Auszug aus

L. Kleine-Horst: "Evolutionär-psychologische Theorie des Sehens. Auftakt zu einem neuen wissenschaftlichen Weltbild". (EPTS) Köln 1992.  (Mit Kommentaren in eckigen Klammern aus 2005 und Anpassung an die neue Rechtschreibung)

 

Vorwort zur Schriftenreihe

[Das o.a. EPTS-Buch ist der Sammelband einer 8-teiligen Schriftenreihe aus 1985-89 mit dem Titel
"Wo der Leib aufhört und die Seele anfängt. Schriftenreihe zur Grundlegung einer physiopsychologischen Funktionologie". -

In dieser Schriftenreihe veröffentliche ich die Ergebnisse meiner theoretischen Untersuchungen, die ich als Psychologiestudent in den 50er Jahrene begonnen hatte. 1961 fasste ich die damaligen Erkenntnisse in einem unveröffentlichten Manuskript mit dem Titel "Theorie der optischen Gestaltwahrnehmung" zusammen.

Meinem 1961er Manuskript hatte ich folgendes Vorwort gegeben:

"Da dieses Manuskript den Charakter einer Niederschrift von noch nicht publikationsreifen Gedanken hat, möchte ich an dieser Stelle einen nicht für weitere Kreise bestimmten Bericht über die Geschichte der Arbeit geben. Mein eigentliches Anliegen ist es, der naturwissenschaftlichen Lehre von der Abstammung des Menschen das psychologische Argument zu liefern. Ich müsste, so sagte ich mir, u. a.einen plausiblen Grund dafür finden, dass jede natürliche menschliche Gesellschaft, dagegen keine einzige Tierart, kulturelle Betätigung entwickelt, und zwar stets auf den Gebieten der Kunst, der Wissenschaft, Wirtschaft, Religion, Technik und des Soziallebens. Ich machte einen anthropologischen Ansatz, der sich von allen anderen Ansätzen, wie mir scheint, durch die Höhe der Abstraktionsstufe unterscheidet, auf der der Gegenstand der Anthropologie definiert wurde. Mit ihm versuchte ich, die Uranfänge menschlicher Kulturbetätigung zu erklären. Das gelang aber nicht, weil zu wenig über diese Anfänge bekannt ist.

Sollte dieser anthropologische Ansatz wirklich die ihm zugeschriebene Bedeutung haben, so müsste sich seine Wirkung auch am heute lebenden menschlichen Individuum nachweisen lassen. Für diesen Nachweis würde sich am ehesten ein Gebiet eignen, das bereits gründlichst erforscht worden war, so dass die Wahrscheinlichkeit, den Ansatz als falsch zu entlarven, ebenso groß war wie die, ihn als heuristisch wertvoll zu erkennen.

Kurze Zeit später beschäftigte ich mich zum ersten Mal mit der Gestaltpsychologie, und zwar las ich das Sammelreferat von SANDER (1928) über die Gestaltpsychologie und die ersten 100 Seiten von METZGER "Gesetze des Sehens" (1953), auch lernte ich die wichtigsten optischen Täuschungen kennen.

Ich hatte das Glück, sofort die meisten funktionalen Bedingungen des Konturerlebens zu entdecken und vermutete, dass die optische Gestaltwahrnehmung als Prüfstein für die aus dem anthropologischen Ansatz entwickelten Hypothesen über die Bedingungen der Gestaltwahrnehmung geeignet sei. So konzipierte ich eine erklärende Theorie der optischen Gestaltwahrnehmung, die um so treffender wurde, je exaktere empirische Befunde zur Verfügung standen und je gründlicher und unvoreingenommener ich über sie nachdachte.

Zunächst habe ich davon Abstand genommen, vorhandene Lösungsversuche kennenzulernen, um selbst weitestgehend frei zu sein beim Finden einer eigenen Lösung. Erst als ich meiner Sache sicher war, wagte ich mich an eine Beschäftigung mit der theoretischen Literatur heran. Ich fand sehr bald heraus, dass eine umfassende Kenntnis dieser Literatur nicht nötig sein würde, um meine Konzeption von denen anderer Autoren abzusetzen: Meine Theorie scheint sich schon grundsätzlich von der Elemententheorie als auch von der Ganzheitstheorie durch ein Axiom zu unterscheiden, das nur diesen Theorien, nicht aber der meinen zu Grunde liegt. So hoffe ich, eine Synthese von Elemententheorie und Ganzheitstheorie bewerkstelligen zu können, durch die die theoretischen Grundlagen der Allgemeinen Psychologie um genau dasjenige Stückchen weitergebracht werden, das im Augenblick nötig und möglich ist.

Mit Sicherheit sind meine Gedanken oft noch unklar, stehen auch z.T. miteinander in Widerspruch. Im Zweifelsfalle ist von zwei widersprüchlichen Aussagen die weiter hinten stehende der vorhergehenden vorzuziehen. Die Widersprüchlichkeit liegt darin begründet, dass ich die Teile relativ unabhängig voneinander entwickelt habe, ohne sie bereits schon zu koordinieren. Immerhin hat dieses Vorgehen den Vorteil, dass man an den Widersprüchlichkeiten schneller die Aussagen erkennen kann, die falsch oder unklar sind.

Auch wurde viel zu wenig Literatur verarbeitet; so habe ich oft, einerseits aus Zeitmangel, andererseits aber aus dem Wunsch heraus, möglichst unbeeinflusst von anderen Ansichten meine eigene zu entwickeln, aus der Erinnerung geschrieben, was ich durchaus aus der Literatur hätte belegen können. So bleibt der Entwurf noch ein Kompromiss zwischen dem Wunsch, ihn zu vervollkommnen, und der Notwendigkeit, ihn schnell niederzuschreiben; und er bleibt ein Kompromiss zwischen der Notwendigkeit, die Theorie unmittelbar an bestehende Theorien anzuschließen, und dem Wunsch, sie nicht in vorgeprägte Bahnen sich entwickeln zu lassen."

Köln, April 1961

Wenn ich mein damaliges  Vorwort in  das Vorwort zu dieser Schriftenreihe hineinnehme, so um darzutun, dass es heute noch gültig ist. Geblieben ist das generelle Ziel meiner theoretischen Untersuchungen: nicht um die Entwicklung einer Theorie für ein begrenztes Wissenschaftsgebiet geht es mir, nicht einmal um die Neufundierung einer Einzelwissenschaft, mag diese sich auch als eine Folge einstellen. Es geht mir vielmehr darum, übergreifende Zusammenhänge zu verstehen. Die Zusammenhänge, die ich heute sehe, gehen allerdings weit über diejenigen hinaus, die ich damals suchte.

Ebenso geblieben ist das Gebiet, auf das vor allem sich meine einzelwissenschaftliche Theorienbildung erstreckt: die menschliche visuelle Wahrnehmung.

Geblieben ist meine Abneigung, mich mit theoretischer Literatur der Psychologie zu befassen, insbesondere mit Wahrnehmungstheorien. Keine von ihnen hat sich als fruchtbar erwiesen.

Geblieben ist auch das Bewusstsein, dem Leser etwas Unfertiges vorzusetzen. Während ich mein damaliges Manuskript als eine "Niederschrift von noch nicht publikationsreifen Gedanken" bezeichnete, so sehe ich die jetzigen, tatsächlich publizierten, durchaus als publikationsreif an. Doch nehme ich die Prüfung, ob eine Hypothese mit den Fakten übereinstimmt, selber nur in einem Maße vor, dass ich das Gefühl bekomme, die Übereinstimmung sei ausreichend, um Anschlusshypothesen fomulieren zu können. Dieses Maß an Übereinstimmung liegt sicherlich oft unter dem Minimum, das Wissenschaft1er als ausreichend ansetzen, um eine Hypothese als einigermaßen empirisch gesichert ansehen zu können. Nicht empirisch gesicherte, sondern empirisch überprüfbare Hypothesen und Theorien will ich entwickeln; die tatsächliche empirische Überprüfung und Absicherung können ja andere vornehmen.

Da ich 1961 entgegen meiner ursprünglichen Erwartung keine Möglichkeit mehr hatte, meine Studien fortzuführen, gab es einen 19 Jahre langen Stillstand. Erst 1980 konnte ich meine Untersuchungen wieder aufnehmen, und sie sind noch im Fluss. Heute wenigstens kann ich den Anfang des Bettes beschreiben, das der Fluss sich gegraben hat; welchen weiteren Weg er nehmen wird, kann ich nur ahnen.

Wohin fließen die Untersuchungen der traditionellen Wahmehmungswissenschaft? Ich sehe nur eine einzige Entwicklung in die von mir eingeschlagene Richtung: sie geht von der neurophysiologischen Forschung aus, die zur Entdeckung von Einzelneuronen mit der Funktion von Merkmalsdetektoren  geführt hat. Diese vor allem in den 60er Jahren gemachten Entdeckungen bestätigen meine Annahme einer hierarchischen Anordnung der visuellen Wahrnehmungsfunktionen. Aber auch diese Forschung sieht sich erst am Anfang. 1973 heißt es bei Jung im Handbook of Sensory Physiology:

"Wir sind so weit entfernt von einer allgemeinen Theorie visueller Funktionen wie alle Neurowissenschaftler."  

In dieser Schriftenreihe lege ich nun die lang gesuchte allgemeine Theorie visueller Funktionen vor. In dieser Schrift und in drei weiteren (Nr. 2, 3 und 4) entwickle ich die Theorie der Figurwahrnehmung, in Nr. 5 bis 7 die Theorie der Formwahrnehmung. Weitere Nummern werden folgen, in denen eine Theorie der Tiefen-, Zeit- und Bewegungswahrnehmung [Nr. 8] sowie eine Theorie der Wahrnehmungskonstanzen vorgestellt wird. [Diese Theorie ist nicht erschienen, dafür später die Empiristische Theorie der Gestaltgesetze]Um diese Theorien entwickeln zu können, war es nötig, das dualistische Konzept von Descartes in ein trialistisches zu erweitern; ich erkenne "zwischen" dem materialen und dem phänomenalen (Bewusstseins-)Bereich einen 3. Bereich, den "funktionalen Bereich". Dieser funktionale Bereich und nur er durchzieht Leib und Seele, so dass man in ihm die Stellen erkennen kann, "wo der Leib aufhört und die Seele anfängt". [Im Quadrialistischen Acht-Welten-Modell ist eine vierte, der "ordinale" Bereich (bzw. "Seinsweise") hinzugekommen]

Psychologen und Physiologen werden ein gemeinsames Aufgabengebiet haben: das der "physiopsychologischen Funktionologie"; sie werden in der Lage sein, mit Hilfe einer gemeinsamen Korrelationssprache ihre in unterschiedlichen Bereichen, dem materialen sowie dem phänomenalen Bereich, gefundenen Beziehungen funktionologisch zu interpretieren.

Die hier vorgelegte 3-Bereiche-Theorie der visuellen Wahrnehmung beruht essentiell auf der konsequenten Weiterentwicklung eines in Vergessenheit geratenen Forschungsansatzes aus dem Jahre 1925: der "Aktualgenese" ("microgenesis" im englischen Sprachraum). Als Begründer der aktualgenetischen Forschung gilt Friedrich Sander (Jena und Bonn), der als Mitbegründer der "Genetischen Ganzheitspsychologie" den genetizistischen Aspekt bei der Behandlung psychologischer Fragen betonte.

Im Sanderinstitut wurden die ersten Verfahren entwickelt, mit denen die aktuelle, im Bruchteil einer Sekunde sich vollziehende, Entwicklung eines visuellen Wahrnehmungsgebildes sichtbar gemacht werden kann: die Entwicklung vollzieht sich von diffus-ganzheitlichen Anfangsstadien über immer differenzierter werdende Stadien bis hin zum volldifferenzierten Perzept.

Leider führte die aktualgenetische Grundlagenforschung im Sanderinstitut nicht zu dem erhofften Erfolg eines fundamentalen Verständnisses des visuellen Wahrnehmungsprozesses. Zwar wandten auch andere psychologische Laboratorien des In- und Auslandes aktualgenetische Verfahren an, aber weniger im Rahmen der notwendigen Grundlagenforschung als zur Beantwortung speziellerer Fragen, u.a. aus dem Bereich der Pathologie und der Persönlichkeitsforschung.

Nachdem ich, inspiriert durch die erste aktualgenetische Studie im Sanderinstitut, 1961 eine Theorie der visuellen Wahrnehmung entwickelt und in den ersten 80er Jahren bis zur Ortung von ca. 3o körperlichen und seelischen Wahrnehmungsfaktoren auf bestimmten Stufen einer 12-stufigen Hierarchie des visuellen Wahrnehmungssystems weitergetrieben hatte, fragte ich mich, wie es kommen konnte, dass dieser theoretisch so ungemein fruchtbare aktualgenetische Forschungsansatz tatsächlich doch so fruchtlos geblieben ist. Und das, obwohl doch Wissenschaftler wie 1942 U.Undeutsch und 1959 C.F.Graumann, heute selber hochangesehene Forscher, auf die Bedeutung der Aktualgenese in international bekannten Zeitschriften hingewiesen hatten. Ja, noch 1969 war es der Kölner Psychologe W.Salber, der sogar einen Wandel in der theoretischen Auffassung von der Aktualgenese beim späten Sander fand - letzte Möglichkeit nachzuschauen, ob vielleicht ein falsches theoretisches Konzept der Aktualgenese der Grund für die  Fehlentwicklung der allgemeinen theoretischen Psychologie gewesen sei. Aber nichts dergleichen geschah: der Keim zu einer axiomatischen Neufundierung der Wahmehmungslehre und damit der gesamten Psychologie blieb verschüttet. In meinem Buch "Die verhinderte Wissenschaft. Die Forschungssabotage des Psychologie-Professors Friedrich Sander".....habe ich detailliert die Umstände beschrieben, die die Fehlentwicklung der Psychologie verursachten. [Dieses kleine Buch wurde 1992 der 1. Teil von "Die verhinderte Wissenschaft. Ein Gaunerstück aus der deutschen Psychologie" - mit den Fälschungen von F.Sander, U.Undeutsch und C.F.Graumann auf dem Gebiet der Aktualgenese. Siehe Leseproben]

Welche Bedeutung dem aktualgenetischen Forschungsansatz tatsächlich zukommt, geht aus der hier vorgelegten Theorie der visuellen Wahrnehmung hervor: diese Theorie beruht wesentlich auf dem konsequenten Weiterdenken der durch aktualgenetische empirische Forschung gewonnenen theoretischen Erkenntnisse. Durch empirische und durch theoretisch-virtuelle Aktualgenese visueller Perzepte lässt sich die gesamte hierarchische Struktur des visuellen Wahrnehmungssystems des Menschen aufdecken, gleichsam aufrollen: denn auf welcher Hierarchiestufe ein Wahmehmungsfaktor sitzt, ergibt sich aus der Reihenfolge, in der die Faktoren bei ihrer Aktualisierung "von unten nach oben" die mit ihnen korrespondierenden Gestaltqualitäten ins Perzept geben, und aus der Reihenfolge, in der sie sie bei der De-Aktualisierung "von oben nach unten" wieder aus dem Perzept herausnehmen.

Für die 2. Auflage dieses Heftes wurden im Haupttext nur Druckfehler berichtigt. Das Literaturverzeichnis wurde auf den neuesten Stand gebracht. Geändert wurden der Anfang und vor allem das Ende des Vorwortes zur Schriftenreihe.

Köln, Juni 1987
Lothar Kleine-Horst

Inhaltsverzeichnis

Startseite