Empiristische Theorie der Wechselwirkung visueller Gestaltfaktoren

(Überarbeiteter und ins Deutsche übersetzter Auszug aus L. Kleine-Horst (2001):
"Empiristic theory of visual gestalt perception. Hierarchy and interactions of visual functions"

I. Empiristische Assoziationshypothese

In den Teilen 1 bis 7 wurde die Hierarchietheorie der ETVG vorgestellt, die die "veridikale" visuelle Wahrnehmung erklärt. Die in diesem Teil 8 eingeführte Wechselwirkungstheorie erklärt einen großen Teil der Abweichungen von der "veridikalen" Wahrnehmung, die in über hundert Jahren wahrnehmungspsychologischer Laboratoriumsarbeit beobachtet worden sind: Abweichungen von demjenigen Perzept, das man auf Grund der Wirkung allein der Sinnesreize. erwarten würde. Was unter "Abweichung" und was unter "Gestaltwahrnehmung" zu verstehen ist, wurde in Teil 1 definiert.

In der Wechselwirkungstheorie wird der zweite Teile meiner 1961er "Theorie der optischen Gestaltwahrnehmung" erweitert. Er betrifft die 17 Faktoren der untersten fünf psychischen Hierarchiestufen. "Aufmerksamkeit" kann als 18. Faktor hinzugerechnet werden, obwohl sie selbst nicht in gleichem oben definiertem Sinn ein Gestaltfaktor ist. Jeder dieser Faktoren beeinflusst jeden anderen Faktor und sich selbst. Diese Faktoren sind auf mehreren verschiedenen Stufen angesiedelt; das stellt keine fundamentale Barriere für ihre Wechselwirkung dar, obwohl es in der Tat eine gewisse Rolle spielt. Weder die vier Körperfaktoren noch die Quantitäts-, Orientierungs- und Formfaktoren sind in diesem hier dargestellten Wechselwirkungssystem eingeschlossen (obwohl es Interaktionen der Faktoren der Stufen 6 bis 10 sowohl zwischen ihnen selbst als auch mit den Faktoren der Stufen 1 bis 5 gibt). So haben wir es allein auf den untersten fünf Stufen mit 18 x 18 =324 unterschiedlichen Einflussvorgängen zu tun. Da diese ebenfalls "Gestaltwahrnehmung" hervorrufen, werden sie "Gestaltgesetze" genannt; jedem Gesetz wird ein symbolischer Ausdruck zugeordnet.

Es gibt auch mindestens zwei wichtige "Polaritätsgesetze"; ohne Kenntnis dieser Gesetze und ihre genaue Anwendung, ist jeder Versuch einer Erklärung eine Zufallsangelegenheit. Das ist so, weil eine Variable nur in zwei Richtungen beeinflusst werden kann: sie wird entweder vergrößert oder verkleinert. Jede Interpretation, wie auch immer, hat eine 50%ige Zufallschance, korrekt zu sein. Der Leser wird sich von der Fruchtbarkeit der Theorie nur dann überzeugen können, wenn er die Fakten im Rahmen der ETVG interpretiert und notiert, wie oft diese Interpretationen korrekt sind. Aus diesem Grund hat Teil 8 zwei Ziele: erstens, die Wechselwirkungstheorie zu beschreiben, und zweitens, das Verfahren vorzuführen, durch das Phänomene durch Anwendung dieser Theorie erklärt werden können. Er hat jedoch nicht zum Ziel, irgendetwas zu "beweisen".

Die Behauptung, dass alle 17 Figurfaktoren miteinander und mit dem Faktor "Aufmerksamkeit" wechselwirken, ist ganz leicht zu substanziieren. In Teil 4 wurde detailliert gezeigt, dass die Figurfaktoren implizit erworbene Gedächtnisinhalte sind, die sich aus den Reizbeziehungen innerhalb des Retinabilds entwickelt haben.´Da sich diese Gedächtnisinhalte von ein und derselben allgemeinen Reizstruktur ableiten, nämlich dem Retinalbild "Objekt in seiner Umgebung", sind sie streng miteinander assoziiert. Dies ist die zentrale "Empiristische Assoziationshypothese der Empiristischen Wechselwirkungstheorie der visuellen Figurfaktoren". Wenn eine Assoziation zwischen A und B existiert, genügt folglich die Aktualisierung von A allein, um die Aktualisierung von B zu verursachen, und ebenso genügt die AKtualisierung von B allein, um A zu aktualisieren. Funktionale Gegebenheiten - hier: Gestaltfaktoren - die in dieser Weise miteinander assoziiert sind, haben abhängige phänomenale Korrelate: die Gestaltqualitäten. Da diese das Perzept "Figur in ihrem Umfeld" konstituieren, das wiederum das "Objekt in seiner Umgebung" repräsentiert, können wir von diesem "Objekt in seiner Umgebung" sozusagen direkt "ablesen", welche Assoziationen zwischen den Gestaltfaktoren bestehen.

Erinnern wir uns  jener Beziehungen, die von den Neugeborenen erlernt werden, und die so nacheinander zu Gestaltfaktoren werden. (Teile 1,2,4): Das Reizmuster "Figur in ihrem Umfeld", das für den Säugling äußerst interessant ist, und das die Form eines jeden "Objekts in seiner Umgebung" hat, wenn es auf die Retina projiziert wird, ist ein System abstrakter Beziehungen und Beziehungs-Beziehungen zwischen den einzelnen proximalen Reizen, das im Babyalter detailliert eingeprägt wird.  Eine starke Aktualisierung eines Gestaltfaktors soll von nun an mit "+" und eine schwache Aktualisierung mit "-" gekennzeichnet werden. Das Baby lernt nun die Welt wie folgt kennen: Da ist  "was sehr Helles" (Pml+) und "was nicht so Helles" (Pml-), das sich ausbreitet (Ll-) und gegen was anderes ausgebreitetes Helles (oder Farbiges) durch eine Linie (Ll+) abgegrenzt ist. Diese Linie umschließt (Fl+) ein Feld (Ll-), so dass dieses Feld ("Infeld") umschlossen (Fl+) ist von einem offenen (selbst nicht-umschlossenen, Fl-) Feld.. Dieses umgebende Feld ("Umfeld") umschließt seinerseits die "Figur", d.i. die Einheit von Infeld und Infeld-umschließender Kontur (Grenzlinie). Darüber hinaus ist das Infeld klein (Dl-), und das Umfeld ist groß (Dl+). Die Grenzlinie (Ll+) ist eine Reihe von Inhomogenitäten (Gml+), und die zwei Felder (Ll-), die von dieser Grenzlinie abgegrenzt werden, sind Haufen von Homogenitäten (Gml-). Eine Inhomogenität ist charakterisiert durch  großen Helligkeitsunterschied (Dm+), der sich über einen sehr kleinen Ortsunterschied (Dl-) erstreckt. Im Gegensatz dazu besteht die Homogenität aus einem sehr kleinen oder nicht-existenten Helligkeitsunterschied (Dm-), der sich über einen großen Ortsunterschied (Dl+) erstreckt. Die Helligkeiten oder Orte selbst sind Pml-Aspekte. Der Pml-Faktor, der der Erzeugung der Pml-Qualität "Hier ist was Helles" dient, ist selbst ein Gedächtnisinhalt; er hat sich aus der Kombination von Z-Funktionen entwickelt. Mit Hilfe dieses impliziten (funktionalen) Lernprozesses ist das Baby fähig, ein "Objekt in seiner Umgebung" als eine statische, zweidimensionale "Figur in ihrem Umfeld" zu detektieren. Aus Gründen der Einfachheit wurde in dieser Beschreibung des funktionalen Lernprozesses die implizite Einprägung der Beziehungen und Beziehungs-Beziehungen zwischen den spezifischen Outputs nur der 12 (+/-) Funktionen der sechs Faktoren mit m- und l- Aspekt berücksichtigt, nicht also die Funktionen mit Tiefen(d)- und Zeit(t)-Aspekt, die in Teil 7 diskutiert werden.

Wenn gesagt wurde, dass ein Gestaltfaktor auch mit sich selbst interagiere, so ist gemeint, dass der spezifische Gestaltreiz eines Gestaltfaktors diesen in solcher Weise aktualisiert, dass sowohl seine positive als auch seine negative Gestaltfunktion verstärkt wird, woraus eine größeren "Prägnanz" der phänomenalen perzeptualen Organisation resultiert. Diese gegenseitige Verstärkung der positiven und negativen Funktionen eines Gestaltfaktors ist es, die in Teil 2 als "aktiver Antagonismus" bezeichnet wurde.

Der 18. in das Netz gegenseitiger Beeinflussungen eingebundene Faktor ist der (ebenfalls polarisierte) Faktor "Aufmerksamkeit"; das Neugeborene beachtet das "Objekt" sehr aufmerksam (A+), die Umgebung dagegen ist weniger interessant und erhält daher nur geringe oder keine Aufmerksamkeit (A-). Wenn man die zweifache (positive/negative) antagonistische Aktualisierung eines jeden Faktors in Rechnung zieht, gibt es 36 x 36 = 1.296 Fälle von Gestaltgesetz-Anwendungen. Da jeder dieser Fälle in zwei logisch identischen Formen vorkommt, gibt es insgesamt 2.592 Anwendungsformen von Gestaltgesetzen. Hinzu kommen 2.592 "ähnliche" symbolische Ausdrücke, für die es jedoch keine entsprechenden Gestaltgesetze gibt; sie sind "leere" Ausdrücke. Diese etwa 5.200 genuinen oder leeren symbolischen Ausdrücke zu handhaben,  macht keine besonderen Probleme, wenn man die Gestaltgesetze strikt formalisiert.

 

II. Die Formalisierung der Gestaltgesetze

Die erste Formalisierung der Gestaltgesetze wurde bereits vorgenommen, indem jedem Gestaltfaktor ein Symbol zugeordnet wurde. Das Symbol eines Gestaltfaktors besteht in einem Buchstaben, gewöhnlich in Großschreibung, dem ein oder mehrere Kleinbuchstaben als Indices angefügt werden. Die Form eines Gestaltgesetzes wird auf folgende Weise bestimmt:

1. Syntax

Das Plus- bzw. Minus-Zeichen ist, wie bereits erwähnt, reserviert zur Bezeichnung der entgegengesetzten Enden ("Pole") einer Dimension; die aktuelle Wirkung eines Gestaltfaktors erstreckt sich jedoch über die gesamte Dimension seiner Gestaltqualität. Daher ist die Form "je...um so..." (wie oben ausgedrückt) besser geeignet, diese Polarisierungswirkung zu kennzeichnen, als die "Wenn...dann..."-Form. Die Gestaltgesetze sind weder rein qualitative noch rein quantitative Gesetze, sondern eine Kombination von beiden - gemäß dem qualitativ-informativen und dem quantitativ-informativen phänomenalen Effekt eines jeden Gestaltfaktors (Teil 2). Ein Gestaltgesetz liefert keine quantitativ-mathematische Beschreibung der Beziehung zwischen zweiVariablen, sondern beschreibt die Beziehung zwischen der Richtung der Änderung der einen  und der Richtung der Änderung der anderen Variablen

2. Die "Gestaltorte"

Jede Interpretation betrifft die Beziehung zwischen Reiz (Sinnesreiz oder Gestaltreiz) und Wahrnehmungserleben. Wir möchten zum einen erklären können, warum bei einer bestimmten Reizkonfiguration ein bestimmtes Wahrnehmungserlebnis auftritt, zum anderen, warum  eine bestimmte Reizänderung eine bestimmte  Erlebensänderung nach sich zieht. Für die Interpretation von Reiz-Erlebens- Beziehungen ist es nötig, sowohl die Reizänderungen als auch die resultierenden Erlebensänderungen genau anzugeben. Diese müssen in Ausdrücken  derjenigen Gestaltfaktoren angegeben werden, die unmittelbar von der Reizänderung betroffen sind, wie auch derjenigen, die unmittelbar für die resultierende Erlebensänderung verantwortlich sind. Es ist zu beachten, das diese Änderungen an völlig unterschiedlichen Orten stattfinden können. Dabei ist mit "Ort" nicht ein Ort auf der Retina, definiert als Zl-Ort des okulomotorischen Koordinatensysterms, gemeint; Gestaltwahrnehmungen können an allen möglichen Zl-Orten auftreten (und folglich an den entsprechenden Orten des Wahrnehmungsfeldes erscheinen). Nicht solche körperlichen (material-funktionalen) Orte sind hier gemeint, sondern psychische (funktional-phänomenale) Orte und somit Orte, die durch die Tätigkeit der Gestaltfaktoren selbst entstehen: diese sind Orte, an denen sich die Felder und Grenzlinien befinden, und es sind Orte in Feldern und Grenzlinien. Insbesondere sind es die Orte, die sich in einem Infeld und solche, die sich in dessen Umfeld befinden. Diese so definierten Orte werden als "Gestaltorte" bzw. "ico-locations" genannt (ico = infield-contour-outfield). Stets ist bei Interpretationen von reizbedingten Erlebensänderungen anzugeben, an welchen Gestaltorten sie erfolgen; das gilt sowohl für die unabhängige als auch für die abhängige Variable.  Die wichtigsten Gestaltorte sind Infeld (i), die das Infeld umschließende Kontur (c) und das zum Infeld "gehörende" Umfeld (o). Die Buchstaben in Klammern sind den Gestaltfaktor-Symbolen anzufügen, um den Gestaltort auf der Fl-Stufe zu kennzeichnen.  Die Bezugnahme auf die Fl-Stufe wird bevorzugt, weil in den meisten Fällen die Wahrnehmungsgegebenheiten, mit denen wir zu tun haben, Figur-Umfeld-Systeme (Stufe 5) sind.  Leider dürfen wir nicht übersehen, dass die Gestaltfaktoren auf unterschiedlichen Hierarchiestufen angesiedelt sind, so dass Polaritäten auch auf den niedrigeren Stufen 1 bis 4 auftreten (bezüglich der "versteckten" Polarität auf der P-Stufe siehe Teil 3). Innerhalb des Perzepts auf einer bestimmten Hierarchiestufe sind die Qualitäten all jener niedrigeren Stufen zu finden, auf denen die höhere Stufe aufgebaut ist. Das bedeutet beispielsweise, dass es in einem Figur-Umfeld-System ("ico-system") nicht nur die Polarität "Figur/Umfeld" der 5. Stufe gibt, sondern auch die Polarität "Linie/Feld" der 4. Stufe, die auf der 5. Stufe als Kontur/Infeld- Polarität in Erscheinung tritt.  Auch finden wir in jedem Perzept, das wenigstens bis zur 4. Stufe entwickelt worden ist, auch die Polarität "Inhomogenität/Homogenität der 3. Stufe usw. ...Die verschiedenen Gestaltorte (und, falls nötig, auch ihre Beziehungen zu einander auf den unterschiedlichen Hierarchiestufen) werden mit Indices angegeben. Obwohl die folgenden Vorschläge nicht das ganze Repertoire möglicher Gestaltorte einschließen, genügen sie für die praktische Interpretation, zumindest soweit sie statische, zwei-dimensionale ico-Systeme betreffen.

Es sind folgende Indices:

 

3. Die Grundreihe der Wechselwirkungsfaktoren

Um mit der "Interpretation" der 2.592 "Gesichter" (d.h. Anwendungsformen) der 324 Gestaltgesetze zu beginnen, lassen Sie uns die relevanten 18 Faktoren in zwei Reihen anordnen, wobei die symbolischen Ausdrücke der zweiten Reihe in "komplementärer Notation" geschrieben werden. Geben wir ihnen des weiteren eine Ordnung zum einen ihrer Stufung gemäß und zum anderen innerhalb jeder Stufe von links nach rechts entsprechend der Abb. 7-1. Diese Folge wird mehr als Gedächtnisstütze in Bezug auf die 18 Wechselwirkungsfaktoren empfohlen. "Aufmerksamkeit" (hier einfach in Form der Blickzuwendung) steht hierarchisch unterhalb der anderen Wahrnehmungsfaktoren, weil sie die biologische Aufgabe erfüllt, das gesamte funktionale Detektionssystem auf ein bestimmtes Objekt und seine Umgebung zu richten, um mehr Information über das Objekt (und seine Umgebung) zu erhalten. So wird "Aufmerksamkeit" mit dem Symbol "A" der Stufe "Null" zugeordnet. Ein einziger Ausdruck dieser Reihe (Gmlc beispielsweise) wird  "Halbsatz" (engl.: "phrase") genannt, so dass der volle symbolische Ausdruck (der ganze Satz) eines Gestaltgesetzes aus zwei Halbsätzen besteht.

Die (doppelte) Grundreihe der Halbsätze der 18 Wechselwirkungsfaktoren ist folgende:

Aic  Pmlic  dmic  dlic  ddic  dtic  Gmlc  Gdlc  Gmdc  Gmtc  Gdtc  Gltc  Llc  Ldc  Ltc  Flic  Fdic  Ftic

ao  pmlo  Dmio  Dlo  Ddo  Dto  gmli,o  gdli,o  gmdi,o  gmti,o  gdti,o  glti,o  lli,o  ldi,o  lti,o  flo  fdo  fto  

Die "Standardnotierung" eines Gestaltgesetzes bekommt man durch Paarung von Halbsätzen aus irgendeiner Reihe. Die hierdurch erhaltenen Gestaltgesetze sind nicht Gesetze in Anführungsstrichen wie im Falle der "Gestaltgesetze" der frühen Gestaltpsychologen, denen es an Präzision mangelte; die hier erhaltenen Gesetze sind echte Gesetze, und sie definieren strikt die Interaktion zwischen den Figurfaktoren. Obwohl diese Gesetze durchaus noch präziser formuliert werden können, werden sie hier in einer Form präsentiert, in der sie empirisch getestet werden können. Ich erwarte von ihnen eher eine Weiterentwicklung als eine Falsifizierung.

In der oberen Reihe sind die Halbsätze in der Form geschrieben, die sich auf die Figur (ic), das Infeld (i) oder das Umfeld (o) bezieht. In der unteren Reihe entspricht die Schreibweise den entsprechenden komplementären Gestaltorten.

Derjenige Teil der doppelten Grundreihe, der für unsere aktuellen Interpretationsvorschläge relevant ist, besteht aus folgenden Halbsätzen:

Um die Notation zu verstehen, brauchen wir uns nur vorzustellen, was wir als Babies zu lernen hatten, d.h. wir haben die Gedächtnisinhalte kennen zu lernen, die stark mit den ico-Orten assoziiert sind, also mit Infeld, Kontur und Umfeld. Das Baby beobachtet das "Objekt in seiner Umgebung" sehr aufmerksam; alles andere bleibt praktisch unbeachtet. So ist ein Grad an Aufmerksamkeit auf die Figur (Halbsatz Aic) erstens mit starker Wahrnehmung einer Figur (Halbsatz Flic) assoziiert und zweitens mit geringerer Aufmerksamkeits- Zuwendung auf "alles andere" (ao) und drittens mit einer schwachen Wahrnehmung von "allem anderen" (flo). Ferner hatten wir als Babys mit Aic, ao, Flic und flo eine scharfe (Gmlc) Objektkante (Llc) assoziiert, die zwei relativ homogene (gmli,o) Felder (lli,o), Infeld und Umfeld, voneinander abgrenzt. Fast jedes Objekt ist von spezifischer Farbe und Helligkeit, die sich von den Farben und Helligkeiten der Umgebung unterscheiden. So assoziieren sich Helligkeits- und Farbengleichheit innerhalb des Infelds oder der Figur (dmic) mit dem großen Helligkeits- und Farbunterschied zwischen Infeld und Umfeld (Dmio), und beides ist mit den oben aufgelisteten Erfahrungen assoziiert.

Was für Dm gilt, gilt auch für Dl: der durchschnittliche Ortsunterschied innerhalb des Objekts ist relativ klein (dlic), während er in der Objektumgebung relativ groß ist (Dlo). Ferner verursacht das von einem (kleinen) sich bewegenden Objekt reflektierte Licht nur eine kurzzeitige Erregung des Rezeptors, auf den es trifft (dtic), aber die an ihren Orten verbleibenden Objekte in des bewegten Objekts Umgebung verursachen langzeitige Erregungen der "Umfeld-Rezeptoren" (Dto).

 4. Das Verfahren der Interpretation

Den in der gekürzten doppelten Grundreihe aufgeführten Faktoren, die 2 x 7 Halbsätze umfassen, entsprechen 49 unterschiedliche Gestaltgesetze - in zudem verschiedenen Anwendungsfällen.  Um in der Lage zu sein, ein Phänomen mit einem dieser Gesetze zu erklären (oder vielleicht zu erkennen, es nicht erklären zu können) müssen wir wie folgt vorgehen:

1. Wir stellen fest, mit welcher unabhängigen und welcher abhängigen Variablen wir zu tun haben, mit anderen Worten, welcher Gestaltfaktor durch die Änderung des Sinnesreizes betroffen ist, und welcher Gestaltfaktor für die Erlebensänderung verantwortlich ist. Damit haben wir eine der 324 Klassen von Gestaltgesetzen bestimmt, mit der  die Reiz-Erlebens- Beziehung zu erklären is; wir kennen folglich das "linke" und das "rechte" Symbol des anzuwendenden Gestaltgesetzes und damit das Gestaltgesetz in seiner allgemeinen Form.

2. Wir stellen fest, ob der gemessene (oder geschätzte) Wert der abhängigen Variablen größer oder kleiner wird, wenn der gemessene (oder geschätzte) Wert der unabhängigen Variablen größer bzw. kleiner wird. Danach wissen wir, welches Symbol als Großbuchstabe (bei Vergrößerung) und welches als Kleinbuchstabe (bei Verkleinerung des Wertes) zu schreiben ist.

3. Die ico-Beziehungen müssen bestimmt werden, d.h. es muss festgelegt werden, an welchem ico-Ort (Gestaltort) die Reizveränderung, und an welchem ico-Ort die Erlebensänderung erfolgt ist. Danach wissen wir, welcher Orts-Index für den linken und welcher für den rechten symbolischen Ausdruck zu wählen ist, und wir schreiben nun diejenigen Halbsätze in der formal "richtigen" Notation.

4. Formal mag die so gewonnene Notation richtig sein, aber noch ist unbekannt, ob sie auch wirklich ein gültiges Gestaltgesetz beschreibt. Wir müssen also noch checken, ob die Zwei-Halbsätze-Notation tatsächlich einem Wechselwirkungsgesetz der "Empiristischen Wechselwirkungstheorie der visuellen Figurfaktoren" entspricht. Für diesen Check gilt Folgendes:
a) Jede Kombination von zwei Halbsätzen der doppelten Grundreihe definiert ein gültiges Gestaltgesetz ("Standard-Notation").
b) Wenn man im Laufe der Interpretation empirischer Befunde gemäß Zi. 1-3  nicht zu einer Standard-Notation gelangt, so repräsentiert die formal erhaltene Notation dennoch die Variation eines gültigen Gestaltgesetzes unter der Voraussetzung, dass die Notation unter Beachtung  bestimmter  "Transformations-Regeln" in eine Standard-Notation überführt werden kann. Nach diesen Regeln ist gültig:

  1. nur die Transformation in einer geraden Anzahl (2, 4, 6 ...mal), und zwar
  2. die Transformation des Großbuchstabens in einen Kleinbuchstaben oder/und umgekehrt,
  3. oder/und die Transformation eines Ortsindex in seinen komplementären Ortsindex,
  4. gleichgültig, an welchem Halbsatz eine solche Transformation vorgenommen wird.

c) Wenn eine ungerade Anzahl erlaubter Transformationen zu einer Standard-Notation führt, folgt daraus, dass ein gültiges Gestaltgesetz nicht gefunden wurde, und das wiederum heißt, dass die empirischen Befunde nicht korrekt interpretiert worden sind.

Naturlich sollte man nicht schließen, dass das "richtige" Gestaltgesetz nur gefunden wurde, weil ein Ausdruck in die Standardnotation konvertiert werden konnte; wie bereits erwähnt, beträgt die Zufallschance einer Standardnotation 50%....16 Ausdrücke mit dem linken Symbol von "lateraler Geschlossenheit " (Fl) und dem rechten Symbol von "Ortsunterschied" (Dl) sind in Tabelle 8-1 aufgelistet. Acht von ihnen sind gültig, acht ungültig. Die unterstrichenen Ausdrücke repräsentieren die vier Standard-Notationen. Die vier logisch identischen Formen, die man unter Beachtung der Transformations-Regeln erhalten kann, sind mit "a" gekennzeichnet. Die acht ungültigen Ausdrücke entstehen durch Transformierungen der Standard-Notation in ungerader Anzahl.               

 

 gültig  

 ungültig 

1

Flic dlic

flic dlic

1a

flic Dlic

Flic Dlic

2

Flic Dlo

flic Dlo

2a

flic dlo

Flic dlo

3

flo dlic

Flo dlic

3a

Flo Dlic

flo Dlic

4

flo Dlo

Flo Dlo

4a

Flo dlo

flo dlo

Tab. 8-1. Acht gültige und acht ungültige Ausdrücke des Gestaltgesetzes "Fl dl".
                                           Die unterstrichenen Ausdrücke sind Standard-Notationen
                              

Diese Regeln für die Gültigkeitsprüfung können mit einem Beispiel illustriert werden: Angenommen, wir haben festgestellt, dass, je geschlossener eine Figur ist, um so kürzer eine innerhalb der Figur befindliche Linie erscheint. Zunächst müssen wir diesen Befund symbolisch ausdrücken: Flic dlic. Dann vergleichen wir beide Ausdrücke mit denen in der doppelten Grundreihe und stellen fest, das sich beide Ausdrücke dort befinden. Folglich wissen wir, dass wir unseren empirischen Befund mit einem der Wechselwirkungsgesetze erklären können (vorausgesetzt,  wir haben keinen Irrtum begangen.)

Nun könnte es sein, dass wir unseren empirischen Befund etwas anders formuliert haben - vielleicht auf Gund eines anderen experimentellen Verfahrens: "Je weniger das Feld (a) von einer Kontur umschlossen ist, um so länger (weniger kurz) erscheint eine Linie innerhalb dieses Feldes." Der symbolische Ausdruck, der diesem Befund entspricht, wäre: flac Dlac. Für den Fall, dass (a)=i, bekommen wir flic Dlic. Keiner dieser beiden symbolischen Ausdrücke befindet sich in der Grundreihe. Aber durch die erlaubten Transformationen bekommen wir zum Beispiel den Ausdruck "Flic dlic" und stellen damit fest, dass "flac Dlac" tatsächlich einer der acht gültigen Ausdrücke eines existierenden Gestaltgesetzes ist.

Einige Vorschläge für das weitere Vorgehen: wenn ein Gestaltfaktor einfach nur bezeichnet werden soll, wird sein Symbol als Großbuchstabe geschrieben. Soll auf ein Gestaltgesetz in seiner allgemeinen Form nur hingewiesen werden, so wird es mit den Halbsätzen der oberen Grundreihe bezeichnet, also solchen, die sich auf die Figur bzw. das Infeld beziehen, und ohne Angabe der Gestaltort-Indices, also etwa: A Fl,  Fl dl, dm dm, dl Gml. Eine "Klasse" von Gestaltgesetzen, d.h. die Gruppe aller Gestaltgesetze mit derselben abhängigen Variablen und allen unabhängigen Variablen, wird gekennzeichet z.B. mit "XFl-Gesetz", Xdl-Gesetz" usw. In der Praxis der Interpretation ist jedoch die Bezeichnung eines Gestaltgesetzes "in vollem Ornat" absolut notwendig, um mit ihm eine unzweideutige Erklärung eines Befundes zu garantieren.

Beispiele von Gestaltgesetzen

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