II. "Sa." marschiert

1. Sander im Psychologenvorstand -
wg. strammer Haltung

Am 30.1.1933 übernahm Hitler in Deutschland die Macht. Sander mußte sich überlegen, wie er auf die neue politische Situation reagieren sollte. Es sind mir aus der Zeit bis Januar 1933 keine Äußerungen Sanders bekannt, die ihn als Nationalsozialisten oder auch nur als deren Sympathisanten auswiesen, weder schriftliche noch mündliche Äußerungen.

"Sa.", das war E.Wohlfahrts (1925/1932) hellsichtiges Kürzel für Sander, wenn er in seiner Dissertation aus dessen gefälschtem und ihm untergeschobenen Versuchsprotokoll zitieren mußte (siehe Kleine-Horst 1984a). Nein, "Sa." war kein Erz-Nationalsozialist, d.h. er war kein Gesinnungs-Nationalsozialist - er war ein Erz-Opportunitäts-Nazi, der sich den neuen Machthabern durch Imitation ihrer Rituale und volksverhetzenden Propagandaphrasen anbiederte. Nicht Glaube an nationalsozialistische Ideen machte den Professor zum Hackenschläger und Schreibtischtäter: es war seine berechtigte Angst vor der Aufdeckung seiner Fälschungen, zu denen sich jetzt noch eine Urkundenfälschung hinzugesellen wird.

Bedenkt man Sanders Situation, in die er sich bis Anfang 1933 hineinmanövriert hatte, dann ist sein weiteres Verhalten als Ergebnis kühlen Kalküls zu verstehen: soeben erst, 1932, hatte er Wohlfahrts Dissertation aus 1925 veröffentlicht, sieben Jahre lang hatte er diesen Druck verzögert und die Verzögerung mit Datenfälschungen kaschiert; und diese sieben Jahre genutzt, um in eigenen Aufsätzen den Ruhm der aufregend neuen Befunde auf sich selbst zu ziehen. Und dennoch durfte niemand Einzelheiten erfahren, denn die empirischen Befunde seiner Schüler über Gegenstand und Methode der "Aktualgenese" visueller Perzepte widersprachen seinem Theoriechen, das flugs er ausgedacht. Jetzt erst mit Wohlfahrts Bericht wurden Details bekannt: wie würden die Psychologen reagieren? Würden sie seine Druckverzögerungstaktik bemerken, würden sie ihn verreißen, weil er selbst dummes Zeug über die Aktualgenese redete, während sein Schüler Wohlfahrt eine ganz vernünftige Interpretation anbot?

Des weiteren: gerade erst war jene gezinkte Übersetzung seines USA-Artikels (Sander 1930) erschienen, die er als dessen "Abdruck" (Sander 1932) deklariert hatte. Würden seine Kollegen nun über ihn herfallen, weil er ihnen eine Fälschung vorgesetzt hatte? Vor allem: würden sie bemerken, daß er - ausweislich des "Abdrucks" - den deutschen Lesern seine wahre Meinung über die tatsächlich vorgefundene "logische Ordnung" im Ablauf aktualgenetischer Gestalten verheimlichte und mit "Gestalt"-Geschwätz vernebelte? Würden sie bemerken, daß er im USA-Artikel Wohlfahrt als Autor der "Aktualgenese" verschwiegen hatte, den er den Deutschen nun nicht länger mehr verschweigen konnte?

Außer diesen beiden Gefahren, als Dummkopf und Fälscher entlarvt zu werden, lauerte schon eine dritte Gefahr: sein Schüler Gottfried Hausmann hatte soeben, 1933, das Manuskript seiner Dissertation über ein aktualgenetisches Thema abgeliefert; das Rigorosum war auf den 23. Febr. 1933 angesetzt. In dieser Arbeit hatte Hausmann seine empirischen Ergebnisse theoretisch zu einem ganzen "System von Formen und Formwirkungen" verarbeitet: dieses theoretische Konzept entlarvte gerade seiner Differenziertheit wegen den theoretischen Nonsense Sanders als Nonsense. Sander muße also mit dieser Dissertation ein Ding drehen, damit sie ihm nicht schaden könne. Aber einen weiteren kriminellen Akt kann er erst riskieren, wenn er sicher sein kann, daß die Psychologen seine ersten Angriffe auf die Wissenschaft glatt schluckten. Zwei Jahre muß man da schon warten, ehe sich eine Publikation in anderen Publikationen niederschlägt.

Was am Ende passieren wird, kann Sander nicht genau vorhersehen, aber eines ist gewiß: wenn er sich sofort auf die Seite der neuen Machthaber schlägt und sich in aller Öffentlichkeit und auch in der Wissenschaft als eifriger Verfechter ihrer Ideen ausgibt, dann wird er "gute Freunde" haben, falls er seiner diversen Fälschungen wegen in Ungelegenheiten kommen sollte, besonders dann, wenn es ihm auch noch gelingt, in die Führungsriege der Psychologen zu kommen.

Die Geschichte hat Sander recht gegeben; Wissenschaftskriminalität lohnt sich; die rasche Unterwerfung unter die neuen Machthaber wurde schon am 1.10.1933 belohnt: An diesem Tag hatten die Nazis den ihnen unliebsamen Juden Prof. Peters aus seinem Amt gejagt und den ihnen liebsamen Nazi Prof. Sander an seine Stelle gesetzt: als Ordinarius und Direktor der Psychologischen Anstalt der Universität Jena. Sander wird sogar - ein ganz ungewöhnlicher Vorgang bei einem Neuankömmling - auch gleich Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät.

Am 1.12.33 erscheint eine neue Zeitschrift: "Der Thüringer Erzieher", eine pädagogische Halbmonatsschrift des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, Gau Thüringen. Schon im 1.Heft setzt Sander, der an der Universität Jena nicht nur die Psychologie, sondern auch die Erziehungswissenschaft zu vertreten hat, seine Duftmarke. Er beginnt seinen Beitrag "Die Idee der Ganzheit in der deutschen Psychologie" mit den dynamischen Worten:

"Mit der Losung ihrer Führer 'Hin zum Ganzen!' hat die deutsche Lehrerschaft in hinreißendem Schwung sich einem neuen Ziele der Erziehung zugewandt." (Sander 1933, S.10)

und er erhebt die Frage,

"wieweit die Wissenschaft von der Seele fähig und gerüstet ist, den neuen Erziehungsaufgaben zu dienen." (S.10)

Die Wissenschaft von der Seele ist fähig und gerüstet, denn

"Der ganzheitstheoretische Satz: 'Das Ganze ist vor den Teilen' und die nationalsozialistische Maxime: 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz' sind Ausdruck der gleichen geistigen Haltung." (S,11)

So ergibt sich als Fazit:

"Was wir hier bei der Erforschung seelischer Wirklichkeit im kleinen gefunden haben, das erleben wir jetzt in dem überwältigen Aufschwung der Bewegung unseres Führers im großen." (S.12)

1933 wird Sander Mitherausgeber der "Vierteljahresschrift für Jugendkunde", neben Tumlirz, der sie zwei Jahre lang allein herausgegeben hatte. 1934 zeigt Sander, wo es mit der Jugendkunde in der neuen Zeit langzugehen hat. Er, der hinzugekommene neue Herausgeber, schreibt ein Geleitwort "Zum neuen Jahrgang" der mit neuem Titel erscheinenden "Zeitschrift für Jugendkunde"; es heißt in ihm:

"Das Erlebnis der Volksgliedschaft, in den besonderen Erlebnisformen der Hitlerjugend, der SA, des Arbeitsdienstes, richtet aus auf das den Einzelnen tragende Ganze.... In Unterordnung, Gehorsam, Disziplin bewährt sich immer aufs neue die unserm Wesen eingeborene Gefolgschaftstreue zum erwählten Führer." (Sander 1934, S.3)

1934 gibt Sander im Rahmen von "Fr.Manns Pädagog.Magazin" die Serie "Sprachpsychologische Untersuchungen" heraus, 1935 wird er zusammen mit Simoneit, dem wissenschaftlichen Leiter der Wehrmachtspsychologie, zusätzlich in den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie berufen. Seine Karriere scheint unaufhaltsam.

Und dann wird sie plötzlich doch noch aufgehalten:

 

2. Sander fliegt wieder raus -
wg. Urkundenfälschung?

1936 fliegt Sander aus dem Vorstand wieder hinaus; Simoneit bleibt drin. 1936 wird Sanders Serie der "Sprachpsychologischen Untersuchungen" eingestellt, nachdem gerade zwei Hefte erschienen sind. 1936 wird auch die "Zeitschrift für Jugendkunde" eingestellt, nach erst fünf Jahrgängen und nach diesem so schönen Sanderwort im 4.Jahrgang. Was ist geschehen?

Nein, nicht die "Abdruck"-Fälschung hat Sanders Karriere-Knick hervorgerufen; nur wenige Psychologen bemerkten sie, und die sie bemerkten, die Undeutschs, Welleks, Graumanns, sie schwiegen. Auch die anderen Fälschungen und Manipulationen im Zusammenhang mit Wohlfahrts Dissertation hätten nicht einen solchen Karriereknick verursachen können, hätten Wissenschaftler geredet. Es handelt sich vielmehr um eine weitere Fälschung, die eindeutig auf Sanders Schiene der Vernichtung theoretischer Konzepte seiner Aktualgenese-Schüler lag mit dem Ziel, seinen eigenen theoretischen Unsinn nicht offenbar werden zu lassen. Diese neue Fälschung war allerdings von anderer Qualität als die bisherigen: Sie zeichnete sich durch ihre strafrechtliche Relevanz aus - übliche Wissenschaftskriminalität von der bisher von mir aufgewiesen Art ist offensichtlich jedermann gestattet - niemand schert sich darum.

Auf diesen kriminellen Akt Sanders bin ich auf Umwegen gestoßen: der nächste Schüler nach Wohlfahrt, den Sander eine Arbeit über Aktualgenese schreiben ließ, war Gottfried Hausmann (später Professor für Erziehungswissenschaft in Hamburg): Bei der Bearbeitung seines wissenschaftlichen Berichts "Zur Aktualgenese räumlicher Gestalten" fielen mir einige Dinge auf, die mich stutzig machten, und es entstand in mir ein Verdacht, um dessen Klärung ich Prof. Hausmann mit Brief v.9.7.84 bat, und ich schickte ihm zu seiner Information den 1., ausschließlich Sander betreffenden, Teil meines Buches "Die verhinderte Wissenschaft" (1984a) zu, der soeben erschienen war:

"...So fiel mir auf, daß Ihre Dissertation aus dem Jahre 1933 stammt, sie aber erst 1935 veröffentlicht wurde. Gab es da vielleicht - wie bei Wohlfahrt - eine durch Prof.Sander verursachte Druckverzögerung? Ich könnte es mir gut vorstellen, denn 1 Jahr nach dem Erscheinen von Wohlfahrts Arbeit - deren Wirkung Prof.Sander erst abwarten mußte - Ihre Arbeit erscheinen zu lassen, konnte gefährlich für ihn sein; denn Sie hatten als Hauptergebnis von Wohlfahrts Versuchen angegeben, 'daß das Auftreten neuer Gestaltmerkmale wesentlich von endogenen Faktoren abhängt und durch Gestalttendenzen mitbedingt ist.' (S.290f), eine Aussage, die Sander selbst stets vermieden hatte, wie ich in meinem Buch nachgewiesen habe.

Als zweites fiel mir die Art der Auswertung Ihrer eigenen Versuchsergebnisse auf: Auf S.294 f führen Sie die Auswertungsgesichtspunkte auf, an 1.Stelle den der anordnungstypischen Besonderheiten. Ich fand es aufregend, daß die Auswertung einen 'Beitrag zu einer Systematik der Formen und Formwirkungen' geliefert haben soll und fand es überraschend, daß der Leser nichts Konkretes über diese Systematik erfährt; er bekommt nur eine zahlenmäßige, keine qualitative Auswertung. Auch die Begründung 'um Wiederholungen zu vermeiden' konnte ich nicht als berechtigt akzeptieren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß es Ihr eigener freier Willensentscheid war, nichts, aber auch gar nichts, über diese Ihre Befunde zu verraten. Es muß dagegen im eindeutigen Interesse Sanders gelegen haben, darüber nichts publik werden zu lassen.

Es wird in nächster Zeit ein 2.Teil von "Die verhinderte Wissenschaft" erscheinen. In diesem Teil hätte ich Gelegenheit, Ergänzungen, aber auch Korrekturen, des Bildes zu bringen, das ich von Prof.Sander gezeichnet habe. So würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir zu den von mir angeschnittenen Punkten einige Informationen gäben..."

Herr Prof. Hausmann bestätigte mir in einem Telefongespräch meinen Verdacht: tatsächlich habe er ein umfangreiches Manuskript als Dissertation abgeliefert, in dem sich das von mir vermißte Formensystem befunden habe. Gedruckt worden sei nur eine Kurzfassung, und er wisse nicht, wo seine Dissertation geblieben sei. Mehr teilte er mir aber nicht mit, empfahl mir dagegen, ich solle die "Hausmann-Dissertation" auf sich beruhen lassen, denn was sich abgespielt habe, sei durch mich doch nicht eruierbar und rekonstruierbar. So will ich versuchen, da wieder einmal ein Psychologe Wissenschaftskriminalität vertuscht und dem Fälscher Sander und seinen Komplizen Schützenhilfe zukommen läßt, das Geschehen in einer story aus Dichtung und Wahrheit zu rekonstruieren, seriöser ausgedrückt, für den Ablauf der Ereignisse folgende psychologiehistorische Theorie aufzustellen:

Sander bot Hausmann an, diese wirklich "sehr gute" Arbeit zu veröffentlichen, allerdings ginge das nicht in dem gesamten Umfange, und er empfehle, für den Abdruck dies fortzulassen, von jenem nur Quantitatives zu bringen, dann bliebe gerade so viel übrig, daß er es in seinem "Archiv für die gesamte Psychologie" unterbringen könne. Zwar war nicht Sander selbst Herausgeber des "Archiv", doch an den wirklichen Herausgeber, Wirth, brauchte Hausmann gar nicht erst heranzutreten, um seine Dissertation doch noch in vollem Umfang abgedruckt zu bekommen, denn Sander hatte es sehr geschickt so eingefädelt, daß er selber bestimmen konnte, was von seinen Schüler-Untersuchungen gedruckt wurde und was nicht. Er gab im Rahmen des "Archiv" eine Serie mit dem Titel "Ganzheit und Gestalt" heraus, und im Rahmen dieser Serie (und einer anderen) veröffentlichte er die Arbeiten, meist oder ausschließlich Dissertationen seiner Schüler. So hatte er sich zum Unterherausgeber gemacht, der darüber wachen konnte, daß nichts veröffentlicht wurde, was seiner eigenen Theorie widersprach.

Sander, der schon im Falle Wohlfahrt skrupellos seine Amtsmacht für seine persönliche Karriere mißbraucht hatte, tat dies auch hier: er ließ sich von Hausmann - so lautet meine Annahme - vor dem Rigorosum beide Fassungen geben: die eigentliche umfängliche und theoriebeladene Dissertation und die für den Abdruck bestimmte theorieentladene Kurzfassung. Sander reichte nun nicht das Original-Manuskript der Fakultät ein, sondern die Kurzfassung mit gleichem Titel. Doch tat er dies nicht sogleich, sondern ließ sie von der Fakultät als Dissertation nur "genehmigen". Damit war die Urkundenfälschung im Amt perfekt, aber niemand außer Sander wußte von ihr, auch Hausmann hatte keinen Grund zum Argwohn. Vielleicht wird es ihn gewundert haben, daß die Kurzfassung im "Archiv" so lange auf sich warten ließ - erst im Juli 1935 wurde sie veröffentlicht, zweieinhalb Jahre nach dem Rigorosum, zu dem er sie Sander vorgelegt hatte.

Nun erst, nach der Veröffentlichung der Kurzfassung, reichte Sander Sonderdrucke dieses Archiv-Beitrages der Fakultät als gedruckte Pflichtexemplare der schon am 23.2.33 genehmigten Dissertation ein. Wer heute Hausmanns (1935) Dissertation aus Gießen bestellt, bekommt diesen Sonderdruck, auf dessen Titelseite steht: "Dissertation ....eingereicht von Gottfried Hausmann ....Gießen 1935". Und auf der Rückseite steht: "Genehmigt durch die Philosophische Fakultät, I. Abteilung, am 23. Februar 1933."

 

3. Sander ist wieder drin - wg. Volksverhetzung

Spätestens 1935, nach dem Druck der Kurzfassung seiner Dissertation und dem Einreichen der Pflichtexemplare bei der Fakultät mußte Autor Hausmann merken, daß Sander ihn gelinkt hatte. Es ist anzunehmen, daß er den Dienstvorgesetzen Sanders von dieser Urkundenfälschung zu seinem Schaden in Kenntnis gesetzt hat. Das mußte Sanders Karriere abträglich gewesen sein, und für einen solchen Karriereknick im Jahre 1936 habe ich bereits Hinweise gegeben: Hinauswurf aus dem DGPs-Vorstand, Einstellung der von ihm mitherausgegebenen Zeitschriften.

Wollte Sander nach seiner Urkundenfälschung wieder "nach oben" kommen, mußte er sich schon eine besondere Infamie einfallen lassen; sie fiel ihm 1937 ein, und wir haben nun ein Elaborat, das zu den peinlichsten Dokumenten opportunistischen Sich-Gleichschaltens deutscher Wissenschaftler mit dem NS-Regime gehört. Es übertrifft bei weitem sein 1934er Geleitwort, mit dem er der "Zeitschrift für Jugendkunde" die NS-Marschrichtung blies. Es lohnt, sich dieses NS-Dokument des langjährigen Kriegs-Vizepräsidenten und langjährigen Nachkriegs-Präsidenten der bundesdeutschen Psychologen genauer anzusehen.

Unter dem Titel "Deutsche Psychologie und Nationalsozialismus" stellt Sander (1937) sich als glühender Verehrer des "hellsichtigen, kühnen und gemütstiefen Führes" Adolf Hitler sowie als eifrigen Befürworter des NS-Menschenausschaltungs-Ethos dar. Des Psychologen Ziel in seinem Aufsatz war, Gemeinsamkeiten der von ihm vertretenen Weltanschauungen aufzuweisen: des Nationalsozialismus zum einen, der Genetischen Ganzheitspsychologie zum anderen, nämlich die "Verwandtschaft der Grundanschauungen seelenkundlichen Forschens hier, der Leitideen politischen Tuns dort", denn "deutsche Psychologie der Gegenwart und nationalsozialistische Weltanschauung, beide sind ausgerichtet auf das gleiche Ziel...". Er will auch zeigen, daß sich die "große weltanschauliche Auseinandersetzung "im Bereich wissenschaftlicher Seelenkunde bereits im Sinne der organischen Auffassung des Nationalsozialismus vollzogen hat." (S. 649).

Diese Vollzugsmeldung erstattet der geniale Psychologe Friedrich Sander seinem Kollegen "Adolf Hitler, selbst ein genialer Psychologe von Gottes Gnaden": die deutsche Psychologie sei fähig, "die Forderungen zu erfüllen, die die deutsche Bewegung an sie zu stellen berechtigt ist". (S.641)

Zentrale Worthülsen von Sanders Elaborat sind "Ganzheit" und "Gestalt", "Begriffe von ehrwürdiger Vergangenheit in der Geistesgeschichte, eigenwüchsig deutsch", "Kernbegriffe der deutschen Seelenkunde", insgesamt 121 mal in verschiedenen grammatikalischen Formen auf 9 Seiten vorkommend, plus 66 mal "Seele".

"Ganzheit, ein deutsches Wort edelster Prägung...hat seine Wurzeln in der Geistesgeschichte der deutschen M y s t i k , jener männlich-herben Glaubensbewegung, die, deutsch denkend und schreibend,.... seine unzerstörbare Ganzheit findet."

"G a n z h e i t u n d G e s t a l t" sind zugleich "L e i t i d e e n  d e r  d e u t sc h e n B e w e g u n g", denn "d i e S e h ns u c h t  n a c h G a n z h e i t  u n d  d e r W i l l e   z u r  G e s t a l t" sind die "zwei Motive.., die hinter dem gewaltigen Ringen der deutschen Bewegung stehen" und die allenthalben findet, "wer mit gläubigem Herzen und nachdenklichen Sinnes den treibenden Ideenkräften des Nationalsozialismus nachspürt."

Wo haben wir denn gestanden?

"Versetzen wir uns in die Lage des deutschen Volkes nach Kriegsende: ein starkes und heldenmütiges Volk gedemütigt, entehrt, aus tausend Wunden blutend, im Innern zerrissen in hadernde Parteien, zerspalten in Klassen, brutaler Eigennutz geil aufschießend, zersetzt durch fremdes Wesen - dieses deutsche Volk war von organischer Ganzheit weit entfernt. Und es war damit zugleich in Gefahr, seine ihm eingeborene Gestalt zu verlieren, seinem Wesensgesetz untreu zu werden."

Was konnte, ja, was mußte geschehen?

"Gegen diese drohende Auflösung in das Chaos stand der nationalsozialistische Wille zur Volksgemeinschaft auf", "Die nationalsozialistische Bewegung Adolf Hitlers ist Weckruf und Führung der aus der Tiefe gequälter Volksseele hervorquellenden Kräfte, die auf Erhaltung und schöpferische Neuordnung völkischen Lebens zielen. Gleich der nationalsozialistische Leitsatz, daß " G e m e i n n u t z  v o r  E i g e n n u t z gehe, stellt mit monumentaler Wucht den Vorrang d e s G a n z e n v o r d e n G l i e d e r n auf."

Und das heißt: "Das Ganze, das Volk in seinem Lebensraum, soll leben, wenn auch der einzelne untergehe." Und Friedrich Sander sagt auch gleich, wer es ist, der da unterzugehen hat:

Den Rest erledigt die Deutsche Wehrmacht, denn "damit das Volk...zu seiner eigenen gottgewollten Gestalt kommen" kann, dazu ist "seine Wehrhaftigkeit ... eine notwendige Voraussetzung". Und zum Kriegführen braucht man Psychologen; Sander bietet dem genialen Psychologen von Gottes Gnaden "die wissenschaftliche Psychologie...(als) eine brauchbares Werkzeug nationalsozialistischer Zielsetzung" an und er lobt den späteren obersten Kriegsherrn:

"Wenn heute dem Offizier neben den alten Kernfächern militärischer Ausbildung, der Strategie und Taktik, die Psychologie nahegelegt wird, so zeugt das von hohem Verantwortungsgefühl und Wissen um ihre Bedeutung für militärische Menschenführung. Der feste organisatorische Einbau der Psychologie in die Wehrmacht ist ein Befähigungsnachweis der jungen deutschen Psychologie und wird seine Früchte tragen."

Da ist nur noch eine Kleinigkeit: die "Deutsche Psychologie der Gegenwart" erschöpfte sich nicht in der Genetischen Ganzheitspsychologie Sanders, es gab vor allem eine zweite große ganzheitspsychologische Richtung. In ihr hatte das Wort edelster Prägung eine etwas andere Bedeutung. Sander warnte, der Begriff "Ganzheit" drohe "zu einem Schlagwort zu entarten", "mißbraucht" zu werden und er werde "unter der Hand mit einem Gehalt erfüllt, der nationalsozialistischer Weltanschauung zuwiderläuft". Namen nennt Sander nicht, aber jeder weiß, wer gemeint ist: die Psychologen der "Berliner" Richtung der Ganzheitspsychologie, unter denen sich etliche Juden befanden wie Max Wertheimer und Kurt Lewin. Sander rät nicht etwa, auf den eigenwüchsig deutschen Begriff zu verzichten, im Gegenteil: sein Mißbrauch "legt uns die heilige Verpflichtung auf, über seiner Reinhaltung zu wachen."

Vor soviel Ergebenheit und propagandistischer Unterstützung des NS-Regimes muß eine schlichte Urkundenfälschung im Amt als läppisch verblassen: der Fälscher Sander wird bei nächster Gelegenheit - das ist 1 Jahr danach, 1938 - wieder in den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie aufgenommen. In diesem Jahr auch mag den deutschen Lesern der Lehrerzeitschrift die Erinnerung an die "tiefe ethische Berechtigung" kommen, als die Fensterscheiben der parasitisch wuchernden Juden zerbersten und ihre Synagogen brennen. 1938 auch wird Sander Mitherausgeber jenes "Archiv für die gesamte Psychologie", das er für seine Urkundenfälschung mißbraucht hatte. So zahlt sich die Vergasung von ein paar Millionen Juden schon Jahre zuvor als der Karriere eines deutschen Psychologen dienlich aus. 1939 steigt Sander zum 2. Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Psychologie auf, und 1940 darf der forsche Fälscher sein Anerbieten verwirklichen, "die wissenschaftliche Psychologie....ein brauchbares Werkzeug nationalsozialistischer Zielsetzung" werden zu lassen: er wird in den Prüfungsausschuß für Wehrmachtspsychologen berufen, ein Jahr nach dem Überfall auf Polen.

Aus: Lothar Kleine-Horst (1998): "60 Jahre deutsche Psychologenmafia (1938-1998)". Köln: Enane-Verlag
(Teil 2, Kap. II, evt. mit Ergänzungen in eckigen Klammern aus 2006)

Zu Teil III:

"Die wundersamen Titel des Herrn Undeutsch"

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