Teil 2

Die Naziseilschaft

 

I. Zunächst noch ein paar
Klein-Fälschungen

1. Sanders Fälschung im Falle Voigt

Zunächst habe ich einen weiteren Übergriff Sanders auf die wissenschaftliche Wahrheit entdeckt: Nachdem sich Sander in der wissenschaftlichen Gesellschaft durch Gaunereien und in der NS-Gesellschaft durch Heilrufen Geltung verschafft hatte (wie noch zu berichten sein wird), und nachdem der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Kamerad Kroh, ihn, den Erpreßbaren, nach dem "Führerprinzip" (Lüer, 1991) in die für Mitwisser günstige hohe Position seines Stellvertreters gehievt hatte, glaubte Sander, bei seinen Angriffen auf die wissenschaftliche Wahrheit, die sein Unsinnskonzept zu entlarven drohte, keine große Vorsicht mehr walten lassen zu müssen. Sein Assistent von 1940 bis 1945, Johannes Voigt, hatte seine Habilitationsschrift über die Aktualgenese des Denkens mit einer ausführlichen theoretischen Betrachtung versehen - nicht wissend, daß dies ganz gegen die persönlichen Interessen Sanders verstieß. Wie Sander es dieses Mal arrangierte, sich einer ihm unliebsamen Theorie zu entledigen, ist an Voigts (1944) Habilitationsschrift selbst abzulesen.

Schon das Inhaltsverzeichnis ist bemerkenswert: die Arbeit wurde mit drei Textteilen konzipiert. Der 3.Teil betrifft den "Theoretischen Ertrag" und ist in folgende Kapitel unterteilt: "Über Denktypen - Die Aufgabe - Der Begriff des Denkens - Gefühle und Denken - Bewußtsein und Denken - Sprache und Denken". Zum Obertitel "Theoretischer Ertrag" gibt es eine Fußnote: "Um diesen Teil ist die Arbeit gekürzt worden. Siehe vorige Seite." Auf der vorigen, der Titel-Seite steht: "Mit Genehmigung der Herren Referenten Prof. Dr. Sander und Prof. Dr. Linke gekürzt." Nun kann ich mir trotz der Formulierung "Mit Genehmigung..." gar nicht vorstellen daß es Voigts eigener Wunsch war, die Arbeit zu kürzen. Denn dann hätte er das doch einfach tun können: Text herauslassen, den entsprechenden Teil des Inhaltsverzeichnisses herauslassen und die den theoretischen Teil betreffenden Titel des Literaturverzeichnisses herauslassen. Aber er nahm nur den Textteil heraus, schloß die Seitenzahlen des Literaturverzeichnisses an die Seitenzahl der letzten Seite des verbliebenen Textes an und beließ in ihm die theoretisch relevante Literatur - das sind ziemlich genau 50% aller Titel. Er ließ auch das Inhaltsverzeichnis vollständig bestehen, so daß der Leser erfährt, auf was er verzichten muß. Dazu verweist der Autor den Leser noch laut und deutlich und gleich zweimal auf die Herausnahme des theoretischen Teils. Eindringlicher kann man dem Leser wohl kaum vermitteln, daß der Autor gegen seinen Willen gezwungen wurde, den theoretischen Ertrag seiner Arbeit herauszureißen, wollte er habilitiert werden. Der mächtige Naziprofessor hielt es nicht einmal für nötig, die Spuren seines Übergriffs zu verwischen; er nahm Voigts Arbeit mit allen Indizienbeweisen seiner Wahrheitsunterdrückung als Habilitationsschrift an.

Es gibt weitere drei Fälle, in denen Sander seinen Ruhm durch Betrug zu mehren trachtete; sie bestanden darin, sich von seinem Schüler und Komplizen Udo Undeutsch Falschdarstellungen anfertigen zu lassen und sie in dem von ihm herausgegebenen "Archiv für die gesamte Psychologie" zu veröffentlichen. Im einzelnen wird über sie in den nächsten Kapiteln berichtet.

 

2. Undeutschs Fälschung im Falle Ipsen

Nur die Wohlfahrt betreffende Fälschung Undeutschs, mit der er Sander für sich erpreßbar gemacht hatte, habe ich bisher veröffentlicht. Seine weiteren Fälschungen kannte ich damals noch nicht. Die Wohlfahrt betreffende Fälschung war nicht seine erste, die erste fand 2 Jahre zuvor statt: Undeutsch muß schon 1940 bei den Nazis hohes Ansehen genossen haben, denn er durfte schon als 21-jähriger Student die Typologie des Nazis und Rassisten Sander mit der Typologie des Obernazis und Rassisten Jaensch vergleichen (Undeutsch 1940a).

Undeutsch weiß, daß Sander großen Wert darauf legte, als alleiniger Urheber eines dritten, für seine Typologie wesentlichen, des sogen. "gestaltungskräftigen", Typs zu gelten. Undeutsch weiß aber auch, daß nicht Sander diesen 3.Typ aufgestellt hatte, sondern dessen Schüler Gunther Ipsen. Dieser hatte schon auf dem 8.Kongreß für experimentelle Psychologie den von ihm gefundenen Typ beschrieben. Daß Undeutsch Ipsens (1924) Kongreßreferat kennt, ergibt sich aus seinem Verweis auf dieses Referat. In einer Fußnote zur "SANDERschen Gestalterlebenstypologie" führt er (1940a, S.405, Fußnote) "Literatur dazu" an, und zwar macht er insgesamt 14 bibliographische Angaben. Diese Literaturangaben sind nicht alphabetisch geordnet, auch nicht chronologisch, sondern "psychologisch": zuerst werden drei Sanderarbeiten angeführt, als vierte der Ipsenbeitrag. Der Normal-Leser wird diese Fußnotenhinweise übersehen, ihnen jedenfalls nicht nachgehen, zumal nicht angegeben ist, in welcher Beziehung Sanders Typologie zu dieser Literatur steht, geschweige denn angegeben ist, daß der 3.Typ von Ipsen stammt, wie aus dem mitaufgeführten Ipsen-Beitrag hervorgeht. Sander weiß natürlich, welche Bedeutung Undeutschs Quellenverweis auf Ipsen hat: die eines Signals an ihn, daß er, Undeutsch, sehr wohl wisse, nicht Sander habe den 3.Typ entwickelt, sondern Ipsen, daß aber er, Undeutsch, an keiner Stelle seines Aufsatzes dem Leser und damit generell niemandem von dieser Urheberschaft in Kenntnis setze. Undeutsch akzeptiert damit nicht nur Sanders geistigen Diebstahl eines 3. Typs; er macht Sander sogar eine ganze Typologie daraus. Für Sander ist Undeutschs Artikel eine Art "Waschanlage", mit der er schwarzes wissenschaftliches Gedankengut in weißes umwandelt: er nimmt Undeutschs Fälscherwerk in das von ihm mitherausgegebene "Archiv für die gesamte Psychologie" auf.

 

3. Undeutschs Fälschung im Falle Krueger

1942(c) rezensiert Undeutsch das Buch "Gestaltung und Charakter" von E. Wartegg (1939). Diese Rezension enthält zwei Fälschungen. Einmal setzt Undeutsch hier sein Fälscherwerk bezüglich der seinem Chef Sander angedichteten Typologie fort. Hatte er zwei Jahre zuvor den Typologie-Erfinder Ipsen aus dem Felde geschlagen, um Sander zum Erfinder der Typologie zu machen, so geht es jetzt darum, Sanders Lehrer Felix Krueger als Kandidaten für eine gemeinsame Erfinderschaft mit Sander fortzuschnipsen; das macht er auf folgende Weise: Wartegg bringt u.a. einen "Entwurf einer charakterologischen Typologie" und vergleicht seine Typen mit denen der Typologien von Pfahler, von C.G.Jung und von "KRUEGER-SANDER". Die letztgenannten Autoren führt Wartegg stets in dieser Schreibweise an, und zwar 22 mal allein im Kapitel "Die Strukturkreise". Niemals dagegen hat Wartegg selbst Sander allein als Autor dieser Typologie genannt, stets beide zusammen, und zwar stets Krueger an 1.Stelle.

Ein Rezensent hat zunächst einmal den Inhalt des Buches zu referieren, danach kann er seine Meinung zu ihm äußern, Korrekturen anbringen, Proportionen zurechtrücken. Wenn Undeutsch der Meinung war, die Typologie stamme ausschließlich von Sander, so hätte er referieren müssen, Wartegg habe stets Krueger als Autor mitgenannt, er, der Rezensent, sei aber der Meinung, Sander allein sei der geistige Urheber. Das aber tut Undeutsch nicht; er unterschlägt einfach den vom Autor stets mitgenannten Krueger und nennt nur Sander; er spricht vom "SANDERsche(n) Einteilungsprinzip" und von den "von SANDER herausgestellten Typen des Gestalterlebens" usw.

Darüberhinaus suggeriert Undeutsch dem Leser fälschlich, es sei wesentliches Ergebnis von Warteggs Untersuchung, daß Sanders Typologie bestätigt worden sei. So heißt es etwa: "In allen diesen Phasen haben sich die drei von SANDER herausgestellten Typen des Gestalterlebens... bestätigt." Er verschweigt dabei ebenfalls, daß Wartegg seine eigenen Typen nicht nur mit denen der "KRUEGER-SANDER"schen, sondern auch mit denen der Pfahlerschen und denen der Jungschen Typologie vergleicht, und zwar laufend und systematisch.

Es würde sich lohnen, die gezinkte Rezension noch ausführlicher zu analysieren, doch will ich mich hier auf das Wichtigste beschränken. Wer Warteggs Buch liest und anschließend Undeutschs Rezension, der erkennt sofort, daß es Undeutsch nicht wirklich auf eine Rezension ankommt, denn vom Inhalt des Buches erfährt man nur wenig. Die Rezension ist ihm vor allem Vorwand, um - wieder einmal - Sander die Typologie anzudichten, die nicht von Sander stammt, zu deren näherer Ausführung Sander aber zusammen mit Krueger in gemeinsam abgehaltenen Kolloquien und aufgrund des Ipsen-Fundes Ideen beigetragen haben mag.

Erst 21 Jahre nach dem Tode Sanders läßt Undeutsch (1992,S.405) Krueger wieder Miturheber des 3. Typs sein, ja, nennt ihn ebenfalls vor Sander, was offenbar der allgemein anerkannten Priorität Kruegers entspricht:

"....legten Krueger und Sander Wert darauf, daß die beiden polaren Grundhaltungen auch in einer Art 'schöpferischer Synthese'....in der gleichen Person 'auf höherer Ebene' vereint sein könnten. Solche Menschen bildeten den 'gestaltungskräftigen Typus', der sich in Vielseitigkeit und schöpferischer Kraft manifestiert."

 

4. Undeutschs Fälschung im Falle Wartegg

Eine zweite Hauptaufgabe, die sich Undeutsch mit seiner Rezension des Wartegg-Buches stellt, besteht darin, Sander nun auch noch als den eigentlichen geistigen Eigentümer des im rezensierten Buch dargestellten und vom Autor selbst so bezeichneten "Zeichentest" hinzustellen. Wartegg (1939) leugnet nicht, daß Sander (1928) ihm in seinem Sammelreferat über Gestaltpsychologie Anregung gegeben habe, aus Zeichnungen u.a. die schöpferische Phantasie des Zeichners zu erkennen. Doch solche Anregungen waren nach Wartegg "in der charakterologischen Praxis wenig fruchtbar" (S.2). So entwickelte Wartegg einen "Zeichentest", den er im rezensierten Buch auf 261 Seiten und mit 150 Abbildungen vorstellte. Sander dagegen kann selbst 1967 (S.17) nur auf seine Bemerkungen von 1928 (S.63) hinweisen; mehr hat er wohl nicht zustandegebracht von dem, das er als "Phantasie-Test" bezeichnet. Dieser Phantasie-Test hat keinerlei Bedeutung in der Psychologie erlangt im Gegensatz zu dem sehr bekannt gewordenen "Wartegg-Zeichentest". Wellek (1954) widmet dementsprechend in seinem Rückblick und Ausblick auf die Genetische Ganzheitspsychologie Sanders Phantasietest einige Zeilen (S.44) und Warteggs Zeichentest zwei Seiten (S.39-41). Vielleicht ist jene Anregung, die Sander 1928 gab, wirklich einer eigenen Idee entsprungen - andere von Sander vorgetragene Ideen, Gedanken, Erkenntnisse jedenfalls konnte ich nicht finden ohne Nachweis oder begründeten Verdacht, daß sie von anderen stammten. Jedenfalls hat es Sander zeit seines Lebens gewurmt, daß ein anderer Psychologe etwas aus einer Idee gemacht hat, die möglicherweise von ihm mitentwickelt wurde, wenn auch mit anderer Zielsetzung und ohne den praktischen Nutzen, den Wartegg ihr gab.

Undeutsch (1942c) versteht es, Sanders Problem mit Wartegg zu lösen; er behauptet, Wartegg habe seine Untersuchungen "mit dem von FR. SANDER entwickelten Phantasie- (Zeichen-)Test" (S.219) durchgeführt. So einfach ist das also: er führt den Ausdruck "Zeichentest" einfach in Klammern als Synonym für "Phantasietest" ein, und da Sander sich unbestritten als Erfinder eines Phantasi-Tests bezeichnen darf, ist er damit auch gleich der eigentliche Erfinder von Warteggs Zeichentest. Friedrich Sander ist mit diesem Verfahren seines gefügigen Schülers zufrieden und nimmt dessen Fälscherwerk als Rezension in das von ihm mitherausgegebene "Archiv" auf.

Die von Wartegg (und später sogar vom Sander-Fan Wellek) behauptete Mitautorenschaft Kruegers an der Gestalterlebenstypologie zu ignorieren, muß zum damaligen Zeitpunkt für Undeutsch bereits ungefährlich gewesen sein: denn Krueger, anfangs dem Nationalsozialismus sehr zugetan, hatte zusehends Schwierigkeiten mit dem Regime bekommen und war 1938 vorzeitig emeritiert worden. Seine Vorstandsmacht in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) hatte er abgeben müssen; seit 1940 wurden die Psychologen durch die Herren Kroh, Sander, Lersch und Wellek geführt. Gegen Kamerad Undeutsch, den gefügigen Diener der Oberen, konnte damals niemand aufmucken: mit dem Stellvertretenden Schriftführer der DGPs, Kamerad Albert Wellek, war er enger verbunden (Undeutsch, 1992, S. 407; Wellek, 1972a, S.367); mit dem kriminellen Stellvertretenden Vorsitzenden der DGPs, Kamerad Friedrich Sander, der vom Vorsitzenden, Kamerad Oswald Kroh, hierzu ernannt worden war, verband ihn enge Komplizenschaft; auch mit dem offiziellen Schriftführer der DGPs, Kamerad Philipp Lersch, stand er sich gut: der gab ihm den Auftrag zu einer ausführlichen Inhaltsangabe eines Buches (s.unten). So war es Krueger nicht möglich - wenn er es überhaupt hätte tun wollen - sich gegen Sanders und Undeutschs Übergriff auf seine Mitautorenschaft an einer ihm wichtig erscheinenden Typologie zu wehren. Auch Wartegg wäre es nicht möglich gewesen, gegen die Nazi-Clique aufzumucken; auch er hatte Schwierigkeiten mit den Nazis bekommen und 1938 seine Assistentenstelle verloren.

Undeutschs Bemühungen, das Rad der psychologischen Weltgeschichte zugunsten Sanders zu drehen, hat in diesem Falle seinem Lehrer nichts genutzt: Warteggs Zeichentest ist als "Wartegg-Zeichentest" bekanntgeworden. Noch 24 Jahre später klagt Friedrich Sander, inzwischen 78-jährig:

"Ich bin oft gefragt worden, warum das fruchtbare, zuerst von mir angegebene Prinzip nicht meinen Namen trage, worauf ich doch eindeutig Prioritätsansprüche hätte. Ich konnte nur sagen, daß das auch bei viel bedeutenderen Namensgebungen vorgekommen sei, so werde doch auch Amerika nicht nach Columbus genannt! Der sehr ehrenwerte Amerigo VESPUCCI ist an der Namensgebung Amerikas ebenso unschuldig wie der von mir sehr geschätzte Kollege WARTEGG am Namen WARTEGG-Test." (Sander 1967, S.93).

Aus: Lothar Kleine-Horst (1998): "60 Jahre deutsche Psychologenmafia (1938-1998)". Köln: Enane-Verlag
(Teil 2, Kap. I, evt. mit Ergänzungen in eckigen Klammern aus 2006)

Zu Kap. II:

"Sa" marschiert

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