Teil 1

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I. Die verhinderte Wissenschaft

 1. Worum es geht

Es geht um einen 3/4 Jahrhunderte währenden Wissenschaftsbetrug, doch nur sekundär, sozusagen "hilfsweise". Es geht primär um die 3/4 Jahrhunderte währende Blockierung der Wissenschaft. Das spezielle Wissenschaftsgebiet, auf dem die Blockierung stattfand und immer noch stattfindet, ist die "visuelle Aktualgenese". Was ist das? Und wieso ist die Blockierung der "aktualgenetische Forschung" so bedeutend? Um das verständlich zu machen, muß ich bei Adam und Eva anfangen, naturwissenschaftlich gesprochen: beim "Urknall". Mit dem "Urknall" entstand mit Zeit und Raum auch Materie. Es handelte sich um "anorganische Materie", solche, die von der Wissenschaft der Physik und ihren Untergliederungen einschließlich der Chemie erforscht wird. Wir alle kennen die grandiose Entwicklung der Physik und der auf ihren Erkenntnissen aufbauenden Technik. Die Bildung der anorganischen Materie stellt sich heute dar als die erste Stufe einer vierstufigen Evolution der Gesamtwirklichkeit.

Auf der anorganischen Materie baute sich Leben auf, das sich in Lebewesen realisiert. Es ist die Wissenschaft der Biologie, die die Natur und die Entwicklung der Lebewesen erforscht. Auch Lebewesen bestehen aus Materie, aber es ist eine andere Materie als die Materie der Physik. Es ist "lebende" Materie, d.h. Materie, die "Funktionen" ausübt. Sie beruht auf hochkomplexer anorganischer Materie, ist aber nicht mit dieser identisch. Wir befinden uns mitten in einer Zeit, in der die Biologie einen ungeheuren Aufschwung nimmt, und in der sie ebenfalls zur Entwicklung einer "Technik" führt; sie ist uns vor allem als "Gentechnik" bekannt. Ob uns diese Technik behagt oder nicht: wir können uns dem menschlichen Drang zu wissenschaftlicher Forschung und der Nutzung ihrer Ergebnisse zum Zwecke technischer Beherrschung der Natur nicht entziehen. Die Bio-Evolution ist die zweite Stufe der Wirklichkeitsevolution. Physik und Biologie sind die beiden großen Wissenschaftskomplexe, die man als "Naturwissenschaft" zusammenfaßt, wobei man unter "Natur" nur die Materie zu verstehen pflegt, anorganische und lebende Materie, funktionslose und funktionierende Materie.

Das Ergebnis der dritten Evolutionsstufe ist die Psyche, die "Seele"; sie beruht auf hochkomplexen biologischen Strukturen, ist mit diesen aber nicht gleichzusetzen. Das Seelische ist etwas Neues, das mehr ist als das Biologische, Körperliche, mehr ist als Nur-Leben, als "funktionierende Materie". Die Wissenschaft von dieser dritten Evolutionsstufe ist die Psychologie. Das Neue gegenüber der Nur-Lebensfunktion ist die Fähigkeit des Lebewesens zu subjektiven Eindrücken, zum "Erleben", insbesondere zur Sinneswahrnehmung. Beim Menschen besonders hoch ausgebildet ist die visuelle Wahrnehmung, das Sehen, die Wahrnehmung unserer Umwelt mit Hilfe unserer Augen. So ist auch die Wahrnehmungswissenschaft, vor allem die Wissenschaft von der visuellen Wahrnehmung, besonders hochentwickelt. Und doch, verglichen mit dem Entwicklungstand von Physik und Biologie, befindet sich die Psychologie noch in den Kinderschuhen. Der Reifegrad einer Wissenschaft läßt sich an ihren Theorien erkennen. Je umfassender eine Theorie ist, d.h. je mehr Fakten sie zu erklären vermag, und je weniger Fakten unerklärt bleiben, je geringer die Anzahl der fundamentalen Annahmen ist, aus

denen sich alle anderen Annahmen der Theorie herleiten lassen, und je größer die innere Logik einer Theorie ist, um so höher ist ihre Qualität einzustufen, um so "reifer" ist die Wissenschaft, in der diese Theorie entstehen konnte. Physik und Biologie sind reife Wissenschaften, die Psychologie ist eine unreife Wissenschaft. Sie hat sehr viele Theorien und Theoriechen hervorgebracht, aber keine, die als eine plausible "Theorie der Psyche" bezeichnet werden könnte. Wenn in der Geschichte der Psychologie eine neue Auffassung von der Psyche aufkam, hat sie sich oft auf dem Gebiet der Wahrnehmung entzündet, besonders auf dem Gebiet der visuellen Wahrnehmung, weil diese die am besten erforschten Leistungsfähigkeit von Mensch und Tier ist. Aber es hat bisher keine annehmbare "Theorie des Sehens" gegeben, wenngleich es Versuche hierzu genug gab und gibt.

In der Wahrnehmungswisssenschaft waren die deutschen Psychologen von ihren Anfängen Ende des 19. Jahrhunderts an bis zum Ende der 20er Jahre dieses Jahrhunderts führend in der Welt. Seitdem ging es bergab; seit langem gibt es keine Wahrnehmungspsychologie von Bedeutung mehr in Deutschland. Warum nicht? Zuletzt hatten doch gerade die Ganzheitspsychologen so viel Erfolg mit ihrer neuen Sichtweise gehabt. Es gab zwei ganzheitspsychologische "Schulen": die Berliner "Gestaltpsychologie" (im engerem Sinne) mit Wertheimer, Köhler und Koffka, und die Leipziger "Genetische Ganzheitspsychologie" mit Krueger, Sander und Wellek. Etliche "Berliner" emigrierten um 1933 herum in die USA, etliche "Leipziger" wurden Nazis. Die Emigration der Berliner kann nicht als die Ursache des Verfalls der Wahrnehmungspsychologie in Deutschland angesehen werden. Die Ganzheitspsychologen hatten große und bedeutende Experimentalforschung betrieben und mit ihrer neuartigen Beschreibung des Wahrnehmungserlebens der Wahrnehmungspsychologie ein neues Gesicht gegeben: sie hatten gezeigt, daß es zwischen dem Sinnesreiz und dem sich aus ihm ergebenden Wahrnehmungsphänomen, dem subjektiven Wahrnehmungsgebilde von bestimmter Form und Farbe, keine eindeutigen und einfachen Beziehungen bestehen, sondern daß das "Ganze" ihre Teile ("Glieder") beeinflußt und die Teile auch das Ganze mitbestimmen. Besonders die Berliner trugen sehr viele neue Fakten zusammen. Ihre physiologische Theorie allerdings, die mit nicht näher definierten physikalischen "Kräften" operierte, vermochte diese Fakten nicht zu erklären.  

Abb. 1: Eine aktualgenetische Reihe von Perzepten steigender Differenziertheit (a-f) bei kontinuierlicher optischer Vergrößerung des dargebotenen Reizmusters g, angefangen mit sehr kleinem Abbildungsmaßstab (nach Wohlfahrt)

Die Forschung der "Leipziger" verlief anders: der Sander-Schüler Erich Wohlfahrt berichtete 1925 in seiner Dissertation neue Fakten, nämlich daß ein und dasselbe Sinnesreizmuster nicht nur ein einziges Wahrnehmungsgebilde (Perzept) hervorbringen kann (wenn sich z.B. ein Haus auf der Netzhaut des Auges abbildet, dann sieht man halt dieses Haus), sondern es kann sich eine ganze Anzahl unterschiedlicher Wahrnehmungsgebilde ergeben. In Abb. 1g ist ein (hausähnliches) Sinnesreizmuster von Wohlfahrt abgebildet. Nicht nur konnte Reizmuster g so volldifferenziert wahrgenommen werden, wie wir es hier sehen, sondern auch alle anderen von a bis f abgebildeten Perzepte erschienen. Zunächst bot Wohlfahrt seinen Versuchspersonen das Reizmuster in sehr kleinem Maßstab dar. In diesem Falle konnte die Versuchsperson Ot. das "Haus" nur als ein regelmäßiges Fünfeck wahrnehmen. Je größer das Reizmuster abgebildet wurde, um so mehr Details konnte Ot. erkennen, es erschienen immer mehr Strukturen und Qualitäten:  

zuerst die eine Binnenkontur, dann die zweite, diese setzte zunächst rechtwinklig an der ersten an und nahm danach eine diagonale Position ein, wie sie dem Reizmuster entspricht. Bei weiterer Vergrößerung des Musters erschienen jene Lücken im Perzept, die auch im Reizmuster zu finden sind. Die Wissenschaft setzte hohe Erwartungen in diese Befunde. Man hoffte, mit Hilfe der Erforschung dieser bei aktueller Reizung sich einstellenden Entwicklung ("Aktualgenese") der visuellen Perzepte endlich das Rätsel der visuellen Wahrnehmung lösen zu können. Es war zu erwarten, daß mit der Kenntnis der "Aktualgenese", d.h. der Entwicklung des (seelischen) Einzel-Erlebnisses die Psychologie einen ebenso raschen Aufschwung nehmen würde, wie die Biologie ihn mit der Kenntnis der "Ontogenese", d.h. der Entwicklung des (körperlichen) Einzel-Lebewesens, erfahren hatte.

Doch die aktualgenetische Forschung, die von Prof. Sander in seinem Institut eifrig betrieben wurde, wurde bald beendet. Viel hatte sie nicht erbracht; jedermann mußte sich sagen: wenn nicht einmal der engagierte Sander mehr aus der aktualgenetischen Forschung an wirklich wesentlicher Erkenntnis über die visuelle Wahrnehmung herausholt, dann ist eben nichts "drin" gewesen. Und man vergaß diesen Forschungsansatz. Doch der wahre Grund für das damalige Ende der aktualgenetischen Forschung ist ein anderer; die Aktualgenese hatte sich nicht wirklich als unfruchtbar erwiesen, sie wurde vielmehr durch Sabotage unfruchtbar gemacht. Wohlfahrts Lehrer Prof.Dr.Friedrich Sander selbst sabotierte sie. Zwei seiner Schüler beteiligten sich an dem Betrug. Ich habe diesen in der Geschichte der Psychologie ungeheuerlichen Fall von Wissenschafts-Kriminalität 1984/85 in drei einzeln erschienenen Teilen detailliert beschrieben (Kleine-Horst 1984a+b;1985), die ich 1992(a) zu einem Band zusammenfaßte mit dem Titel: "Die verhinderte Wissenschaft. Ein Gaunerstück aus der deutschen Psychologie".

Der der internationalen Wissenschaft zugefügte Schaden ist ungeheuer groß, und er ist eindeutig: die internationale Wahrnehmungswissenschaft konnte bis auf den heutigen Tag [30.11.2006] nicht eine einzige Theorie entwickeln, die diese aktualgenetischen Fakten, d.h. 1. die Vielheit möglicher Perzepte aufgrund ein und desselben Reizmusters und 2. ihre gesetzmäßigen Beziehungen dieser Perzepte zueinander, zu erklären vermöchte. Sie konnte es deswegen nicht, weil die Wissenschaftler diese Fakten nicht kennen; und wer sie kennt, hat sie unter dem Stichwort "Geschichte der Psychologie" ad acta gelegt und mißt ihr für die Lösung des Rätsels der visuellen Wahrnehmung keine aktuelle Bedeutung bei. Die Fälscher haben somit 73 Jahre lang die internationale Wissenschaft in die Irre geführt. Hunderte von Forschungs-Millionen wurden für unnötige Forschungen ausgegeben, Tausende von Wissenschaftlern ersannen für die gesamte visuelle Wahrnehmung oder für begrenzte Themengruppen Erklärungen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt waren und, soweit sie noch nicht gescheitert sind, noch scheitern werden, weil sie wesentliche Wahrnehmungsfakten nicht berücksichtigen.

Im Hinblick auf unsere Kenntnis von der Gesamtevolution der Wirklichkeit bedeutet diese Sabotage, daß die Wissenschaft von der Seele sich 3/4 Jahrhundert nicht weiterentwickeln konnte. Die heute so groß geschriebene "Kognitionspsychologie" (im engeren Sinne) beschäftigt sich mit geistigen Vorgängen, bezieht sich also auf die vierte, die mentale, Evolutionsstufe. Aber ihr fehlt der Boden unter den Füßen. Der Boden, auf dem sie gründen müßte, ist die Wahrnehmung, die eine solche Struktur besitzt, daß sich das Wahrnehmungserleben stufenweise, d.h."aktualgenetisch", aufbaut. Diese Struktur (z.B. des visuellen Wahrnehmungssystems) ist in der offiziellen Wissenschaft unbekannt, unerforscht, weil die aktualgenetischen Fakten, die auf sie hinweisen, durch Sabotage verschüttet worden sind. Es folgt nun eine kurze Inhaltsangabe der "verhinderten Wissenschaft".

 

 2. Die Forschungssabotage des Prof.Dr.Friedrich Sander

Sander begann die Aktualgenese im gleichen Jahr 1925 zu sabotieren, in dem Wohlfahrt sie begründete, ja, er begann sein Zerstörungswerk sogar in Wohlfahrts Dissertation selbst, indem er seinen Doktoranden nötigte, aus einem von ihm, Sander, gefälschten Versuchsprotokoll ausführlich zu zitieren. Prof. Sander ließ auch andere Schüler diese Aktualgenese des Seherlebnisses nachweisen. Allerdings war alles nur Scheinforschung, denn Sanders ganzes Bestreben ab 1925 bis zu seinem Tode 1971 war nur darauf ausgerichtet: 1. der wissenschaftlichen Welt sich selbst als den Begründer der Aktualgenese und deren eifrigen Sachwalter zu präsentieren, 2. das fundamental Neue an den neuen Fakten, nämlich eben diese stufenweise Einführung neuer Strukturen und Qualitäten ins Perzept, vom Bewußtsein seiner Leser fernzuhalten, denn diese Fakten widersprachen seiner eigenen, flugs zurechtgezimmerten Aktualgenese-Theorie. Dieses etwas schizophrene Kunststückchen ist ihm gelungen: Sander brachte diese Forschungssabotage (in Verbindung mit geistigem Diebstahl und Prioritätenschwindel) zustande mit Hilfe der Vermeidung der Gewinnung neuer Fakten, der Nicht-Nennung der Aktualgeneseautoren, vor allem Wohlfahrts, mit Hilfe von Manuskript-, Protokoll- und Jahreszahlen-Fälschung, mit Hilfe 7-jähriger Verzögerung der Drucklegung von Wohlfahrts Dissertation, mit sprachlichen Verwirrungstricks usw. Der Betrug hat sich für ihn gelohnt: der Begründer der aktualgetischen Forschung heißt heute "Sander"; die Wissenschaft selbst blieb auf der Strecke.

  

3. Die Mitmacher U.Undeutsch und C.F.Graumann

Ich fragte mich, wieso denn nicht früher schon diese Forschungssabotage entdeckt worden war, vor allen durch Sanders eigene Schüler, die doch die wenigen Aufsätze ihres Chefs genau kannten. Ich habe zwei Sanderschüler entdeckt, die Sanders Fälschungen entdeckt hatten. Beide schwiegen. Damit war Sander durch sie erpreßbar; beide hatten Sander fest in ihrer Hand und konnten ihn notfalls jederzeit hochgehen lassen. Doch sie wußten Günstigeres: sie dienten sich ihm durch Mitfälschung an. Das mußte ihnen eine schnelle und bequeme akademische Karriere sichern.

In meinem Betrugsbericht habe ich über die Mitfälschung des heutigen Prof. Dr. Udo Undeutsch, Köln, aus dem Jahr 1942 (a) berichtet. Herr Undeutsch bediente sich selbst noch schnell mit der Plagiierung eines zusammenfassenden Aktualgenese-Berichts seines Kollegen Butzmann und wurde, da er, wie von Sander gelernt, Literatur der wirklichen Aktualgenese-Untersucher nicht angab, in einem englischsprachigen Review-Artikel als einziger Aktualgenese-Experimentator Sanders genannt. Es war nicht Undeutschs erster Wissenschaftsbetrug, es kommen noch ein paar andere hinzu; mit jedem Aufsatz in den 40er-Jahren fälschte Undeutsch zugunsten seines Chefs Sander, wie noch zu berichten sein wird. Sein Wissenschaftsbetrug hat sich für seine Karriere gelohnt; die Wissenschaft selbst blieb auf der Strecke.

Auch habe ich ausführlich die erstaunlichen Fälschungen des Sander-Schülers Prof. Dr. Carl Friedrich Graumann, Heidelberg, beschrieben. Graumann, dessen 2. Referent bei seiner Dissertation Undeutsch war, entdeckte in den 50er Jahren Forschungssabotage und Fälschungen Sanders und die Mitfälschungen Undeutschs, machte sie der Fachwelt aber nicht bekannt, sondern fälschte mit. Graumann ist zweifellos mit Abstand der bedeutendste Fälscher unter den deutschen Psychologen. Ja, es entstehen sogar Zweifel, ob man im internationalen Vergleich immer noch Sir Cyril Burt, England, statt nunmehr Carl Friedrich Graumann, Deutschland, als den Größten unter den Betrügern in der Psychologie anerkennen sollte. Dr.Graumann (1959) begründete seinen Ruf als Psychologiegeschichts-Forscher mit einer grandiosen Psychologiegeschichts-Fälschung. Er brachte es fertig, durch Umdefinieren von "Aktualgenese" sowie Jonglieren mit Jahreszahlen, mit Hilfe suggestiver Reihenfolge von Namensnennungen, mit schlichten Behauptungen, blanken Lügen und insbesondere durch Ausnutzen von Sanders Druckverzögerungstrick, Wohlfahrt zum Aktualgenese- Nachfolger von Wohlfahrts Aktualgenese-Nachfolger Sander zu machen, und ein offensichtliches Mischprodukt aus 9 Untersuchungen von 7 Autoren, deren einer Sander ist, der Wissenschaft als Sanders alleinige Kreation zu offerieren, mit der dieser die neue Forschungsrichtung der Aktualgenese begründet habe. Eine Kritik an Sanders Theoriechen oder ein Bericht über ausländische Kritik an den Aktualgenese-Untersuchungen im Sander-Institut kommen in Graumanns "kritischer Übersicht" über Aktualgenese nicht vor. Sander-Komplize Prof.Dr.Albert Wellek fügte Graumanns Fälscherwerk in eine Festschrift zu Sanders 7o. Geburtstag ein, die wiederum von Sander in der von ihm herausgegebenen "Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie" veröffentlicht wurde. Statt die Aktualgenese zu neuem Leben zu erwecken, vergrub Graumann sie als eine Episode in die Vergangenheit, in die "Geschichte der Psychologie". Unmittelbar nach Ablieferung seines Fälscherwerks wurde Graumann von Sander habilitiert. So haben sich ein zweites Mal Fälschungen für die Karriere eines deutschen Wissenschaftlers gelohnt; die Wissenschaft selbst blieb auf der Strecke. Das war 1959.

  

4.Vernichtung einer differenzierten Wahrnehmungstheorie

Nichts ahnend von all diesen Vorgängen, entwickelte ich (1961) als Psychologie-Student eine "Theorie der optischen Gestaltwahrnehmung". Sie hatte sich angesichts der oben abgebildeten aktualgenetische Perzeptreihe von Wohlfahrt entzündet. Es war zugleich die einzige aktualgenetische Reihe, die Sander (1928) in seinen Aufsätzen über Aktualgenese selbst je veröffentlicht hatte - in einem Aufsatz, der in Köln zur Vordiplomslektüre gehörte. Dort fand ich sie. Meine Theorie enthält folgende Grundannahmen: Der Sinnesreiz aktualisiert eine Hierarchie von "Gestaltfaktoren", wobei jede von ihnen ihre spezifische "Gestaltqualität" ins stets ganzheitliche Perzept eingibt. Dieser Prozeß vollzieht sich in der Regel sehr rasch und "unbewußt". Jeder Gestaltfaktor besitzt eine "Aktualisierungsschwelle", die der Höhe der Hierarchiestufe entspricht, auf der er angesiedelt ist. Bei geringer Reizstärke endet der Prozeß auf derjenigen Hierarchiestufe, die vom Reiz noch so gerade eben aktualisiert werden kann. Bei kontinuierlich steigender Reizstärke, angefangen von sehr geringer, werden die Gestaltfaktoren in ihrer hierarchischen Reihenfolge "von unten nach oben" stufenweise ins Perzept gegeben; dies ist die "Aktualgenese" des Perzepts.

Nun entsann ich mich, daß 1963 Prof.Sander von Prof. W. Metzger mein Theorie-Manuskript (1961) zugesandt bekommen und mir zugesagt hatte, sich nach Erledigung dringender Arbeiten diesem "so gewichtigen Manuskript", diesem "Opus, das meine wissenschaftliche Anteilnahme erweckt", dieser "höchst interessanten Untersuchung" zu widmen; "ich habe den bestimmten Eindruck, daß sich das für mich lohnt!". Es hat sich für ihn gelohnt. Als ich trotz weiterer Anfrage nichts mehr von ihm hörte, resignierte ich in meiner Hoffnung, von ihm eine Förderung meiner Theorie zu erfahren. Er hatte Günstigeres im Sinn: er entnahm meiner Theorie jene fundamentalen Aktualgenese-Hypothesen, die den seinen bisher vorgetragenen Ansichten über Aktualgenese völlig widersprachen, und gab sie 1967 in drei Aufsätzen als seine eigene, immer schon so gemeinten, aus. Offen konnte er das allerdings nicht tun, ich lebte ja noch. So schleuste er sie in Aufsätze ein, deren Titeln man nicht anmerken konnte, daß sie eine Kehrtwendung in Sanders Aktualgenese-Ansichten enthielten. Prof. Dr. Wilhelm Salber aus Köln war ihm 1969 mit einem Artikel behilflich, dessen einziger Zweck es war, auf diese Kehrtwendung Sanders aufmerksam zu machen, ohne doch irgendetwas Inhaltliches über sie zu verraten, denn genau dies mußte zum aktuellen Zeitpunkt ja verhindert werden. Sander (1972) gab in seiner postum erschienenen Selbstdarstellung als Fremdliteratur nur diesen Salber-Aufsatz an, so daß zwar in absehbarer Zeit (d.h. zu meinen Lebzeiten, ich war 35 Jahre jünger als Sander) niemand die neuen Sander-Erkenntnisse (und damit die Fundamental- Hypothesen der neuen Theorie) erfahren konnte, aber vielleicht 100 Jahre später einmal Sander durch seinen Biographen als derjenige entdeckt werden konnte, der schon in seiner Habilitationsschrift von 1922 (die es nie gegeben hat) dieses aufregend neue Konzept der visuellen Wahrnehmung entwickelt hatte. Wieder einmal sollte Betrug sich für einen Wissenschaftler lohnen; die Wissenschaft selbst blieb wieder einmal auf der Strecke. So weit die Inhaltsangabe von "Die verhinderte Wissenschaft".

Zwischen 1985 und 1989 habe ich den 1.Teil der 1961er Theorie in überarbeiteter Form in 8 Einzelbändchen und 1992 als Sammelband unter dem Titel "Evolutionär-psychologische Theorie des Sehens" (EPTS) veröffentlicht. Aus den 7 Hierarchiestufen mit 12 Gestaltfaktoren von 1961 wurden 9 Stufen mit 29 Gestaltfaktoren. Soeben ist der überarbeitete 2. Teil des 1961er Manuskripts erschienen, in dem von 18 visuellen Faktoren 324 gegenseitige Einflußbeziehungen abgeleitet wurden (Kleine-Horst 1998a). Mit der EPTS wurde endlich das Problem der ungeheuer komplexen visuellen Gestaltwahrnehmung gelöst (s.Teil 4).

[Die deutschsprachige EPTS wurde 2001 in stark erweiterter und englischsprachiger Fassung herausgegeben unter dem Titel: "Empiristic Theory of Visual Gestalt Perception. Hierarchy and Interactions of Visual Functions" (ETVG).]

Aus: Lothar Kleine-Horst (1998): "60 Jahre deutsche Psychologenmafia (1938-1998)". Köln: Enane-Verlag
(Teil1, Kap. I, evt. mit Ergänzungen in eckigen Klammern aus 2006)

Kap II: "Spontanes Erschrecken"

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