Aus

Lothar Kleine-Horst:
"Evolutionär-psychologische Theorie des Sehens. Auftakt zu einem neuen wissenschaftlichen Weltbild." Köln 1992 (Teil 5 II)

 

Verfeinerung der Interpretation

1. Die Übereinstimmung der Theorie mit den Fakten

Nach der Signierung der angenommenen Aktualisierungszustände von fünf Gestaltfaktoren (bzw. Faktorengruppen), die sich in einer bestimmten angenommenen hierarchischen Beziehung zueinander befinden, ist zu fragen, inwieweit die Fakten der theoretischen Erwartung entsprechen.

Nach dem aktualgenetischen Konzept muß sich die Entwicklung eines Perzeptes mit steigender Reizstärke (hier: der Vergrößerung des Reizmusters) als eine Progression der Aktualisierung der hierarchisch angeordneten Gestaltfaktoren von unten nach oben darstellen. Da wir eine Progression durch Umkreisung des Symbols des in progredierterem Aktualisierungszustand befindlichen Gestaltfaktors gekennzeichnet haben, ist die Frage rasch zu beantworten: Jedes Stadium zeichnet sich gegenüber seinem Vorstadium durch Progression der Gestaltfaktoren aus, wenn man die Entwicklung der Außenkontur und der Binnenkonturen zusammennimmt.

Zwei Stadien bilden insofern eine Ausnahme, als sie nicht ausschließlich durch Progression gekennzeichnet sind; in ihnen kommt dreimal auch eine Regression vor. Die Progression betrifft die Binnenkontur, die Regression die Außenkontur. Gewichtet man Progression und Regression, so erkennt man das Überwiegen der Progression auch in diesen Fällen: in der 5. Stufe besteht die Progression in der Neueinführung dreier Gestaltqualitaten, während die Regression lediglich als Übergang von reizadäquater zu formativer Aktualisierung im Falle eines einzigen (die Außenkontur betreffenden ) Gestaltfaktors erscheint. Im 6. Stadium ist die Regression insgesamt zwar stärker als im 5.Stadium, sie besteht im Ausfall der Aktualisierung eines Gestaltfaktors für die Außenkontur. Dem steht jedoch auf der Progressionsseite die Neueinführung von drei Gestaltqualitäten (für die 2. Binnenkontur) sowie die Neuinführung von zwei Gestaltqualitäten (für die l. und 2. Binnenkontur gegenüber. Also auch hier überwiegt die Progression - entsprechend den Erwartungen der Theorie.

Zählt man Progressionen und Regressionen aus (also die Kreise und die Quadrate), so kommt man auf ein Verhältnis von 26:3 zugunsten der Progressionen  Man könnte es bei diesem sehr guten Befund bewenden lassen, durch den die theoretische Erwartung progressiver Entwicklung bei Reizverstärkung bestätigt wird. Doch läßt sich mit Hilfe einer weiteren Annahme auch die 3-malige Regression im Sinne einer Bestätigung theoretischer Erwartungen interpretieren. Das soll in Kapitel IV geschehen.

Aus dem Aktualisierungsschema ergibt sich die Aktualgenese eines Perzeptes nicht nur rein quantitativ als eine "Vermehrung" von Aktualisierung, Die Aktualgenese erweist sich auch als die Aktualisierung ganz bestimmter Gestaltfaktoren, von denen jeder eine ganz bestimmte Gestaltqualität ins Wahmehmungserleben einführt.

So entspricht die Vorgestaltenreihe der theoretischen Erwartung auch hinsichtlich der angenommenen hierarchischen Beziehungen zwischen den Gestaltfaktoren. Wenn eine neue Gestaltqualität ins Perzept eingeführt wurde, so war es stets eine Qualität, die einem höherstufigen Gestaltfaktor zuzuordnen war. Nicht ein einziges Mal ist es vorgekommen, daß eine neue Gestaltqualität eingeführt wurde, die sich aus einem niedrigerstufigen Gestaltfaktor herleitet.

Entsprechendes muß auch für den Ausfall der Aktualisierung von Gestaltfaktoren gelten: obwohl es nur ein einziges Mal vorkam, daß ein ganzer Gestaltfaktor ausfiel, der im Vorstadium aktualisiert war, so handelt es sich selbst in diesem einen Falle um den jeweils höchststufigen der vorher aktualisierten Gestaltfaktoren. Nur die jeweils höchststufigen Gestaltfaktoren können ausfallen; es kann nicht ein niedrigerstufiger Faktor ausfallen, während ein auf ihm aufbauender höherstufiger aktualisiert bleibt.

Sollte män im Falle einer konkreten Interpretation glauben, von diesem Abfolgegesetz abweichen zu müssen, so hat man falsch interpretiert. Möglicherweise hat man eine falsche hierarchische Position für einen Gestaltfaktor angenommen. Es kann aber auch sein, daß nur eine scheinbare Abweichung vom Abfolgegesetz vorliegt, dann nämlich, wenn es sich um eine komplexere Wahrnehmung handelt, bei der Teilhierarchien ineinandergeschachtelt sind. (Beispiele an dieser Stelle zu bringen, ist nicht sinnvoll). Da die Theorie strenge Gesetzmäßigkeiten und nicht Regeln mit allerlei Ausnahmen postuliert, ist sie hochgradig empirisch überprüfbar, wie es sich für eine gute Theorie ja auch gehört.

Als Bestätigung der Forderung nach aufsteigender bzw. absteigender Aktualisierung dienen auch alle jene Aktualisierungszustände, die im Schema nicht durch einen Kreis oder ein Quadrat ausgezeichnet sind: also jene, die sich gegenüber dem jeweiligen Vorstadium nicht geändert haben. Auch dieses Sich-nicht-ändern paßt in den Rahmen theoretischer Erwartungen hinein.

Ebenso widerspricht es der theoretischen Forderung nach einer bestimmten Abfolge in der Aktualisierung der Gestaltfaktoren nicht, wenn im Falle eines konkreten aktualgenetischen Versuchs im nächsten Stadium nicht nur ein einziger Gestaltfaktor neu aktualisiert wird, sondern gleich mehrere, wie das im Falle der Wohlfahrtreihe mehrmals geschehen ist. Die "Feinheit" der Abfolge von Gestaltqualitäten ist eine Sache der Feinheit in der Erhöhung der Reizstärke. Wohlfahrt hatte seine Vorlagen von Stufe zu Stufe um jeweils 25% vergrößert. Bei feinerer Abstufung der Vergrößerung würde sich wahrscheinlich ein differenzierterer Verlauf der Perzeptentwicklung ergeben haben.

Schon die kleinste Größe des Reizmusters, die Wohlfahrt für alle seine Versuche wählte, war im Falle des Herrn Ot., der offenbar sehr sensibel auf die Aktualgenese ansprach, sehr groß; denn Ot. sah nicht   wie es bei geringerer Reizgröße möglich gewesen wäre, die in unserem Aktualisierungsschema als l. Stadium gezeichnete, ebenfalls nicht die als 2.Stadium gezeichnete, Vorgestalt. Er nahm gleich ein fortgeschrittenes Stadium - ein Fünfeck - wahr.

Ebenso: eine Vergrößerung über die "Endgestalt" (Nr.8) hinaus würde auch die Vp  Ot. schließlich die Vorlage so haben wahmehmen lassen, wie wir sie hier bei genügend großer Darbietung in dieser Schrift in Abb.1, Figur 9 oben rechts, wahrnehmen: mit jener kleinen Öffnung an der Ecke 1. Es gehörte zu Wohlfahrts Untersuchungsmethode, den Versuch dann abzubrechen, wenn die Vp. den Eindruck hatte, so wie sie jetzt das dargebotene Gebilde sehe, sehe sie es reizadäquat, auch wenn dies objektiv noch nicht ganz zutraf.

 

2. Die formlose Kreisscheibe

Nun möchte ich noch auf die Stadien 2 und 3 zurückkommen, in denen ich die Nicht-Aktualisierung höherer Gestaltfaktoren hatte annehmen müssen, weil eine Aktualisierungsannahme - gleichgültig, ob "f" oder "r" - zu einer theoretisch "unmöglichen" Interpretation geführt haben würde.

Als ich früher Wohlfahrts Vorgestaltenreihe interpretierte, hatte ich zunächst gedacht, ein Kreis sei eine bogige oder runde Linie, die ein Feld umschließt, und ein Kreis sei symmetrisch, noch symmetrischer als eine Ellipse; denn diese ist 2-fach bilateralsymmetrisch, ein Kreis aber radiärsymmetrisch. Um eine symmetrische Figur wie den Kreis wahrnehmen zu können, so meinte ich anfangs, bedürfe es ebenfalls der Aktualisierung der Faktoren Geradlinigkeit, Maßgleichheit und Rechtwinkligkeit. Denn die Wahrnehmung eines symmetrischen Gebildes sei doch nur möglich, wenn man das Wahrgenommene auf diese Geometriefaktoren als Normen bezöge. Ich glaubte, ein Kreis würde sich von einer Ellipse eigentlich nur dadurch unterscheiden, daß der Kreis nach allen Richtungen hin einen gleichgroßen Durchmesser habe, die Ellipse aber in zwei senkrecht aufeinanderstehenden Richtungen unterschiedlichen Durchmesser.

Als ich dann versuchte, Stadium 2 in diesem Sinne zu signieren, geriet ich in Schwierigkeiten, wie oben dargestellt. Es klappte nicht, ohne mit theoretischen Aussagen zu kollidieren. Also suchte ich nach Argumenten dafür, die Aktualisierung des Kreises so aufzufassen, daß der Schritt vom 2. zum 3. Stadium eine Progression darstellte. Ich fand folgende Interpretation:

Es ist zwar möglich, das Gebilde, das im Stadium 2 gezeichnet wurde, als einen geometrischen Kreis aufzufassen, der unter Aktualisierung von R, M und W wahrgenommen werden kann. Aber es ist nicht nötig, ihn so aufzufassen. Wenn ich etwas sehe, etwas Helles, von dem ich nur wahmehme, daß es sich mit einer Kontur von seiner Umgebung absetzt, wenn ich also keine Formbesonderungen wahrnehme, keine Delle, keine Ausstülpung, keine Stelle also an der ganzen Kontur, die anders aussieht als irgend eine beliebige andere Stelle, dann muß ich dieses Etwas in "Form"eines Kreises zeichnen, anders geht es nicht. Selbst eine Ellipse würde eine Besonderheit haben: sie würde ja unterschiedlich stark gekrümmte sein. Für jede noch so kleine Besonderkeit der Figurkontur müßte ich u.U. mehrere Formfaktoren als wirkend annehmen. Nur dann, wenn gar keine Besonderheit an der Kontur zu sehen ist, wenn sie sich nicht irgendwo differenziert, wenn ich nicht einen einzigen Faktor annehmen muß, der sie formt, dann hat sie eben keine Form und ist dennoch so, daß ich sie als kreisförmig oder kreisartig zeichnen und beschreiben muß.

Mithin: ich kann eine Kreisscheibe als radiärsymmetrisches Gebilde unter Aktualisierung der Symmetriefaktoren M, R und W auffässen, kann sie aber auch als etwas zwar konturiertes, dennoch form-loses Etwas auffassen. Ein radiärsymmetrischer Kreis wäre funktionologisch durch die Gestaltfaktoren U, F, R, M, W definierbar, ein konturiertes, formloses Helles durch U, F.

 

3. Das winkellose Fünfeck

Für Stadium 3 gilt Entsprechendes: Es ist zwar möglich, ein regelmäßiges Fünfeck unter Aktualisierung des Gestaltfaktors Rechtwinkligkeit bzw. Parallelität (der ja auch die Winkelgröße "mißt") wahrzunehmen. Dann würden die Winkel auch als "stumpfe" erlebbar sein. Aber es ist nicht nötig, R zu aktualisieren, um ein ähnliches Erlebnis zu haben. Es genügt, Geradlinigkeit und Maßgleichheit (und die Anzahl 5) zu aktualisieren. Wenn weiter nichts aktualisiert wird, dann kann nur ein Gebilde erlebt werden, das man so zeichnen und beschreiben muß wie derjenige, der ein "leibhaftiges" Fünfeck vor sich hat. In dem Moment nämlich, wo der Faktor W aktualisiert ist, kann man nicht nur ein aus 5 gleichen, sondern auch ein aus fünf ungleichen Winkeln bestehendes Fünfeck sehen. Wenn die Möglichkeit, unterschiedliche Winkel, ja überhaupt Winkel zu sehen, nicht gegeben ist, dann muß man eben fünf gleichlange aneinanderstoßende Linien sehen. Und die kann man kaum anders als nach Art eines regelmäßigen Fünfecks beschreiben und zeichnen. Ein solches Fünfeck ist gleichsam "winkellos".

Auch hier scheint phänomenal gleich zu sein, was funktional ungleich ist. Dennoch muß man der funktional-phänomenalen Korrelationen wegen theoretisch erwarten, daß das "winkellose" Fünfeck "irgendwie" anders aussieht als das unter Aktualisierung des Gestaltfaktors W wahrgenommene Gebilde mit fünf "echten" Winkeln. Tatsächlich machten die Vpn auch Aussagen, aus denen ein solcher Unterschied hervorgeht. Jede Vorgestalt, d.h.ein Gebilde subjektiver Art, das nicht "reizadäquat" ist, wird mit dem Erlebniston des "Vorläufigen", dem Gefühl der "Nicht-Endgültigkeit" wahrgenommen. Die reizadäquate Wahrnehmung dagegen wird als "endgültig", als "Abschluß der gestellten Aufgabe" (Wohlfahrt 1925/32, S. 369) empfunden.

4. Aktualgenese des Infeldes

Oben habe ich den Faktor ,,F" als ,,Geschlossenheit der Kontur" behandelt und die von ihm bewirkten Phänomene in entsprechender Weise interpretiert.  "Konturgeschlossenheit" ist aber nicht die einzige Gestaltqualität von "F", wie Sie wissen (Nr.2); es gehören noch die Infeld- und die Umfeld-Eigenschaft hinzu. Das Umfeld müssen wir hier vernachlässigen: es ist aber noch einiges zum Infeld nachzutragen. Beide Qualitäten, "Infeld" und "Kontur", gehören zusammen und bilden die  "Figur". So möchte ich sowohl die Funktionologie und vor allem die Phänomenologie der Aktualgenese in Richtung auf das "Figur"-Erleben vervollständigen, indem ich über die Aktualgenese des Infeldes berichte. 

Die Zeichnungen der Stadien 3 bis 8 im Aktualisierungsschema stammen vond er Versuchsperson selbst. Die Zeichnungen 1 und 2 wurden von mir auf Grund allgemeiner Beobachtungn bei aktualgenetischen Versuchen hinzugegeben. Wohlfahrt selbst berichtet von einem Stadium, das er oft als erstes erhielt, das aber nicht bei "Ot" im Falle unserer Beispiel-Vorlage auftrat:

Die Helligkeit füllt das gesamte Innere der wahrgenommenen Figur aus, obwohl doch nur eine helle (leuchtende) Strichzeichnung dargeboten wurde. Gesehen also wurde nicht Stadium 2 der Abb. 1, sondern ein Gebilde, wie es als Stadium 2 in Abb. 2 dargestellt ist. Dieses in einer realen aktualgenetischen Entwicklung wahrgenommene Gebilde entspricht genau demjenigen.Gebilde, das wir in unserer theoretischen virtuellen Aktualgenese als "Figur" bezeichnet haben, also ein Perzept vom Typ "Mond am Himmel". Es wurden in einer anderen Schrift schon die Gründe angegeben, die zu der Annahme zwingen,daß in diesem Stadium - d.h. bei Aktualisierung des Faktors "F" - eine "ausgefüllte" Figur gesehen werden muß (nicht nur eine Strich-Kontur), gleichgültig, ob das Infeld auch reizmäßig "ausgefüllt" ist oder  nicht, gleichgültig auch, ob, wenn schon dies der Fall ist, die Reizwirkungen überhaupt nach oben bis zur Stufe 5 durchdringen; sie tun dies, wie gezeigt werden wird, zumeist wohl nicht. (Nr.2, S.28 ff).

Abb. 2: Aktualgenese der Binnenkonturen

 Sie werden an Hand der Aussagen der Vpn.erkennen, daß das phänomenale "Ausgefülltsein" des Infeldes, also die reizinadäquat-formative Wirkung des Gestaltfaktors F (mit Aktualisierung von I-  nür das  Infeld), bei Erhöhung der Reizstärke noch eine Zeitlang bestehen bleibt, ehe sich reizadäquatere Helligkeitsverhältnisse in Form des Inerscheinungtretens von Binnenkonturen einstellen. 

Es läßt sich an Hand der aktualgenetischen Versuche auch noch das theoretisch geforderte Wahrnehmungsstadium aufweisen, in dem nur die Faktoren P bis L, nicht aber der Faktor F=Geschlossenheit aktualisiert sind: bei den Versuchen von Butzmann.

 Butzmann arbeitete ebenfalls mit leuchtenden Strichzeichnungen, wandte jedoch  ein anderes Verfahren der reizverstärkenden Darbietung an. Er ließ die Figuren zunächst weit außen in der Peripherie des Wahmehmungsfeldes erscheinen und rückte sie dann immer näher zum Blickpunkt hin. Hierbei traten ebenfalls zunächst diffus-ganzheitliche Perzepte auf, die sich dann bei fortschreitender Annäherung der Reizprojekticn an die Fovea stufenweise differenzierten. Auch seine Vpn sahen vor aller Differenzierung der Außenkontur ein undifferenziertes Gebilde mit fester Kontur, so wie es in Abb.2 als Stadium 2 gezeigt ist. Butzmanns Vpn jedoch sahen vorher noch ein allererstes Stadium, das hier als l. Stadium gezeigt wird. Der Berichterstatter beschreibt die allererste Phase so: 

Versuchspersonen von Butzmann beschrieben das Wahrgenommene als "diffuser Helligkeitseindruck", "annähernd runder Nebel", "kreisförmig verschwommen, ohne feste Grenze", "ein aufgelockerter Lichtschein" (S. l48).

Hier ist von dem Strichcharakter der Vorlagefigur also noch weniger zu bemerken als in dem 2. Stadium: nämlich nicht einmal eine feste Kontur.

Wir finden also in den aktualgenetischen Versuchen in gewissem Maße eine Bestätigung der Annahme, daß die Aktualgenese der Wahrnehmung einer komplexen Reizquelle über eine Phase erfolgen muß, in der man Helles und Dunkles sehen kann, Inhomogenes und Homogenes, Linien und Felder, nicht aber schon eine feste und geschlossene Kontur, ein deutlich vom übrigen Wahrnehmungsfeld Abgegrenztes. 

Bis zu diesem Figur-Stadium (Nr. 2 in Abb.2) ist eine Aktualisierung der ersten 5 Stufen des Gestaltwahrnehmungssystems erfolgt. Bei weiterer Erhöhung der Reizstärke (worin diese auch immer bestehen mag) werden nach und nach andere, höherstufige und damit höherschwellige, Gestaltfaktoren aktualisiert. Wie wir im Falle der Außenkontur gesehen haben, handelt es sich um solche der Formwahrnehmung. 

Zunächst werden die Formfaktoren für die Wahrnehmung der Außenkontur aktualisiert. "Irgendwann" beginnen dieselben Formfaktoren, auch die Binnenkonturen in Erscheinung treten zu lassen. Lesen wir, was Wohlfahrt über das Stadium sagt, das dem Stadium des festkonturierten Vollkreises ("Figur") folgt. Es ist wiederum keine Beschreibung eines "Ot"-Stadiums, sondern die zusammenfassende Beschreibung häufiger Beobachtungen aller seiner Vpn bei allen Figurvorlagen: 

Seine Vpn berichten z.B. über folgende Wahrnehmungen bei unterschiedlichen Vorlagen: "Schrägliegende, linsenförmige Figur", "Form einer Bohne",. "Stumpfe dreiecksähnliche Fläche mit waagerechter Basis. Starke Tendenz, sich zu einer stehenden Ellipse zusammenzuziehen." (S. 365)

Diese von Wohlfahrt beschriebene Phase scheint, wenn wir sie mit der Ot-Reihe vergleichen, zwischen deren 2. und 3. Stadium zu liegen. Auch in dieser Phase gibt es noch keine Strichfigur zu sehen, sondern das Infeld der wahrgenommenen Figur ist mit Helligkeit ausgefüllt. Interessant ist diese Phase auch, weil zwar der Gestaltfaktor "R" aktualisiert zu sein scheint - es wird ja bereits eine "Erstreckung" wahrgenommen, eine Erstreckung noch der gesamten Figur, nicht schon der Konturteile. Es scheint aber noch nicht der Faktor "Maßgleichheit" aktualisiert worden zu sein  (zumindest nicht für die Außenkontur). Bei der Ot-Reihe konnte dieses Stadium der "reinen Erstreckung" nicht auftreten, weil die Vorlage nicht in irgendeine  Richtung mehr erstreckt war als in andere Richtungen. Möglicherweise würde eine Vp bei dem soeben beschriebenen Stadium im Falle der Ot-Reihe abgerundet Ecken haben sehen können, falls Wohlfahrt die Reizverstärkung feiner abgestuft hätte. Solche Abrundungen der Ecken lassen sich jedenfalls aus dem nächsten Zitat herleiten (S.38): 

Interessant ist diese Phase auch deshalb, weil in zwei der drei von Wohlfahrt zitierten  (und hier von mir wiedergegebenen) Berichten der Vpn das Gerichtetsein der Figur betont wird: die linsenförmige Figur ist "schräg"-liegend, die dreiecksähnliche Figur hat eine "waagrechte" Fläche, und die Ellipse ist eine "stehende". Solche Wahrnehmungsqualitäten entsprechen den Gestaltfaktoren Vertikalität (Kv) und Horizontalität (Kh)I, die im Aktualisierungsschema der Abb.1 nicht mit verwandt worden sind.

Bitte bedenken Sie auch, daß hier auch "Zahl"-Faktoren aktualisiert sein müssen, denn eine "Erstreckung" ist  immer eine Erstrekkung "von...bis...", d.h. es muß "Zweihelt" wahrgenommen werden können, um die Erstreckung einer Figur von dem einen zum anderen Ende wahrnehmen zu können. Im Falle einer "dreiecksähnlichen" Figur muß natürlich eine "Dreiheit" wahrgenommen werden können.  Auch diese Zahlfaktoren wurden in das Aktuallsierungsschema nicht mit hineingenommen. Das hätte aber durchaus geschehen können: zuerst wurde nur eine einzige Außenkontur gesehen, dann fünf Konturteile; zuerst wurde eine einzige Binnenkontur wahrgenommen, danach zwei. 

Die nächste von Wohlfahrt generalisierend beschriebene Phase entspricht den Ot-Stadien 3 und 4: 

In dieser Phase also erst differenziert sich die bisher mehr diffus-rundliche Kontur in mehrere Konturteile, die z.B. geradlinig verlaufen und bestimmte Ansatzstellen miteinander haben, die "eckig"  sind. Aber noch immer handelt es sich noch um "ausgefüllte" Figuren, nicht um Strichfiguren, wenn auch die Vp die "ausgefüllt" wahrgenommenen Figuren zeichnerisch meist als Strichfigur darstellt. Der Übergang von der ausgefüllt wahrgenommenen zur strichhaft wahrgenommenen (und damit reizadäquateren) Figur wird deutlich, wenn Wohlfahrt die nächste Phase beschreibt: 

 Aus dieser Beschreibung Wohlfahrts lassen sich das Ot-Stadium 5 in die Phasen 5a und 5b und das Stadium 6 in die Phasen 6a und 6b aufgliedern (wobei stets die Helligkeitswerte "umzudenken" sind: was hier weiß ist, war beim Versuch dunkel, was hier schwarz ist, war beim Versuch hell).

Dass die Abdunklung (in der Zeichnung also die Aufhellung) von der Feldmitte ausgeht und zur Kontur hin verläuft und nicht umgekehert, ist ebenfalls ein gesetzmäßiger Verlauf, der hier nicht näher behandelt werden soll. Wir finden einen solchen Verlauf auch bei der Aktualgenese außersinnlicher visueller Perzepte (Kleine-Horst 1987b).

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