Beispiele von Gestaltgesetzen

(Überarbeiteter und ins Deutsche übersetzter Auszug aus L. Kleine-Horst (2001):
"Empiristic theory of visual gestalt perception.
Hierarchy and interactions of visual functions" , Part 8, III.
[Zur Systematik und Symbolerläuterung:  hier]

1. XA-Gesetze

Aufmerksamkeit ist uns aus der Alltagserfahrung bekannt (Teil 5). Auf dem Gebiet der visuellen Wahrnehmung haben Zuwendung und Abwendung der Aufmerksamkeit meistens die Form der Blick- Zuwendung und  -Abwendung. Doch sind wir auch in der Lage, nach vorn zu blicken und gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit einem seitlich wahrgenommenen Ereignis zuzuwenden. Lassen Sie uns einige Alltagserfahrungen in Form eines Gestaltgesetzes ausdrücken. Da Aufmerksamkeit nicht auf visuelle Wahrnehmung beschränkt ist, können wir Beispiele auch aus anderen Erfahrungsgebieten wählen. Wir wissen, dass, je mehr wir unsere Aufmerksamkeit (A) auf ein bestimmtes Objekt (ic) richten, wir um so weniger aufmerksam gegenüber allem anderen um uns herum sind (Aic ao). Ferner zieht dasjenige, das plötzlich erscheint, sofort meine Aufmerksamkeit auf sich (dtic Aic); Je länger es aber wahrgenommen wird, um so weniger fesselt es meine Aufmerksamkeit (Dtic aic). Wir können logischerweise schließen: wenn dtic Aic und  Aic ao, dann auch dtic ao; auch dies entspricht unserer Erfahrung, denn wenn etwas plötzlich geschieht, ziehen wir unsere Aufmerksamkeit von allem andern ab, wir sehen von unserem Buch auf, wir unterbrechen unser Gespräch usw.  In der Nähe einer lauten Unterhaltung werde ich beispielsweise vom Lesen abgelenkt. Um mich aber aufs Lesen "konzentrieren"  zu können, muss ich vorsätzlich ("bewusst") das Gehörte "abschalten". Wenn ich wie In diesem Beispiel willentlich und "willkürlich" meine Aufmerksamkeit vom Umfeld (o) abziehe, ist die Aufmerksamkeit um so mehr wieder auf meine Lektüre gerichtet. Willkürliche Aufmerksamkeitszuwendung ist hier die unabhängige Variable; ihr Symbol steht "links", und das AA-Gesetz hat dann die Form ao Aic (oder: aic Ao, je nachdem, ob man die Indices i und o dem Gehörten oder dem Gelesenen zuordnet). Übrigens gebe ich zu, nicht zu wissen, ob es überhaupt "willkürliche Aufmerksamkeitsabwendung" gibt; möglicherweise wird sie nur durch willkürliche Fokussierung der Aufmerksamkeit auf etwas anders erreicht, so wie im Fall der "konzentrativen Aufmerksamkeitsabwendung" in Teil 6. Jedermann weiß, dass Dinge unsere Aufmerksamkeit mehr anziehen als ihre Umgebung es tut. So zieht eine Figur unsere Aufmerksamkeit mehr an als ihr Umfeld, entsprechend den Gestaltgesetzen Flic Aic und Flic ao.

2. Xdt-Gesetze

Das "Umkehrgesetz" von dtic Aic ist Aic dtic. Dieses Gesetz ist ebenfalls aus der Alltagserfahrung bekannt, denn der Faktor Dt ("Zeitunterschied") ist ebenso wie der Faktor A kein spezifisch visueller Faktor: gemäß diesem Gesetz "fliegt die Zeit, wenn man Spass hat" (weil die Aufmerksamkeit beim Spasshaben auf etwas Bestimmtes gerichtet ist). Umgekehrt: einen langweiligen Vortrag (ic) anzuhören scheint ewig zu dauern; wir erleben den Vortrag als entsprechend "lang": aic Dtic. Die Klasse der Xdt-Gesetze umfasst jene Gesetze, die das Erleben von Dauer und Zeitabständen beeinflusst. Latenzzeit und "Zeitfehler" ("time-order error") gehören in diese Gruppe von Phänomenen.  Als ich erstmals begann, Befunde zu interpretieren, die die Latenzzeit betreffen, d.h. die Zeitspanne zwischen Beginn des Reizes und Beginn des Erlebens, nahm ich an, diese Zeit müsse das "Zeit-Umfeld" (Lt-, Ft-) sein, weil sie tatsächlich außerhalb von Beginn und Ende (Ft+) einer "Dauer" (Lt+) liegt. Aber ich gelangte nicht zu der erwarteten Interpretation. Erst als ich von der Gegenannahme ausging, dass die Latenzzeit genau dort liegt, wo sich auch die anschließende erlebte Zeitdauer befindet, nämlich im "Zeit-Infeld" (Lt-, Ft+), d.h. innerhalb der mit "ic" zu symbolisierenden "Zeit-Figur", konnte ich alle formalistisch gewonnenen symbolischen Faktenbeschreibungen auf die Standard-Notation zurückführen. Ein gutes Beispiel dafür, wie man, über ein Vorurteil "stolpernd", eine neue Erkenntnis gewinnen kann.  Gewiss muss man sich schon einige Gedanken darüber machen, wie ein solches unerwartetes Ergebnis in das System der Gestaltgesetze  zu integrieren ist. Das mag gelingen, wenn wir uns erinnern, dass jedes Phänomen, jede Gestaltqualität, nur ein "Epiphänomen" des unterliegenden Gestaltfaktors ist; der eigentliche Ort des Geschehens ist nicht die phänomenale, sondern die funktionale Seinsweise. Die Latenzzeit ist demnach einfach der Betrag des zeitlichen Abstands zwischen Beginn des funktionalen Aktivierungsprozesses und dem Beginn des Erlebens, d.h. der Aktualisierung. (Weil die Körperfunktionen und insbesondere die Erregung der Neuronen der untersten Stufen unterhalb des Systems der Gestaltfunktionen angesiedelt sind, ist es möglich, die Latenzzeit als die Zeit anzusehen, die nötig ist,  um die neuronale Erregung vom Ort des Sinnesreizes durch alle hierarchischen Funktionsstufen hindurch zum Ort des Wahrnehmungserlebens zu transportieren.)

Daraus folgt, dass die Aufmerksamkeitszuwendung auf einen Reiz die Latenzzeit verringert, gemäß dem Gesetz Aic dtic.  Auf diese Weise kann es vorkommen, dass ein Lichtreiz, wenn er direkt angeblickt wird, früher detektiert wird als ein objektiv zeitlich vor ihm gesetzter Lichtreiz. Die Latenzzeit dieses später detektierten Lichtreizes ist größer als die des anderen.

Nun ein Beispiel für den so genannten "Zeitfehler". Das Gesetz dl dt führt zu einem Phänomen, das als "KAPPA-Effekt" bekannt ist (Cohen, Hansel & Sylvester 1953): wenn drei Lichtreize in gleichem zeitlichen Abstand, aber in unterschiedlichem räumlichen Abstand gesetzt werden, erscheinen die räumlich näher beieinander befindlichen in kürzerem Zeitabstand als diejenigen, deren räumlicher Abstand größer ist.

Abb. 8-2. Räumliche und zeitliche Beziehungen im KAPPA-Phänomen

In Abb.8-2A werden die objektiven räumlichen Beziehungen der Reize p, q und r gezeigt: sie sind ebene (zweidimensionale) Figuren ic von gleicher Größe. Sie unterscheiden sich lediglich in der Größe ihres ebenen Umfelds o, besonders in Bezug auf die Teil-Umfelder zwischen den Figuren: das Umfeld zwischen q und r ist kleiner als das Umfeld zwischen p und q. Abb. 8-2B zeigt die objektiven zeitlichen Beziehungen: die drei Reize haben  gleiche Zeitdauer, und die zwischen ihnen liegenden "Zeit-Umfelder" haben ebenfalls gleiche Größe. Die Zeit-Figur (gem. Teil 7) besteht aus dem Zeit-Infeld i, das ist die Dauer, während der die Figur existiert, und den Zeitgrenzen c (die Anfangsgrenze c1 und die Endgrenze c2), die das Zeit-Infeld einschließen. Das KAPPA-Phänomen, dessen Zeitbeziehungen in Fig. C gezeigt werden, kann verbal so beschrieben werden:

Symbolische Notation: dlo dto. Durch zweimalige gemäß den Regeln erlaubte Transformation  erhalten wir eine der vier Standard-Notationen wie Dlo Dto oder dlic dtic. Wir haben damit das KAPPA-Phänomen mit einem der 324 vorausgesagten Gestaltgesetze erklärt.

Elder und Zucker (1993) untersuchten die in Suchaufgaben die Antwortzeit für die Diskriminierung von Figuren unterschiedlichen Grades von Geschlossenheit. Sie fanden, dass größere Geschlossenheit von Figuren ihre Diskrimination dramatisch erhöht. Wir können rein formalistisch notieren: Flic dtic, womit die Diskriminationszeit exakt wie bei der Latenzzeit behandelt wird, nämlich als die Figur betreffend.

In einer anderen Serie von Experimenten verglichen dieselben Autoren geschlossene Figuren, die entweder durch solide Linien oder durch unterbrochene Linien gebildet waren. Diese Figuren besaßen also unterschiedliche Grade von Linearität (Ll+). Je weniger Lücken eine Kontur enthält, um so größer ist der Gestaltreiz für die Aktualisierung der Gestaltfunktion Ll+, wie die Gestaltreiz-Definition von Ll+ (in zugegebenermaßen einer erweiterten Definition) klar macht (siehe auch Teil 2). Je mehr eine Figur eine Ll-Kontur ist, um so mehr grenzt sie ein Feld als Infeld von dem übrigen Feld als dessen Umfeld ab - gemäß dem Gesetz Llc Flic. Wenn Llc Flic und Flic dtic, dann auch Llc dtic. Dieses Gesetz beschreibt die Abhängigkeit der Diskriminationszeit für eine Figur vom Grad der Kontinuität (Ll+) der Figurkontur.

 3. Xdl-Gesetze

Das "Umkehr"-Phänomen des KAPPA-Effekts ist das TAU-Phänomen. Dieses Phänomen wurde in großer Ausführlichkit von Helson (Helson 1930; Helson & King 1931) im Tastsinn untersucht. Die Autoren konnten zeigen, dass Versuchspersonen von Hautreizen, die in gleichem räumlichen, aber ungleichem zeitlichen Abstand gesetzt wurden, die zeitlich näher beieinander liegenden auch als räumlich näher beieinander liegend erlebten (dto dlo oder Dto Dlo). In der visuellen Wahrnehmung wurde das TAU-Phänomen durch Benussi (1913) berichtet.

Es gibt eine Anzahl von Beispielen des spezifischen Gestaltgesetzes dl dl, die als "geometrisch-optische Illusionen" wohlbekannt sind. Unter ihnen sind es die Mond-Täuschung, die Delboef- und die Ebbinghaus-Täuschung. Das "spezifische Gestaltgesetz" eines Gestaltfaktors bezeichnet jenes besondere Gesetz, das Ausdruck der Wechselwirkung eines Gestaltfaktors "mit sich selbst" ist. Im Falle des Faktors Fl beispielsweise ist das Gesetz Fl Fl das "spezifische Gesetz der Geschlossenheit". Im Falle des Faktors Dl ist es das Gesetz dl dl. Dieses Gesetz ist das "spezifische Gesetz des Ortsunterschieds", da Dl den Abstand zweier Orte sowohl phänomenal (im Erleben) in der frontalparallelen Ebene (also unter Absehung von der Tiefendimension) als auch material (als Abstand zweier Punkte auf der Retina) und mithin in unserer Theorie auch einen funktionalen Abstand symbolisiert. Alle Gestaltgesetze, die durch zwei unterschiedliche Faktorsymbole dargestellt werden, sind "unspezifische Gestaltgesetze". Beide Arten von Gesetzen werden formal gleich behandelt.

a) Die Mondtäuschung

Man kann die "Mondtäuschung" nachts selbst erleben. Wenn der Mond hoch am Himmel im Zenit steht, erscheint er kleiner, als wenn er in der Nähe des Horizonts steht. Es gibt eine umfangreiche LIteratur über die Mondtäuschung. Aus der Sicht der Wechselwirkungstheorie der ETVG müssen die konkreten Figur/Umfeld-Beziehungen geklärt werden: der helle und klar begrenzte Mond wirkt als eine starke "Figur", der dunkle homogene Himmel als das Umfeld dieser Figur. Wenn man alle 18 Interaktionsfaktoren näher überprüft, findet man nur einen einzigen Faktor, in Bezug auf den ein eindeutiger Unterschied zwischen dem Zenit-Mond und dem Horizont-Mond besteht. Wir können zunächst alle Faktoren mit Tiefen- und Zeit-Aspekt aussschließen; zwar bewegt sich der Mond am Himmel, aber die langesame Bewegung wird nicht direkt erlebt. Auch befindet sich der Mond objektiv in der Tiefe, aber dieser Tiefeneindruck wird nur durch Gegenstände (Häuser, Bäume), die "vor" ihm stehend sichtbar sind, erweckt, ist also nicht wesentlich, da der Mond auch ohne diese vor ihm sichtbaren Gegenstände  in der Nähe des Horizonts größer wirkt. Des weiteren: die Schärfe (Gml+) des Mondrandes, die Homogenität (Gml-) von Infeld und Umfeld und der Helligkeitsunterschied zwischen Infeld und Umfeld stellen keinen substanziellen Unterschied zwischen den zwei Mond-Situationen dar. Es gibt auch keinen Unterschied in Linearität (Ll+) und Geschlossenheit (Fl+) der Kontur. Es gibt nur einen einzigen deutlichen Unterschied: wenn der Mond im Zenit steht, ist er überall von einem großen Umfeld umgeben, am Horizont dagegen ist das Umfeld nur etwa halb so groß, denn es wird an einer Seite durch die Silhouette der Landschaft, den "Horizont", begrenzt.

Wenn wir nun unsere Beobachtungen am Mond im Übergang vom Zenit-Mond zum Horizont-Mond in Begriffen der Interaktions-Theorie beschreiben, bekommen wir: "Je kleiner das Umfeld objektiv, als Sinnesreiz, ist, umso größer erscheint die zugehörige Figur." Der symbolische Ausdruck ist: dlo Dlic. Nach entsprechender Transformation erhalten wir den logisch identischen Ausdruck Dlo dlic, eine Standard-Notation, die dasselbe Gesetz ausdrückt, nur dieses Mal angewandt auf den Übergang vom Horizont-Mond zum Zenit-Mond. Die Mond-Illusion kann somit auf das spezifische Dl-Gesetz (dl dl) zurückgeführt werden.

So weit die Theorie. Was gibt es an Experimenten? Zum Beispiel die von Kaufman und Rock (1962). Die Autoren kamen nach Feldexperimenten mit der Silhouette der Stadt New York zu dem Schluss: "Es scheint klar, dass es die Gegenwart von Gelände (terrain) in dem einen Fall und die Abwesenheit von Gelände im anderen Fall ist, die den Hauptfaktor in der Mondtäuschung ausmacht" (S.1025). Nicht nur in Feldexperimenten mit realen Objekten, auch in Zeichnungen ist die Gegenwart von Gelände im Falle des Horizont-Mondes der entscheidende Faktor der Mondtäuschung (Coren und Aks 1990).

b) Die Delboef-Illusion

Die wohlbekannte "Delboef-Illusion" (Delboef 1893) folgt ebenfalls dem dldl-Gesetz. Die Abb. 8-3 A, B und C zeigen  jeweils zwei konzentrische Kreise. Obwohl alle inneren Kreise die gleiche Größe haben, erscheint der innere Kreis in B größer als der in A, und ebenso erscheint der innere Kreis in C größer als der in B.  Das muss an den unterschiedlichen Größen der Außenkreise liegen, da andere Unterschiede nicht gefunden werden können.

Abb. 8-3. Delboef-Illusion

Um diese Beobachtung zu interpretieren, werden wir gemäß der oben genannten Methode vorgehen.

1. Im Übergang von A über B zu C ändern sich sowohl die objektive Größe des Reizes (Außemkreis) als auch die erlebte Größe (Innenkreis). Wir haben es also mit den Wirkungen  jenes Gestaltgesetzes  zu tun, dessen generelle Notation "dl dl" ist.

2. Im Übergang von A über B zu C wächst die erlebte Größe (Dl) der abhängigen Variablen, wenn sich die objektive Größe der unabhängigen Variablen verringert. Unter Anwendung der Notationsregeln für die Groß- oder Kleinschreibung der symbolischen Ausdrücke müssen wir schreiben: "dl Dl".

3. Nun müssen noch die ico-Beziehungen analysiert werden, d.h. es sind die Gestaltorte zu bestimmen, an denen sich die Größenänderungen vollziehen. Eine einfache Interpretation würde sein, den inneren Kreis (Fig. D) als die Kontur c der Figur ic anzusehen, so dass das Feld innerhalb dieser Kontur das Infeld i der Figur ist. Diese Figur muss ein Umfeld o besitzen. Dieses ist das Feld, das die Figur ic umschließt.

4. Wir sind nun bereit, das hier wirksame dldl-Gesetz zu formulieren: "Je kleiner das Umfeld, um so größer das Infeld". Der entsprechende symbolische Ausdruck dieses Gestaltgesetzes ist: dlo Dlic.

5. Bei der Ausführung des Gültigkeitstests stellen wir fest, dass, obwohl keiner der zwei Halbsätze in der obigen Notation in der doppelten Grundreihe gefunden werden kann, sie dennoch durch eine gerade Zahl von Transformationen in eine Standard-Notation überführt werden können: z.B. Dlo dlic. (Für jedes Gestaltgesetz gibt es acht gültige Notationen, von denen vier Standard-Notationen sind, wie in Tab. 8-1 gezeigt.)

c) Die Ebbinghaus-Illusion

In beiden Abbildungen 8-4 A und 8-4 B der Ebbingshaus-Muster haben wir einen zentralen Kreis von gleicher Größe, die von sechs anderen Kreisen umgeben ist. Diese umgebenden Kreise sind in A kleiner als in B. In A erscheint dagegen der innere Kreis größer als in B. Wenn wir den inneren Kreis als Figur ic nehmen, sind alle Außenkreise in deren Umfeld o gelegen.Von A nach B gelesen, lautet das der Beobachtung entsprechende Gesetz: "Je größer o, um so kleiner ico (Dlo dlic). Anstatt von der "Größe" des (zweidimensionalen) Feldes zu sprechen, können wir auch von der Größe des (eindimensionalen) Ortsabstandes sprechen: "Je größer der Ortsabstand der Konturen (Linien), gemessen über das Umfeld, um so kleiner erscheint der räumliche Abstand der Konturen "gemessen" über das Infeld.

Abb. 8-4. Ebbinghaus-Illusion

Die Ebbinghaus-Illusion zeigt eine gewisse Ähnlichkeit mit der Delboef-Illusion.  Nicht nur gelten für beide dieselben Gestaltgesetze, wie demonstriert; es gibt auch strukturelle Ähnlichkeiten. In der Delboef-Illusion umgibt ein linearer Ring den Standard-Kreis; in der Ebbinghaus-Illusion umgibt ein Ring von Kreisen den Standard-Kreis. Diese Ähnlichkeit führte Girgus, Coren und Agdern (1972) zu der Frage, ob die Variation der Abstände zwischen Innenkreis und dem Ring der Außenkreise in der Ebbinghaus-Illusion einen Effekt auf die Größenschätzung des Innenkreises haben würde. Es hatte, und zwar tatsächlich im gleichen Sinne wie bei der Variation der Größe des Außenkreises in der Delboef-Illusion. Dieser Effekt wurde auch von Massaro und Anderson (1971) berichtet. Um es in der ETVG-Terminologie auszudrücken: wenn wir den inneren Kreis als ic nehmen, dann sind die Außenkreise im Umfeld o von ic gelegen. Diese sechs Keise können mit dem Außenkreis in Abb. 8-3 C bis A verglichen werden. Wenn der Ring der Außenkreise sich vom Innenkreis fortbewegt, d.h. sich ausdehnt, dann vergrößert sich das unmittelbare Umfeld o zwischen i-Grenzlinie c und dem Ring der Außenkreise ebenfalls. Folglich erscheint der Innenkreis kleiner.

So haben wir zwei Möglichkeiten, die Ebbinghaus-Illusion zu interpretieren. Auf der einen Seite kann das ganze Wahrnehmungsfeld, das den Innenkreis einschließt, als Umfeld betrachtet werden, so dass die Außenkreise  zum Umfeld gehören. Auf der anderen Seite können wir das Feld zwischen Innen- und Außenkreisen als Umfeld ansehen, so dass die Außenkreise  nicht wirklich zum Umfeld gehören, sondern dessen Grenze darstellen. Welche Interpretation ist korrekt? Die Antwort ist einfach: die zwei Interpretationen schließen einander nicht aus. Das ist nicht nur in logischem Sinne gemeint, sondern auch inhaltlich, insofern Struktur und Funktion des visuellen Systems betroffen sind, denn wir nehmen auf verschiedenen Hierarchiestufen wahr und mit Hilfe einer großen Zahl von Wahrnehmungsfaktoren. Diese Faktorenwirkungen schließen einander nicht aus, sondern sind miteinander integriert, und das in Bezug auf unterschiedliche Orte, die "Gestaltorte".

In Fig. 8-4 D habe ich die Ebbinghaus-Illusion sozusagen auf einen kurzen Nenner gebracht.

Hildebrandt und Kleinknecht (1975) führten kleine Lücken von gleicher Größe in den Innenkreis der Ebbinghausmuster ein. Sie fanden, dass die Lücke im  B-Muster mit den größeren Außenkreisen deutlich weniger oft bemerkt wurde als im A-Muster. Die "Kompression" des zentralen Kreises infolge der Gegenwart der größeren Figuren hatte auch die Erscheinungsgröße der Lücke affiziert, so dass die Lücke im noch mehr komprimierten Innenkreis öfter unter die Unterschiedsschwelle sank (und somit unwahrnehmbar wurde) als die gleichgroße Lücke im weniger komprimierten Innenkreis (in Fig. 8-4A).

Die frühen Psychophysiker pflegten zu glauben, das eine bestimmte physiologisch determinierte "absolute" Unterschiedsschwelle konstanter Größe existiere. In ihren Untersuchungen erhielten sie allerdings unterschiedliche Ergebnisse, und zwar in Abhängigkeit von den Reizmustern und von den angewandten Experimentalverfahren. Jetzt wird allgemein akzeptiert, dass es solche absoluten, quantitativ bestrimmbaren, Schwellen nicht gibt, aber man weiß immer noch nicht, von welchen Faktoren die Schwelle tatsächlich abhängt. Die Wechselwirkungstheorie der ETVG könnte sich bei der Erklärung der unterschiedlien "absoluten" (und "relativen") Schwellen als hilfreich erweisen.

d) Andere Xdl-Gesetze

Abb. 8-5 demonstriert das Gesetz Fl dl: Je mehr eine Figur geschlossen ist, ( A im Gegensatz zu B), um so kleiner erscheint ein Lücke von bestimmter Größe innerhalb der Figur oder Figurkontur. Die Lücke in A erscheint kleiner als die in B. Das gleiche Gestaltgesetz wirkt in den Experimenten von Coren und Girgus (1980). Die Autoren zeigten, dass ein Zwischenraum innerhalb einer Gruppenfigur (innerhalb der Kontur eines gepunkteten Quadrats) kleiner erscheint als ein gleichgroßer Zwischenraum im Umfeld dieser Figur (Flic dlic).

Abb. 8-5. Demonstration des Gestaltgesetzes Fl dl

In derselben Arbeit berichteten Coren und Girgus ein Experiment, in dem den Versuchspersonen parallele Reihen von schwarzen und von weißen Figuren vorgelegt wurden. Die Vpn erlebten sowohl die schwarzen Figuren als auch die weißen Figuren als eine Einheit  - in Übereinstimmung sowohl mit dem "Gesetz der Ähnlichkeit" der frühen Gestaltpsychologen und dem Gestaltgesetz "dmic Flic" der ETVG. Die Vpn wurden nun aufgefordert, den Abstand zwischen einer schwarzen und einer weißen Reihe (Fall A) und den Abstand zwischen zwei weißen Reihen (Fall B) zu beurteilen. Obwohl alle Abstände objektiv gleichgroß waren, wurde der Zwischenraum zwischen den gleichfarbigen Reihen (B) als kleiner geschätzt. Für dieses Phänomen muss in seiner allgemeinen Form das Gesetz dm dl herangezogen werden; denn die Variable auf der Reizseite ist ein Farb- bzw. Helligkeitsunterschied Dm, die Variable auf der Erlebensseite ein Ortsunterschied Dl. An welchen Gestaltorten finden die Änderungen statt? Die Reizseite betrifft einen (Farb)Unterschied zwischen Infeld und Umfeld, denn für jede einzelne Reihen-Figur befindet sich jede andere Reihe in deren Umfeld. Hieraus ergibt sich, gelesen von A nach B (d.h.in Richtung auf verminderten Farbunterschied) als linker Halbsatz: dmio. Auf der Erlebensseite wird der Ortsabstand zwischen zwei Reihen-Figuren gemessen bzw. geschätzt, also ein Abstand "über das Umfeld" dieser Figuren. Folglich muss, da der Abstand von A nach B kleiner ist (wird), mit dlo signiert werden. Der ganze Satz, d.h. die ganze Aussage, bestehend aus zwei Halbsätzen, lautet demnach: dmio dlo. Durch zwei Transformationen, nämlich die Konvertierung beider Kleinbuchstaben in Großbuchstaben, entsteht die Standard-Notation Dmio Dlo; oder es werden die einander komplementären Orte geändert: dmic dlic (siehe doppelte Grundreihe).

 4. XFl-Gesetze

 Die XFl-Klasse der Gesetze schließt jene Gesetze ein, die die speziellen Eigenschaften des Gestaltfaktors Fl beeinflussen, d.h. die Geschlossenheit/Offenheit der Grenzlinie sowie die Umschließungs-/Umschlossenheits- Beziehung der Felder und folglich die Intensität des "Figur/Umfeld"-Erlebens. Es sind dies auch die Gesetze, die aktuell ein Figur/Umfreld- System konstituieren; sie sind Gesetze der Figurbildung. Des weiteren sind sie Gruppierungs- Gesetze, denn eine Gruppe von Figuren ist eine Figur höherer Ordnung (Teil 6). Es sind einige  jener Gesetze, die die frühen Gestaltpsychologen "Gestaltgesetze" nannten, ohne sie freilich in ihrer Gesamtheit erfasst zu haben, ohne ihre Wechselbeziehungen erkannt zu haben und ohne sie in eine Form gebracht zu haben, in der sie weiterer theoretischer Erforschung der visuellen Wahrnehmung hätten dienen können. Über eine Jahrzehnte dauernde Forschungsperiode, die freilich experimentell sehr fruchtbar war, haben jene Gestaltpsychologen ihrer Gestaltgesetze kaum weiterentwickelt. Was man bis heute über diese Gesetze liest, ist im Wesentlichen das, was Max Wertheimer (1923) vor 77 Jahren vorgeschlagen hat.

Neue Ergebnisse sind selten. Palmer (1992) allerdings schlug ein bisher unbeschriebenes Gruppierungsgesetz vor. Figuren, die ein gemeinsames Umfeld teilen, bilden eine Gruppe. In Palmers  Versuchsanordnung ist das Umfeld seinerseits begrenzt. Gemäß der ETVG bildet ein begrenztes Umfeld seinerseits eine Figur, eine Oberfigur, eine Figur 2. Ordnung in Bezug auf die eingeschlossenen Figuren 1. Ordnung (Teil 6). Alles innerhalb  eines Feldes, das konturumschlossen (Fl) ist, ist Teil dieses Feldes, das ein Infeld ist, folglich gehören diese Dinge zur Figur, die aus diesem Infeld und der Infeld-umschließenden Kontur besteht. Mehrere Figuren in einem im Prinzip unbegrenzten Umfeld sind Teil dieses Umfeldes, daran ist nichts Besonderes. Die neue Beobachtung Palmers besteht darin, dass Teil A der Figuren, der gegen den anderen Teil B abgegrenzt ist, eine Gruppe bildeten. Mit Hilfe der geschlossenen Grenzlinie rund um Teil A ist für die A-Figuren kein neues Umfeld geschaffen worden, aber es ist eine neue Figur (2. Ordnung) entstanden, zu dessen Infeld die A-Figuren gehören. Ich schlage also vor, die beobachtete Gruppierung der A-Figuren auf die neue Figur (2. Ordnung) und nicht auf das Umfeld (1. Ordnung) zu beziehen. Das hier wirkende Gestaltgesetz ist Flic Flic: je mehr eine Kontur (c) ein Feld (i) umschließt (Fl), um so mehr entsteht eine (erlebte) Figur (Flic), und alle Dinge A, die sich  in diesem Infeld befinden, sind Teil dieser Figur; alle anderen Dinge B gehören nicht zu dieser Figur, sie liegen außerhalb ihrer in deren Umfeld. Mithin: die A-Dinge und die B-Dinge sind qualitativ so unterschiedlich wie Figur und Umfeld, wenngleich in quantitativer Hinsicht die Figuren höherer Ordnung den qualitativen Unterschied zu ihren Umfeldern erleben lassen wie die niederer Ordnung. Das mag auch der Grund dafür sein, dass erst 70 Jahr enach der Formulierung der ersten Gestaltgesetze das neue Gestaltgesetz gefunden wurde.

Eines der am besten bekannten Gruppierungsgesetze ist das "Gesetz der Nähe", das zuerst von Schumann (1900) gezeigt wurde. Wie in Abb. 8-6A zu sehen, werden zwei Linien, deren Abstand zueinander klein ist, eher zu einer Gruppe zusammengefasst als zwei Linien, die weiter auseinander liegen. Das entsprechende ETVG-Gsetz ist dlic Flic. Wertheimer (1923), der unter anderen dieses Gesetz in die Gestaltpsychologie einführte, drückte sich vorsichtiger aus: er sprach von einem "Faktor der Nähe" und nicht von einem "Gesetz der Nähe".

A:      II  II  II  II  I                  B:    ..  ..  ..  ..  .

Abb. 8-6. Demonstration des "Gesetzes der Nähe" (dlic Flic)

Abb. 8-6A ist allerdings nicht das glücklichste Beispiel für das Gesetz dlic Flic, da diese Linien nicht allein ihrer Nähe wegen als "zusammengehörig" erlebt werden, als eine Gruppe,  als eine Superfigur. Ein anderer Gruppierungsfaktor, ebenfalls von Wertheimer genannt, der "Faktor der Geschlossenheit", spielt dabei ebenfalls eine Rolle, weil diese näher beieinander liegenden Linien zugleich auch in stärkerem Maße das zwischen ihnen liegende Feld umschließen, und dieses daher mehr als "geschlossenes Infeld" erlebt wird als die weiter auseinander liegenden Linien. Dieser durch die Linien (als Grenzlinien) verursachte Effekt ist im Punktmuster der Abb. B nicht in gleichem Maße gegeben. In A wirken also zwei Gesetze dlic Flic und  Flic Flic.....

Abb. 8-9. Die Sektorentäuschung

 Fig. 8-9 A zeigt ein sehr bekanntes Muster: einen Kreis, der in Sektoren unterschiedlicher Größe unterteilt ist. Nach dem Gesetz dlic Flic ist klar, dass die näher beieinander stehenden Radien, die schmale Felder einschließen,  eher (früher, öfter) als eine Figur - hier sogar als eine Figur höherer Ordnung, nämlich ein Windmühlenkreuz - erleben lassen, wenn man einfach auf den Mittelpunkt des Sektorenmusters blickt. Bild B zeigt die ico-Verhältnisse in diesem Fall: die Radien sind die Konturen, die schmalen Felder die Infelder, die breiten Felder deren Umfelder.

Blickt man nun längere Zeit auf den Mittelpunkt des "schmalen" Kreuzes, dann "springt" die Auffassungsweise plötzlich um: das breite Kreuz wird plötzlich zur Figur, und das vorige Infeld wird zum Umfeld der neuen Figur; man kann nichts dagegen unternehmen,  alles geschieht nach strengen (Gestalt)Gesetzen, mit denen der "ETVG-Experte" auch  etwas "spielen" kann. Denn "je längere Zeit die Aufmerksamkeit auf eine Figur gerichtet wird (und Aufmerksamkeit ist stets in starkem Maße auf die Figur gerichtet), um so weniger wird diese als Figur erlebt" (Dtic flic). Je weniger  die Figur wahrgenommen wird, um so mehr ihr Umfeld (flic Flo), hier also die breiten konturumgebenen Felder. Man kann diesen "Kippvorgang" auch anders und in Stufen erklären:

  1. Dtic aic  - "Je länger die aufmerksame Wahrnehmung einer Figur dauert, um so mehr "erlahmt" die Aufmerksamkeit.
  2. aic flic1- "Je weniger Aufmerksamkeit auf etwas (z. B. ein konturumschlossenes Feld ic) gerichtet wird, um so weniger wird dieses Etwas als eine "Figur" erlebt.
  3. flic Flo - "Je weniger ic als eine Figur wahrgenommen wird, um so mehr ihr Umfeld o", d.h. das Umfeld wird zur wahrgenommenen Figur, indem die Konturen sich um das bisherige Umfeld schließen, das dadurch zum Infeld einer neuen Figur wird. Die Konturen wechseln ihre "Seitigkeit": Flo2 => Flic2

Richtet man aber willentlich seine Aufmerksamkeit (und/oder seinen Blick) auf eines der breiten Felder, so werden diese öfter als im vorigen Versuch zum Windmühlenkreuz.  Hier wirkt das Gesetz  Aic Flic  oder, wenn man davon ausgeht, dass vorher die breiten Felder Umfelder der schmalen Infelder gewesen waren: Ao Flo. => Aic Flic. (Man kann an dem Sektorenmuster auch noch andere, auf Gestaltgesetze zurückführbare, Beobachungen machen.)

 5. Xdm-Gesetze

Der Gestaltfaktor Dm führt als abhängie Variable zu sehr gut  bekannten Phänomenen von Assimilation bzw. Kontrast von Helligkeit und Farbe. "Simultaner Helligkeitskontrast" besteht in der formativen (illusorischen)  Steigerung eines vorhandenen Helligkeitsunterschieds oder in der formativen Erzeugung eines voher nicht vorhandenen Helligkeitsunterschieds (Für Farbkontrast gilt Entsprechendes.) In der traditionellen Psychologie wird bereits der pure Helligkeitsunterschied als "Kontrast" bezeichnet, nicht so in der ETVG. Weder der (materiale) Leuchtdichteunterschied noch das (phänomenale) Erleben von Helligkeitsunterschied wird in der ETVG als "Kontrast" bezeichnet, sondern nur jenes Unterschiedserleben, das nicht durch entsprechenden Leuchtdichteunterschied "gedeckt" ist (oder durch andere Gestaltgesetz-Wirkungen auch unbekannter Art; man geht dann einfach vom status quo des Erlebens eines Reizmusters als Referenz-Situation aus und bezieht sich nur auf deren Veränderungen.) Wie bereits dargelegt (Teil 2), kann der Faktor Dm selbst eine formative Kontrastwirkung hervorrufen, so dass wir es mit seinem "spezifischen Gestaltgesetz" (dm dm) zu tun haben. Es ist aber auch möglich, dass der Dm-Kontrast von einem anderen Faktor verursacht wird - auf Grund eines "unspezifischen" Gestaltgesetzes. Im Alltagsleben bemerkt der Wahrnehmende Kontraste meistens nicht (die stets vorhanden sind); ein Kontrast wird meistens nur im Vergleich zum jeweiligen Referenz- Helligkeits/Farbunterschied bemerkt. Solche Vergleiche werden in Laborexperimenten angestellt, um einen Kontrast (und Assimilation) unter definierten Bedingungen zu untersuchen.

"Assimilation" ist der Gegenprozess zum Kontrast und besteht in der formativen Verringerung oder Löschung vorhandener Helligkeits- und Farbunterschiede. Kontrast und Assimilation sind eng miteinander assoziiert und werden von den beiden antagonistischen Gestaltfunktionen eines Gestaltfaktors hervorgerufen,  und zwar über spezifische und zueinander komplementäre ("ico-definierte") Gestaltorte. Assimilation erfolgt innerhalb eines Feldes, Kontrast betrifft die beiden Felder beidseitig ihrer Grenzlinie, wirkt also über die Grenze hinweg auf das andere Feld. Das ist eine Folge der impliziten frühkindlichen Lernprozesse, durch die die Gestaltfaktoren selbst entstanden sind. Denn als Babys lernten wir, dass ein Objekt meistens in einer bestimmten gleichen (homogenen) Farbe innerhalb seiner Grenzen erscheint.  Wir haben aber auch gelernt, dass die meisten Objekten sich in ihrer Farbe und Helligkeit mehr oder weniger deutlich voneinander unterscheiden, so dass ein deutlicher Farb/Helligkeitssprung von Objekt zu Objekt besteht. (Diese natürliche Unterscheidungsfunktion macht sich die Spielzeugindustrie zunutze - man beachte die schönen klaren Farben z. B. von Bauklötzen)

Ein berühmtes Beispiel einer Kontrastwirkung ist das "Hermann-Gitter" (Hermann 1870) in Abb. 8-12. Man kann sehr schön die grauen Flecken an den Kreuzungsstellen der weißen Balken sehen. Sie beruhen auf einem doppelten Helligkeitskontrast. Zunächst wird der Helligkeitsunterschied zwischen den schwarzen Quadrat zu ihrer weißen Umgebung kontrastiv verstärkt (Dmio Dmio); diese Kontrastwirkung bemerkt der Betrachter aber nicht, ihm fehlt der Maßstab für die "eigentliche" Weißheit, d.h. diejenige, die da sein würde, gäbe es die schwarzen Quadrate nicht. (Und natürlich werden die Quadrate auch schwärzer!) Aber aus ETVG-theoretischen Gründen muß dieser Kontrasteffekt angenommen werden. Aus dieser Annahme ergibt sich, dass der Kontrast sich nur gerade eben "über die Schwarz-Weiß-Grenze" erstreckt, also nur diejenigen Stellen betrifft und noch weißer macht, als sie schon sind, die unmittelbar neben dem Schwarzen liegen. Das heißt: der Kontrast betrifft nicht die Kreuzungsstellen der weißen Balken; diese bleiben vom Kontrast unberührt, behalten also ihre ursprüngliche Weißheit. Da diese Kreuzungsstellen jedoch an die kontrastiv aufgehellten Balkenteile angrenzen, erleiden sie - allerdings in umgekehrter Richtung - ebenfalls einen Kontrast: sie werden  von den aufgehellten Weißstellen kontrastiv verdunkelt (ebenfalls nach dem Gesetz Dmio Dmio).

Abb. 8-12. Das Hermann-Gitter

 

6. XLl-Gesetze

Die XLl-Klasse beinhaltet die formative Beeinflussungen des Linienerlebens (Ll+) und des Felderlebens (Ll-). Am Hermann-Gitter ist die Wirkung eines solchen Gestaltgesetzes erkennbar. An den Kreuzungsstellen der weißen Balken haben sich dunkle Flecken gebildet. Diese haben zu den aufgehellten Weißbalken Grenzlinien ausgebildet, wenngleich ziemlich verschwommene, aber immerhin sind sie deutlich zu sehen. Woher kommen denn die? Kontrast erfolgt über Grenzen hinweg, aber hier sind objektiv gar keine Grenzen vorhanden. Also müssen die Grenzen ebenfalls per Gestaltgesetz entstanden sein. Wir können rein formalistisch das entsprechende Gestaltgesetz finden. Die unabhängige Variable ist der Helligkeitsunterschied, also steht im gesuchten Gestaltgesetz als linker Halbsatz Dmio. Die abhängige Variable ist die entstandene Grenzlinie zwischen dem dunklen Fleckenfeld und den aufgehellten  Balkenfeldern; also schreiben wir Llc als rechten Halbsatz und erhalten damit: Dmio Llc. Beide Halbsätze befinden sich in der doppelten Grundreihe, bezeichnen also ein gültiges Gestaltgesetz; so einfach ist das. Diese völlig  "aus der Luft gegriffene", d.h. nicht-objektive, Grenzlinie ist eine "subjektive" Kontur - wie die dunklen Flecken "subjektive" Felder sind -, von solcher Art also, wie sie im nächsten Teil 9 ausführlich beschrieben und erklärt werden.

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