreis, nicht-ausgefüllt deswegen, weil wir zunächst nur die Aktualgenese der Konturen behandeln und nicht auch die der Felder.

Butzmann (1940), ein anderer Schüler Sanders, unterschied bei seinen, mit einem anderen aktualgenetischen Verfahren durchgeführten, Versuchen ein Stadium, das selbst diesem "kreisartigen" Stadium noch vorgeschaltet war. Er beschrieb dieses bei ihm als 1. Phase auftretende  Perzept so:

"Es bleibt mehr oder weniger ein Helligkeitseindruck, von dem man nicht sagen kann, wo und ob er überhaupt begrenzt ist. Es ist ein Etwas da, das eine Ausdehnung hat. Teilweise geht es sogar in den Grund ein, wodurch eine eindeutige Grund-Figur-Differenzierung nicht möglich ist." (S. 148)

Dieses konturlose Gebilde wird hier als 1. Stadium geführt.

Nur die in Abb. 1 als Stadium 3 bis 8 dargestellten Figuren stammen also aus Wohlfahrts Reihe, diese Figuren wurden von Sander 1928 in seinem Kongreßbericht über Gestaltpsychologie veröffentlicht (S. 58), dort habe ich sie gefunden. Allerdings -  was ich 1961 noch nicht wußte - gab es bei Ot. noch einige Zwischenstufen, die ließ Sander schlicht heraus, ohne den Leser auf diese Auslassungen hinzuweisen. So bekam er eine prägnantere Reihe. Ich lasse im Augenblick diese Zwischengestalten ebenfalls heraus, werde sie aber unten (S. 55f) gesondert interpretieren.

 

2. Das Aktualsierungsschema

Ende der 50er Jahre "sah" ich bei Lektüre von Sanders Kongreßbericht sofort den "Gang" der Reihe  und fing auch gleich an, mit ein paar Buchstaben die Gestaltmerkmale zu kennzeichnen, die nacheinander in die Wahrnehmung eingeführt wurden. Ich sah sofort das Wirken einiger der mir aus der Literatur bekannten "Prägnanztendenzen" wie Geschlossenheit, Rechtwinkligkeit, Maßgleichheit usw. Auch die Frage, wieso diese "Gestaltfaktoren", wie ich sie nannte, nicht gleichzeitig, sondern bei Reizverstärkung nacheinander in das Perzept eintreten, stellte sich mir bald, und ich beantwortete sie mit der Annahme, die Gestaltfaktoren seien wohl hierarchisch angeordnet, und der jeweils übergeordnete habe eine höhere Aktualisierungsschwelle als der niedriger stehende. Danach würden also beim Stärkerwerden der Reize die Gestaltfaktoren in der Reihenfolge ihrer hierarchischen Anordnung "von unten nach oben" aktualisiert.

Auf Grund von Wohlfahrts Vorgestaltenreihe und anderer Fakten, die ich kannte, machte ich die Annahme, es gebe auf jeden Fall die formbildenden Gestaltfaktoren R, M und W. Ferner nahm ich eine bestimmte hierarchische Anordnung und den Anschluß dieser Hierarchie an die Hierarchie der figurbildenden Faktoren an, nämlich folgende:

Dann fertigte ich mir ein Aktualisierungsschema an, in dem ich unter den horizontal angeordneten Vorgestalten mit ihren Buchstabensymbolen diese Faktoren notierte. Das Aktualisierungsschema, das ich in Abb. 1 angebe, stimmt im wesentlichen inhaltlich mit demjenigen überein, das ich 1961 in meinem Manuskript anführte. Möglicherweise wird sich noch herausstellen, daß sich die Faktoren M und R auf gleicher Hierarchiestufe befinden. Dadurch würde sich das Schema im Falle der Abb. 1 aber nur unwesentlich ändern.

In der linken Spalte des Schemas finden Sie diese am Aufbau der Formwahrnehmung beteiligten Gestaltfaktoren angegeben, einschließlich des obersten Faktors der Figurwahmehmung, F. Unterhalb von F gibt es, wie Sie wissen, die weiteren am Aufbau des Perzeptes "Figur im Umfeld" beteiligten Faktoren P bis L. Sie werden hier mit "U" als einheitliche, nicht weiter zu differenzlerende, Faktorengruppe zusammengefasst. Andere an der Fomwahrnehmung beteiligten Gestaltfaktoren bleiben bei der Interpretation der Vorgestaltenreihe außer Betracht - der besseren Übersichtlichkeit wegen.

Das obere Aktualisierungsschema betrifft die Außenkontur, das untere die Binnenkonturen.

Über die generelle phänomenale Wirkung der Gestaltfunktionen ist noch  einiges zu sagen: den Faktor F, den obersten Gestaltfaktor des Figurwahrnehmungssystems, kennen Sie bereits. Mit ihm kann man die Geschlossenheit (F+) der Außenkontur einer Figur detektieren, siehe "Mond am Himmel" (Nr.1). Er kann aber noch mehr: man kann mit ihm auch die Nicht-Geschlossenheit, die  "Offenheit" einer Kontur wahrnehmen. Ein 3/4 Kreis aktualisiert den Faktor "Geschlossenheit" in nicht so starkem Maße wie eine voll geschlossene  Reizgegebenheit.

Es ergeben sich nun zwei grundsätzliche Möglichkeiten in der Aktualgenese: entweder sehe ich den 3/4-Kreis wie einen 3/4-Kreis, dann nehme ich ihn "reizadäquat" wahr, wie man sagt. Oder ich nehme ihn als einen geschlossenen Kreis wahr, als Vollkreis. In diesem Fall hat derselbe Gestaltfaktor "F"  gewirkt, aber im Sinne einer "Verzerrung", und zwar läßt er die  Reizgegebenheit geschlossener erscheinen als sie "ist". Es ist auch eine "Zwischenlösung" möglich; sie besteht darin, daß der Faktor "Geschlossenheit" den 3/4-Kreis der Reizgegebenheit nicht als vollgeschlossen erscheinen läßt, sondern als "mehr geschlossen" als er objektiv "ist": also etwa als einen zu 7/8 geschlossenen Kreis. In jedem Falle, in dem eine Figur geschlossener erscheint als den Reizverhältnissen entspricht, kann man von einer"formativen" Wirkung des Gestaltfaktors "Geschlossenheit" sprechen.

Wenn die Sinnesenergie überhaupt schon so groß ist, daß der Gestaltfakor "F" aktualisiert wird, dann wird sie bei relativ geringer Stärke den Faktor "formativ" aktualisieren, bei höherer Sinnesenergie werden die Geschlossenheits / Offenheits- Verhältnisse "reizadäquat(er)" wiedergegeben.

Was für den Faktor "F" gilt, gilt auch für jeden anderen Gestaltfaktor. Mit dem Faktor "Geradlinigkeit" kann man den Grad der Bogigkeit einer Linie, z.B. einer Figurkontur, wahrnehmen, wenn die Sinnesenergie groß genug zu einer "reizadäquaten" Wahrnehmung ist. Ist sie zu gering, dann wird der Faktor "R" möglicherweise überhaupt noch nicht aktualisiert, oder wenn er schon aktualisiert wird, dann wird er zunächst nur "formativ" wirken, d.h.im Falle dieses Faktors: er wird die Linien "gerader" erscheinen lassen, als sie "objektiv", d.h. "reizmäßig", sind.

Den Faktor "M" bezeichne ich als den Faktor "Maßgleichheit" deswegen, weil seine formative Wirkung dahin geht, die Längen und Abstände von Linien und Figuren einander anzugleichen, sie "gleicher" zu machen als sie "sind". So kann man ein Rechteck als Quadrat erleben, wenn der Faktor "Maßgleichheit" dafür sorgt, daß man die vier Seiten als gleichlang erlebt. Wenn man etwa die Reizenergie erhöht (z.B. durch Vergrößerung der Beleuchtung), oder wenn man etwas "genauer" (d.h.aufmerksamer) hinschaut, dann nimmt man kraft desselben Faktors "M" die tatsächliche Ungleichkeit der Seitenlängen wahr.

Der Faktor "W" heißt "Orthogonalität", weil seine formative Wirkung alle Winkel zwischen aufeinander zugehenden oder -stoßenden Linien orthogonaler, rechtwinkliger,  erscheinen läßt als den Winkelverhältnissen in dem dargebotenen Reizmuster entspricht. Ein Winkel von 70 Grad wird dann vielleicht als 80 oder 85° groß erscheinen, vielleicht sogar als 900, d.h. wirklich als "Rechter Winkel". Ein stumpfer Winkel wird ebenfalls in Richtung auf einen Rechten Winkel "verzerrt" erscheinen, nämlich nicht mehr so stumpf, vielleicht  ebenfalls als "Rechter Winkel".

Man kann also in Bezug auf jeden Gestaltfaktor von seiner " reizinadäquat- formativen" Wirkung und von seiner " reizadäquat-informativen" Wirkung sprechen. Allerdings ist solchen.Bezeichnungen keine große Bedeutung beizumessen. Eine "reizadäquate" Wahrnehmung gibt es ja gar nicht: jede Wahrnehmung ist gestalthaft und daher definitionsgemäß reizinadäquat. Dennoch soll die Bezeichnung "reizadäquat" bzw. "reizinadäquat"  beibehalten werden; die soeben gegebenen Erläuterungen zeigen hinreichend genau, was mit ihnen gemeint ist, wenn sie auch theoretisch nicht vertretbar sind.

Mit dem Index "f" wird die mehr formative Wirkung des Gestaltfaktors gekennzeichnet. Diese formative Wirkung vermindert sich in demiMaße, als die Reizstärke (hier:die Größe der Vorlagefigur) erhöht wird: die Wahrnehmung wird "reizadäquater". Als voll reizadäquat kann man die Wahrnehmung der Vorlage bezeichnen, wenn diese gesehen wird wie in Stufe 9. Während die reizinadäquat-formative Wahrnehmung mit dem Index "f" gekennzeichnet ist, so die reizadäquat-informative Wahrnehmung mit dem Index "r".

Die aktualgenetische Entwicklung des Perzeptes in Richtung auf größere Reizadäquatheit (Objektadäquatheit) bis hin zur volldifferenzierten Wahrnehmung, stellt sich funktionologisch als Progression der Aktualisierung dar, nämlich

  1. als Aktualisierung je höherstufiger Gestaltfaktoren,
  2. als Übergang von zunächst mehr formativer zu mehr reizadäquater Aktualisierung desselben Gestaltfaktors.(Was dies funktionologischwirklich bedeutet, wird in einer anderen Schrift dargestellt.

Umgekehrt: Ein Gestaltabbau, der bis zur Gestaltauflösung gehen kann, stellt sich funktionologisch als eine Regression der Aktualisierung dar, nämlich

  1. als Beendigung der Aktualisierung von Gestaltfaktoren in der Reihenfolge "von oben nach unten",
  2. als Übergang von mehr reizadäquater zu mehr inadäquat-formativer Wirkung ein und desselben Gestaltfaktors.

Im Aktualisierungsschema der Abb.1 sind alle Aktualisierungszustände, die sich gegenüber dem Vorstadium als Progression der Aktualisierung darstellen, mit einem Kreis umrahmt. Bei einem gegenüber dem Vorstadium regressiveren Aktualisierungszustand wird das Symbol des Gestaltfaktors mit einem Quadrat umrahmt. So kann man mit einem Blick den Gang der Progression bzw. Regression erkennen.

Wenn ich im folgenden die einzelnen Stadien beschreibe, so stets zum einen das Erleben, zum anderen die erlebensienseitigen Erlebensbedingungen, die ich als Aktualisierungszustand bestimmter Gestaltfaktoren darstelle. Wir treiben hier also zweierlei: beschreibende Phänomenologie und erklärende Funktionologie, und damit befinden wir uns  ganz auf dem Boden des 3-Bereiche-Konzeptes. Mit der Materie haben wir zunächst nichts zu tun, nichts mit Nervenerregungen, mit Erregungsbahnen, Überträgersubstanzen, Alpha-, Beta- und Was-weiß-ich- für-Wellen. Wir haben es unmittelbar nur mit Funktionen und ihren Beziehungen zueinander zu tun, wenn wir die Phänomene erklären wollen. Wie die Funktionen ihrerseits zu erklären sind, ist eine andere Frage; sie wird in einer anderen Schrift beantwortet. Zunächst geht es darum, die Funktionen des visuellen Wahrnehmungssystems genau kennenzulernen. In dieser Schrift geht es um das exemplarische Kennenlernen von Gestaltfaktoren, die die Formwahrnehmung bedingen. Zunächst wird die Aktualgenese der Außenkontur, dann die der Binnenkonturen, dann etwas die Aktualgenese der Binnenfelder beschrieben, stets an Hand der Wohlfahrtschen Vorgestaltenreihe.

3. AktuaIgenese der Außenkontur

1. Stadium

Es ist das Stadium, in dem nur etwas Helles wahrgenommen wird, etwa ein "heller Nebel". Der Nebel ist vom dunklen Umfeld nur diffus abgehoben; das Helle geht verschwommen ins Dunkle über. Keinesfalls gibt es eine feste Kontur zwischen Hellem und Dunklem. Wir dürfen also davon ausgehen, daß der Faktor "Figur" noch gar nicht aktualisiert worden ist; er ist es ja, der eine Grenze zwischen dem einen und dem anderen Teil des Wahmehmungsfeldes erleben lassen würde, und zwar eine Grenze, die möglichst "geschlossen" um den einen Teil des Wahmehmungsfeldes herumginge, eine Umschließungskontur. Eine solche durch eine Linie von Inhomogenitäten gekennzeichnete Umschließungskontur ist aber hier noch nicht wahrnehmbar.

Aktualisiert sind in diesem Stadtürn also nur Gestaltfaktoren unterhalb F. Diese Faktoren werden mit dem Symbol "zusammengefaßt. "U" ist nur eine Sammelbezeichnung, deswegen kann man nicht angeben, ob eine mehr formative ("f") oder eine mehr reizadäquate ("r") Aktualisierung vorliegt.

2. Stadium

Bei einer Vergrößerung der Vorlage bekommt das bisher nur "Helle" eine feste Kontur, es wird zum einem gegenüber allem anderen abgegrenzten Flecken, zu einer Figur. Im Stadium 2 muß also derGestaltfaktor "Figur" aktualisiert worden sein, denn "Geschlossenheit der Kontur" oder "Umschließungskontur" ist ja seine Gestaltqualität, die er ins Erleben eingibt.

Weil "F" als neuer Faktor hinzutritt, wird er eingekreist. Der "alte" Faktor U verliert seinen Kreis, aber er bleibt mit eingetragen, denn er wird ja immer noch aktualisiert. Es ist nämlich ausgeschlossen, daß ein Faktor aktualisiert wird, ohne daß irgendein Faktor "unter" ihm nicht aktualisiert wird. Die Aktualisierung aller niedrigeren Gestaltfaktoren ist notwendige, wenngleich nicht hinreichende Bedingung für die Aktualisierung eines höheren, auf den niederen  aufbauenden, Gestaltfaktors. Ein höherstufiger Gestaltfaktor differenziert lediglich dasjenige Perzept, das sich durch Aktualisierung der niedrigeren bereits gebildet hat.

Die  Vorlagefigur weist "Öffnungen" auf, sie ist nicht vollständig geschlossen. Wahrgenommen wird im 2. Stadium jedoch eine geschlossene Figur. Diese Wahrnehmungsqualität müssen wir als eine formative Aktualisierung des Gestaltfaktors F interpretieren; F "schließt" gleichsam die Öffnungen, macht die Figur geschlossener, als sie "reizmäßig" ist. Diese formative Wirkung des Faktors F bleibt bis zum 7. Stadium bestehen. Erst im 8. Stadium erfolgt eine reizadäquatere Wahrnehmung hinsichtlich der Qualität "Geschlossenheit", nämlich Nicht-Geschlossenheit der Kontur, wenigstens hinsichtlich der Linienenden 5, 6-3 und 7-4, aber noch nicht bezüglich der Ecke 1.

Ein oberhalb F gelegener Gestaltfaktor ist der Faktor "Geradlinigkeit". Man könnte versucht sein zu glauben, die "Rundheit" oder "Boglgkeit" der Kreiskontur habe etwas mit dem Faktor "Geradlinigkeit" zu tun. Probiert man im Geiste eine solche Beziehung aus, muß man feststellen: sie funktioniert nicht, sofern man nicht die bisher aufgestellten Prinzipien verlassen will. Es ist ja gerade Geradllnlgkeit die formative Wirkung des Faktors R. Es müßte also zu erwarten sein, daß unter der in Stadium 2 waltenden geringeren Reizstärke bogige Vorlagelinien geradlinig erscheinen, nicht aber gerade Vorlagelinien bogig. Auf der anderen Seite ist auch keine reizadäquate Wirkung des Gestaltfaktors "Geradllnigkeit" gegeben; denn die Vorlage selber ist ja nicht bogig; sie besteht vielmehr aus geraden Linien. Reizadäquate Wirkung des Gestaltfaktors R müßte als Geradlinigkeit der Kontur erscheinen. Aus diesem Dilemma kommt man nur heraus, wenn man eine Nicht-Aktualisierung des Faktors R annimmt. Warum unter diesen Bedingungen der F-Faktor zu einer Art Kreis-Erleben führen muß, wird weiter unten unter der Überschrift "Die formlose Kreisscheibe" begründet (S. 30 ff).

3. Stadium

Bei entsprechender Größe der Vorlagefigur wird ein regelmäßiges Fünfeck erlebt. Die Kontur hat sich differenziert. Es liegt nicht mehr eine einzige Kontur vor, sondern eine 5-teilige Kontur. (Man müßte bei einer differenzierteren Interpretation einen Zahl-Faktor an dieser Stelle einführen, das soll, wie gesagt, aus Vereinfachungsgründen hier nicht geschehen.)

Die Kontur wird nun als eine Anzahl gerader Linien wahrgenommen. Es muß also der Faktor "R" aktualisiert worden sein, und zwar in reizadäquater Weise, denn die Vorlage besteht ja aus geraden Linien. Es wird daher mit "Rr" signiert.

Die geraden Konturabschnitte haben fast gleiche Länge, entgegen den Maßverhältnissen in der Vorlage. Wir müssen hier also mit der Aktualisierung des Gestaltfaktors "Maßgleichheit" rechnen, der hier formative Wirkung entfaltet. Es wird mit "Mf" signiert.

Nun könnte man daran denken, auch die Aktualisierung des Gestaltfaktors "Rechtwinkllgkeit" anzunehmen; denn die Konturabschnitte stoßen ja mit einem bestimmten Winkel zusammen. Allerdings haben wir eine ähnliche Schwierigkeit der Interpretation wie im Falle des "bogigen" Kreises. Eine reizadäquate Aktualisierung des W-Faktors liegt hier nicht vor, denn die Winkel entsprechen wirklich nicht den Winkeln der Vorlage. Eine formative Wirkung des Faktors "Rechtwinkllgkeit" liegt noch weniger vor, denn auf keinen Fall sind die Winkel des Stadiums 3 in stärkerem Maße "Rechte" als in der Vorlage; ganz im Gegenteil: sie besitzen nicht die in der Vorlage vorhandene wenigstens teilweise Rechtwinkligkeit. Was ist zu tun? Entsprechendes wie im Falle des Stadiums 2: nämlich die Nicht-Aktualisierung des "schwierigen" Faktors, in diesem Falle des W-Fäktors, annehmen. Die sich hierbei ergebende Interpretation des Stadiums 3 als "winkelloses Fünfeck" wird ebenfalls weiter unten erläutert.

4. Stadium

In dieser Stufe muß der Gestaltfaktor "W"=Rechtwinkligkeit als aktualisiert betrachtet werden: die Winkel entsprechen weitgehend denen der Vorlage, wenn man die Winkel zwischen denjenigen Linien betrachtet, die im Stadium 4 bereits wahrgenommen werden, nämlich die Winkel zwichen den Linien der Ziffemreihe 1-2-3-6-5-4-1. Es muß hier mit "Wr" signiert werden.

Wenn man nun die Längen der Konturen im Stadium 4 mit denen der Vorlage vergleicht, muß man feststellen, daß die Gleichheit der Längen des Stadiums 3 verschwunden ist; die Längen der Konturen haben sich weitgehend denen der Vorlagelinien angeglichen. Bezüglich des Gestaltfaktors M erfolgte also eine Differenzierung des Perzeptes in Richtung auf größere Reizadäquatheit; es ist mit "Mr" zu signieren. Beide Signen (Mr und Wr ) werden eingekreist, denn die Aktualisierung von W und M ist gegenüber dem Vorstadium progrediert. Im Falle von R besteht die Progression darin, daß der Gestaltfaktor überhaupt aktualisiert wurde, im Falle von M darin, daß ein Übergang von mehr formativer zu mehr reizadäquater Wirkung erfolgte.

Beachten Sie bitte noch einmal: alle anderen Gestaltfaktoren haben ihre Aktualisierung beibehalten: weiterhin werden die geraden Linien reizadäquat gerade gesehen, weiterhin werden reizmäßig nicht-geschlossene Linien formativ geschlossen erlebt, weiterhin müssen sämtliche Figurfaktoren unterhalb F aktualisiert sein, welche auch immer es sein mögen.

5.Stadium

Die auffälligste phänomenale Veränderung in der Vorgestaltenreihe gegenüber dem Vorstadium ist hier das Auftreten einer Binnenkontur. Deren Aktualisierungszustand soll aber erst später beschrieben werden. Hier verfolgen wir nur die Veränderung der Außenkontur.  Phänomenal besteht sie in einer "Entdifferenzierung", funktional in einer Regression der Aktualisierung von Gestaltfaktoren. Gegenüber der Stufe 4 werden die Winkel zwischen den Außenkonturlinien als "mehr rechtwinklig" erlebt, daher ist mit "Wf" zu signieren. Dieses Signum ist zur Kennzeichnung der Regressivität der Aktualisierung mit einem Quadrat zu umrahmen.

Die Regression scheint nur den Faktor "W" zu betreffen; die Längenverhältnisse dagegen können als denen des Stadiums 4 entsprechend angesehen werden.

6. Stadium

Wir müssen gemäß Stadium 3 auch im Falle des Stadiums 6 annehmen, daß der Faktor W=Rechtwinkligkeit jetzt nicht mehr aktualisiert wird. Wir haben es demnach in der Außenkontur (nur um diese geht es im Augenblick) mit einem "winkellosen" Zustand zu tun wie im Falle des 3. Stadiums. Ein "W"-Signum entfällt.

Die Linien der Außenkontur haben sich in ihren Ausmaßen etwas aneinander angeglichen, was einer Regression von "M" entspricht. Während sich die Regression der Aktualisierung des Gestaltfaktors "W" als ein Ausfall der Aktualisierung äußert, handelt es sich bei der Regression von "M" um einen Übergang von mehr reizadäquater zu mehr formativer Wirkung des M-Faktors. Es ist also mit "Mf" zu signieren und das Signum mit einem Quadrat zu umrahmen.

7. Stadium

Hier ist wieder eine Progression der Aktualisierung festzustellen, denn die Winkel zwischen den Auenkonturen entsprechen wieder weitgehend denen der Vorlage, also signieren wird mit "Wr". Die Länge der Außenkonturen verlieren ihre reizadäquate Gleichheit und ändern sich in Richtung auf größere Reizadäquatheit, signiert wird mit "Mr".

8. Stadium

Während in der 7. Stufe die einander parallelen Außenkonturlinien noch ziemlich gleichlang waren, werden sie in der 8. Stufe weitgehend reizadäquat-ungleichlang. Um diese Progression zu kennzeichnen, schlage ich vor, mit "Mrr" zu signieren. Jedes Signum bezieht sich ja laut Signierungsregeln stets auf den jetzigen Aktualisierungszustand im Vergleich zum vorhergehenden. Das doppelte "r" soll darauf hinweisen, daß die Wirkung des Gestaltfaktors "M" in Richtung auf Reizadäquatheit in diesem Stadium noch weiter vorgeschritten ist als im Vorstadium gegenüber dem Vorvorstadium. Im Vorstadium wurde aber bereits mit "Mr" (d.h.mit einem einzigen "r") signiert.

Auch die Winkel werden in dieser Stufe noch reizadäquater (Wrr). Auch öffnet sich bei 5 und 6-3 die Außenkontur, die bisher formativ geschlossen war. Also wird mit "Fr" signiert.

9. Stadium

Wäre der aktualgenetische Versuch nicht mit dem Stadium 8 als "Endgestalt" abgebrochen worden, würde Ot. sicherlich bei entsprechender Vergrößerung der Vorlage diese auch so wahrgenommen haben wie wir sie in diesem Buch wahrnehmen.  Als wesentliche phänomenale Veränderung zeigt sich die Öffnung der Außenkontur bei Zi.1, sie wäre mit "Frr" zu signieren.

4. Aktualgenese der Binnenkonturen

5. Stadium

Die 1. Binnenkontur tritt im 5. Stadium auf. Auf jeden Fall sind U und F als aktualisiert anzusetzen. Man kann die Binnenkontur auffassen als eine Linie, die zusammen mit Außenkonturlinien zwei Infelder umschließt. Die Linien umschließen ein unteres, fast rechteckiges, Feld, dessen Seiten parallel zueinander stehen. Das obere Feld ist ein gleichschenkliges, fast schon ein gleichseitiges, Dreieck. Man kann also die Aktualisierung von "Geschlossenheit" (F) annehmen. Dabei handelt es sich um formative Geschlossenheit, denn die Binnenfelder der Endgestalt (besser noch: der Vorlage-Gestalt) sind nicht geschlossen, sondern offen.

Ich möchte Sie an dieser Stelle wenigstens darauf hinweisen, daß eine Linie, z.B. dieses Gebilde: /,  bereits eine Figur ist, für die "F" aktualisiert wird. Nicht erst ist dann eine Figur gegeben, wenn eine Linie ein Infeld umschließt. Diese soeben gezeigte Linie ist dann eben keine "geschlossene", sondern eine "offene" Figur. Mehr möchte ich aber auch nicht darüber sagen, weil ich selbst zu wenig über diese einfachen Gebilde und ihre doch nicht mehr ganz einfache funktionale hierarchische Struktur weiß.

Die Geradlinigkeit der Erstreckung der Binnenkontur wird mit "Rr" signiert, wie schon  im Falle der Außenkonturen.Da die Binnenkontur an der Außenkontur ansetzt, ist ihre Länge im Verhältnis zur Länge der sich anschließenden Außenkonturlinien zu beurteilen, wenn man sich fragt, ob und wie der Faktor "M" aktualisiert worden ist. Ich kann keine eindeutige Aussage darüber machen, ob "M" aktualisiert wird. Zwar ist die Binnenkontur (die ja der Linie 3-1 der Vorlage entspricht), ebenso lang wie die Linie 5-4, aber diese Längengleichheit muß nicht unbedingt eine an der Binnenkontur ansetzende Wirkung des Faktors "Maßgleichheit" sein; es würde die Aktualisierung von "O" für die Parallelisierung der Seiten 5-6 und 4-1 der Außenkontur und die Aktualisierung von "M" für diese Seiten genügen, um, wenn schon eine Linie zwischen 6 und 1 ansetzt, für diese Linie Längengleichheit mit Linie 5-4 herzustellen.

st also unsicher, ob für die Binnenkontur der Faktor "M" aktualisiert ist, so ist darüberhinaus auch unsicher, ob der Fektor "W" für die Binnenkontur aktualisiert ist. Gewiß: ist "M" nicht aktualisiert, so auch nicht "W". Aber selbst wenn wir annehmen sollten, daß "M" für die Binnenkontur aktualisiert ist, so wüßten wir doch nicht, ob dann auch noch "W"' aktualisiert ist, nämlich zur Herstellung fast rechtwinkliger und paralleler Linienbeziehungen zwischen Binnenkontur und Außenkonturen. Diese Beziehungen würden sich ebenso wie die Maßgleichheit aus der Konstellation der Außenkonturlinien von selbst ergeben, wenn eine Linie zwischen 6 und 1 auftritt. Vorsichtshalber signiere ich für die Binnenkontur weder M noch W. Doch auch eine Signierung mit "Mf" und "Wf" würde durchaus in den Rahmen theoretischer Erwartungen fallen, also keine theoretisch "unmögliche" Aktualisierungsabfolge ergeben.

6.Stadium

Es tritt eine 2. Binnenkontur auf; sie entspricht der Linie 6-7 der Vorlage. Sie setzt mit dem einen Ende an der1. Binnenkontur an, mit dem anderen Ende an einer Außenkonturlinie. Diese 2. Binnenkontur teilt das untere Feld in zwei gleiche Teile, indem sie jeweils in der Mitte der Linien ansetzt. Für diese Beziehungen ist die Wirkung des Maßgleichheitsfaktors anzunehmen, signiert mit "Mf".

Nicht nur Maßgleichheit, sondern auch Rechtwinkligkeit ist hier ganz und gar reizinadäquat. Sehr deutlich ist die reizinadäquate, also formative, Rechtwinkligkeit des Ansatzes der 2. Binnenkontur; es ist daher mit "Wf" zu signieren.

7. Stadium

Im 7. Stadium erfolgt eine weitere Progression. Nicht neue, höherstufige Gestaltfaktoren werden aktualisiert, sondern die bereits aktualisierten Faktoren sorgen für eine genauere, differenziertere, nämlich reizadäquatere Auffassung der dargebotenen Vorlagefigur. Es wird signiert mit "Mr, Wr"; denn sowohl die  Längen der Linien als auch die Größe der Winkel, in denen die Linien zusammenstoßen, haben sich in Richtung auf größere Objektadäquatheit verändert.

8. Stadium

In diesem Stadium, dem letzten der aktualgenetischen Versuchsreihe mit der Vp Ot und dieser Vorlagefigur, ist die Differenzierung des Perzeptes fast bis zur volldifferenzierten Auffassung der Vorlagefigur vorgeschritten. Während im 7. Stadium die Progression in Richtung der Reizadäquatheit der Längen und Winkel besonders die 2. Binnenkontur betraf, werden jetzt die Länge der 1.Binnenkontur sowie die Winkel, mit denen die 1. Binnenkontur an den Außenkonturen ansetzt, reizadäquater. Wir müssen mit "Mrr" und "Wrr" signieren ("rr", weil im Vorstadium schon mit "Mr" und "Wr" signiert worden ist).

In diesem Stadium erfolgt endlich auch eine Öffnung der Konturen - sowohl der Außenkonturen (s. oben) als auch einer Binnenkontur (Ecke 4). Es wird daher mit "Fr" signiert. Die andere Binnenkontur bleibt noch an die Außenkontur an-"geschlossen" (Ecke 1).

9. Stadium

Die ganz  und gar "reizadäquate" Wahrnehmung im 9. Stadium unterscheidet sich vor allem durch Fortschreiten der Öffnung der Figur. Da die Gesamtheit der Öffnungen reizadäquater als bisher ist, wird mit "Frr" signiert.

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