Die wundersamen Titel des Herrn Undeutsch

1. Die Undeutsch-Legende

Erst seit sechs Jahren haben wir von Undeutsch (1992) selbst Angaben über seinen Werdegang, sein Denken, seine Arbeit: was uns hier vor allem interessiert, sind seine Erinnerungen an die Zeit bis 1945, das ist seine Zeit im Sanderinstitut, das ist die Kriegs-, das ist die Nazizeit. Nicht viel über diese Zeit erfahren wir von ihm, um so mehr wird das, was er uns wissen läßt, besonders sorgfältig zu analysieren und zu bewerten sein. Unter dieser Zielsetzung zunächst ein kurzer Abriß seines Werdegangs nach seinen eigenen Angaben in der o.a. Publikation mit kleinen ergänzenden Vermerken von mir in eckiger Klammer:

1917 als Einzelkind in Weimar geboren. Lebt bis zum Kriegsende 1945 bei seinen Eltern in Weimar in dem von seinem Vater erbauten Haus. Vater ist "Chefarchitekt in Weimar" des führenden Kopfes des "Jugendstils", van de Velde. Während der Pubeszenz erwacht in ihm ein starkes Engagement für die katholische Kirche (Mutter ist katholisch). Er erkennt "die Hohlheit der nationalsozialistischen Weltanschauung und ihre Unvereinbarkeit mit der christlich-katholischen Wertewelt von Anfang an und dann zunehmend klarer und letztlich unbeirrbar" (S.403).

Als Schüler erhält er den Scheffel-Preis für besonders gute Leistungen in der deutschen Sprache und Literatur.

1936 (nach Überspringen einer Klasse) Abitur. Zur Anmeldung muß er Ahnentafel mitbringen. Familie ist sehr ortsansässig, der "merkwürdige Familienname" ist bis zum Dreißigjährigen Krieg nachzuweisen.

1936 Beginn des Studiums an Universität Jena zunächst mit Schwergewicht auf Philosophie, danach Übergang auf Psychologie bei Fr.Sander.  

1940 Erste Veröffentlichung [Typologie-Artikel] - als einziger Kritiker an einer rassistischen Schrift v.E.R.Jaensch

1940 Promotion. Seine Dissertation kann "wegen der Kriegsverhältnisse" nicht veröffentlicht werden.

Bald nach Promotion Anstellung als Assistent im Psychologischen Institut der Universität Jena bei Sander.

1941-45 Kriegsdienst: 1 Jahr lang als Heerespsychologe

1942 Zweite Veröffentlichung [Scientia-Aufsatz; = letzter Aufsatz bis incl.1949]

Auflösung der Heerespsychologie, weil nur 10 % der Beamten Mitglieder der NSDAP sind.

2 Jahre Untersuchung von Gehirnverletzen in Lazarett bei Jena. Alle Untersuchungen kann er an der Universität Jena durchführen, wo er weiter Assistent ist.

1945 Nach Kriegsende Anstellung an Universität Münster bei Prof.W.Metzger; Mithilfe beim Wiederaufbau des Psychologischen Instituts.

1946 als beamteter Hochschullehrer [Dozent] an neu gegründeter Universität Mainz als alleiniger Vertreter des Fachs Psychologie. Er holt dann den ihn um Hilfe bittenden Prof. Albert Wellek nach Mainz.

1951 Berufung auf neu errichteten Lehrstuhl für Psychologie an der Universität Köln. Erhält sofort viele Gerichtsgutachten-Aufträge von Staatsanwaltschaften des Rheinlands

1963 Ernennung zum Obergutachter NRW zur Beurteilung der Kraftfahreignung

Ernennung zum Offizier des Ordens Leopold II durch den belgischen König, weil sich infolge seiner Personalauslese unter 2000 Ingenieuren die belgische Außenhandelsbilanz verbessert hatte.

Verleihung des Goldenen Diesel-Rings für besondere Verdienste um die Verkehrssicherheit.

1981 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse für seinen "Einsatz für die Verbesserung der Sicherheit des Kindes in unserem Lande".

Bei Lektüre seiner Selbstdarstellung fand ich gut, daß der junge Undeutsch so rasch die Hohlheit der nationalsozialistischen Ideologie und ihre Unvereinbarkeit mit der christlich- katholischen Wertewelt erkannte. Er muß dann später bei Aufnahme seines Studiums erkannt haben, daß geistiger Diebstahl und Fälschungen zum Nutzen seiner selbst und zum Frommen seines Herrn, der jener hohlen Nazi-Ideologie anhing, mit der christlich-katholischen Wertewelt sehr wohl vereinbar sind. Er muß dies wohl von Anfang seines Studiums an und dann zunehmend klarer und letztlich unbeirrbar erkannt haben, denn so klar und unbeirrbar fälschte er auch.

So lassen Sie uns untersuchen, ob da nicht die christlich-katholische Wertewelt des Herrn Undeutsch auch ein klein wenig hohl ist, ob dieser notorische Fälscher uns nicht vielleicht auch Märchen über sich selbst auftischt. Schauen wir uns doch seine damaligen Veröffentlichungen noch einmal an, jetzt mit wachem Auge für seine Einstellung gegenüber der Nazi-Ideologie.

 

2. Der dezente Rassist

Undeutsch selbst sieht sich als eines jener hehren Vorbilder, die immer schon dagegen waren und teils clever, teils mutig und im übrigen trauernd jene Zeit überstanden. Ist es nicht clever, den Kriegsdienst, wenn er sich ihm schon nicht entziehen konnte, wenigstens in der Etappe zu absolvieren - dazu auch nicht als Soldat, sondern als Beamter, nämlich als Wehrmachts- psychologe, und auch hier wieder mit vorzüglicher Auswahl: als Heerespsychologe? Denn "in der Heerespsychologie hatten viele Psychologen und Philosophen Unterschlupf finden können, die in Opposition zum Nationalsozialismus standen", so teilt Undeutsch mit (1992, S.406f). Es bedarf keiner weiteren Worte, der feinfühlige Leser weiß sofort: auch unser Freund Undeutsch stand in Opposition zum Nationalsozialismus und hatte dort Unterschlupf gefunden. Leider währte der Unterschlupf nicht lange, denn "1942 wurde die Heerespsychologie aufgelöst, weil ihre Auswahlpraxis nicht an dem Menschenbild des Nationalsozialismus ausgerichtet war und sie das einzige Beamtencorps war, in dem nur 10% Mitglieder der NSDAP waren" (S.407). Und wieder dürfen wir sicher sein: unser Freund gehörte den restlichen 90% an.

Und spürt man nicht seinen Gram über sein Land Thüringen, das "den traurigen Ruhm beanspruchen kann, als erstes der deutschen Länder sich eine nationalsozialistische Regierung gewählt zu haben (1932)" (S.403)? Und war es nicht mutig, wie er - schon als Student und erst 21-jährig und als einziger Autor überhaupt - gegen den Rassisten E.R.Jaensch zu Felde zog?

"Gerade in den psychologischen Typenlehren hat die nationalsozialistische Ideologie besondere Blüten getrieben, vor allem in den Schriften von E.R.Jaensch. Den unüberbietbaren Höhepunkt stelle in dieser Hinsicht sein Buch 'Der Gegentypus' (1938) dar. Ich war der einzige, der sich kritisch zu Wort gemeldet hat (Undeutsch 1939). Diese Kritik mußte freilich auf das rein Fachliche beschränkt bleiben." (S.406)

Wenn es da nicht einige Äußerungen gäbe, alles sehr feine, die eigentlich nicht der Rede wert sind und die niemand, der sie heute irgendwo liest, dem Autor zur Last legen würde oder die ihn veranlassen würden, ihn als einen Nazi oder gar einen Rassisten anzusehen. Doch muß man bei einem so dezenten Fälscher wie Undeutsch dezenten Äußerungen ein genauso großes Gewicht beimessen wie den brutalen Äußerungen des Brutal-Fälschers Sander. Die Ergebenheit Undeutschs seinem Chef gegenüber spiegelt sich auch im Aspekt der Ergebenheit gegenüber der damals herrschenden Nazimacht wider. Es ist sicher gut, Jugendführern die Lektüre eines pädagogisch-psychologischen Buches zu empfehlen (Arch.ges.Ps. 108/1941, S.219f), aber es mutet einen aus der Feder eines Opponenten etwas merkwürdig an, wenn er es den Führern "unserer" Jugendorganisationen empfiehlt. Merkwürdig auch - und weiterer Klärung bedürftig - ist der Umstand, daß Undeutsch sich zwar sehr eindeutig und doch nicht so aufdringlich wie Sander als rassistischer Nazi präsentiert. In seiner Präsentation verquickt er devote Hofierung seines Herrn mit Signalen seiner Unterwerfung unter den Geist der Zeit und dessen rassistischen Zielen. So fand ich folgenden Satz am Ende von Undeutschs Typologie-Aufsatz (1940a, S.431): er spricht von einer "Theorie des Seelischen, 'das als Wirkliches und Wirkendes allem Erleben und Tun bedingungsmäßig zugrunde liegt' (F.SANDER)" (Kursiv im Original). Kein Normal-Leser kann an diesem Satz etwas Besonderes finden, auch nicht in dem Kontext, in dem er steht. Aber Sander mußte etwas Besonderes an ihm finden, so wie auch ich es tat: das in diesem Satz eingeschlossene Zitat stammt aus Sanders Progromartikel (1937). Undeutsch gibt taktvollerweise diese Quelle nicht an, sagen wir einmal: klugerweise; er will Sander ja nicht schaden, er will ihm nur signalsieren, daß er diesen Naziartikel kennt und akzeptiert. Sein Signal scheint wohl nicht die von ihm erwartete Wirkung gehabt zu haben, da wird er nächstes Mal, in seinem Aktualgenese-Aufsatz (1942a), etwas deutlicher: In seinem Nazi-Artikel bietet Sander seinem Führer Adolf Hitler die wissenschaftliche Psychologie als "ein brauchbares Werkzeug nationalsozialistischer Zielsetzung" an, eine Psychologie, von der es zwei Seiten zuvor heißt:

"Mit aller methodischen Vorsicht und wissenschaftlichen Sauberkeit nähert sich die Psychologie der deutschen Gegenwart d e m  Seelischen, das als W i r k l i c h e s   u n d  W i r k e n d e s allem Erleben und allem Tun bedingungsmäßig zugrundeliegt." (Sander 1937, S.647) (Sperrung im Original, Unterstreichungen hier und im nächsten Zitat durch Verf.)

Undeutsch (1942a) greift nun die Gesamtheit dieser Formulierung auf:

"Es ist das hervorragende Verdienst Friedrich Sanders, in zahlreichen von ihm selbst durchgeführten, von ihm geleiteten oder angeregten experimentellen Untersuchungen sowie in Abhandlungen und umfassenden Sammelreferaten mit aller methodischen Vorsicht und wissenschaftlichen Sauberkeit den Anteil und die Beschaffenheit des Seelischen, 'das als Wirkliches und Wirkendes allem Erleben und allem Tun bedingungsmäßig zugrunde liegt', aufgewiesen und näher bestimmt zu haben". (S.39)

Indem Undeutsch bestimmte Wendungen von Sander entlehnt (die hier unterstrichenen) und die bei Sander in einem bestimmten Kontext stehen, macht er Sanders Loblied auf Adolf Hitler zu seinem eigen Loblied auf Friedrich Sander, wobei er vor den Augen des lesenden Fachpublikums dem von ihm als Fälscher Erkannten auch noch "methodische Vorsicht und wissenschaftliche Sauberkeit" bescheinigt.

Ein Drittes: Sind es nicht wundervolle Worte, mit denen Undeutsch den Rassisten Jaensch geißelt, dessen "besonderer Blüte", dem "Gegentypus", er als einziger in damaliger Zeit mutig entgegenzutreten wagt? Ja, der wackere Undeutsch - unbestechlicher Wissenschaftler, der er ist - beschränkt sich in seiner Sachkritik in der Tat aufs rein Fachliche. Nur daß er außer sachlicher Kritik auch ideologische Zustimmung äußert, und zwar eindeutige Zustimmung zu Jaenschs Rassenideologie, deren besondere Blüten er bestätigend nicht nur durch Kursivschrift hervorhebt.

So ist es Undeutschs Ziel seines Typologievergleichs (1940a):

"von der allgemeinen Deutung der S-Typen ("Gegentypus" von Jaensch, Verf) als Zerfall der personalen Gestalt zu einer spezielleren zu gelangen, die zugleich auch die von JAENSCH festgestellten Eigenschaften des S-Typus in ihrem ganzheitlichen, strukturellen Zusammenhang verständlich macht und als notwendig begreifen läßt. Als Überleitung diene dazu die Betrachtung seiner (des Gegentypus,Verf.) hauptsächlichsten Entstehungsursache, der heterogenen Blut- und Rassen- mischung. Die Tatsache, daß die ausgeprägtesten und gleichsam klassischen Fälle vom Auflösungstypus immer Personen sind, die in ihrem Stammbaum eine extreme und heterogene Rassenmischung zeigen (......), charakterisiert den S-Typus schlaglichtartig als ausgesprochenen "Mischling" und als ein Zwischen, als welches er sich nicht nur in rassischer, sondern auch, wie sogleich gezeigt werden wird, in typologischer Hinsicht erweist." (S.415, Kursivbetonung im Original)

Dieser Text zeigt, daß Undeutsch Jaenschs rassistische Ideen nicht einfach referiert, daß er sie auch nicht einfach übernimmt, sondern daß er noch eins draufgibt und Jaenschs "Gegentypus" dem Leser noch differenzierter darbietet und damit noch mehr "verständlich macht und als notwendig begreifen" läßt. Undeutsch, der in seiner heutigen Selbstdarstellung (1992) sein Interesse an Typologie und Charakterologie breit ausführt, betont damals die Gemeinsamkeit des durch "heterogene Blut- und Rassenmischung" entstandenen mit dem von ihm selbst gesehenen typologischen "Mischling". Nun wird klar, warum Undeutsch auch Sanders Naziartikel voll akzeptieren kann, denn die Ausschaltung des Gestaltfremden und vor allem des "parasitisch wuchernden Judentums", und die "Unfruchtbarmachung der Träger minderwertigen Erbgutes des eigenen Volkes" (Sander 1937, S.642) sind nur die Konsequenz aus dieser Hitler-Sander- Undeutsch-Rassenideologie.

Kann man Undeutschs Rassismus vielleicht aus seiner eigenen Lebensgeschichte verstehen? Mit seinem Vater scheint er sich gut verstanden zu haben; er schildert ihn sehr positiv. Von seiner Mutter erfahren wir sehr wenig, und dies Wenige zudem in einer sehr merkwürdigen Form: sechs Wörter nur, in einem Klammerausdruck. Während Undeutsch von seinem Vater als "meinem" Vater spricht, spricht er von seiner Mutter als "die" Mutter; es heißt "Als Katholik (durch die aus Westfalen stammende Mutter) wurde ich...." (S.403). Daß er ausgerechnet seine Mutter so kurzweg, ja fast feindselig, behandelt, die ihm als Katholikin doch jene "christlich-katholische Wertewelt" gleichsam mit in die Wiege gelegt hatte, das ist nur schwer zu verstehen. Wenn er nun angibt, er sei "durch die Mutter" Katholik, dann heißt dies wohl, daß sein Vater nicht katholisch war. Gehörte der Vater etwa dem in jener Gegend "dem Katholizismus gegenüber militant eingestellten Protestantismus" (S.403) an? War Undeutsch etwa insofern selber ein "Mischling", ein "Zwischen"? Gab er der katholischen Mutter die Schuld dafür? Oder hatte der Nazi Undeutsch eine unangenehme Entdeckung gemacht: war seine Mutter vielleicht - da er nur das Ergebnis seiner Ahnenforschung in der väterlichen Linie bekanntgibt - war seine Mutter vielleicht eine extreme heterogene Blut- und Rassenmischung, eine parasitisch wuchernde Jüdin gar?

 

3. Der "Doktor literaris causa"

Ein Student, der seinen Professor fest im Griff hat, weil er soviel über ihn weiß, und der sich zudem als außerordentlich nützlich erweist, indem er sein Wissen verschweigt und die Betrügereien seines Chefs mitmacht, dem kann man eine bequeme Karriere voraussagen. Student Undeutsch hatte eine bequeme Karriere: er brauchte nur zwei Schwindelaufsätze von insgesamt 38 Druckseiten zu fabrizieren, und schon wurde er Universitätsdozent. Mehr an "wissenschaftlicher" Leistung habe ich nicht gefunden. In der Festschrift zu Undeutschs 60. Geburtstag (hrsg. von Kroj und Schneider) gibt Undeutsch (1977) außer seinen Aufsätzen von 1940(a) und 1942(a) noch zwei weitere Arbeiten bis zum Jahre 1946, in dem er Dozent wurde, an: einen Beitrag (1942b) über "F.KRUEGERs 'Entwicklungspsychologie der Ganzheit' " und eine Dissertation (1940b).

Der Krueger-Titel beinhaltet zum einen eine Fälschung, wie gezeigt, und stellt zum anderen weder einen Aufsatz dar noch eine Rezension, wenngleich er unter der Rubrik "Schrifttum" steht; er enthält überhaupt keinen eigenen Gedanken Undeutschs. Nach der Anmerkung des Herausgebers Lersch wird nur ein schwer zugängliches Krueger-Buch "ausführlich und unter Verwendung zahlreicher wörtlicher Auszüge referiert." (S.389).

Was Undeutschs Dissertation anbetrifft, muß ich sagen, daß ich mir schon vor Jahren große Mühe gegeben habe, sie zu bekommen und zu lesen, aber ich habe sie nicht erhalten können, und das war so: irgendwo hatte ich gelesen, daß die Dissertation von Undeutsch aus dem Jahre 1940 stamme. Undeutschs Scientia-Artikel von 1942 brachte sie mir in Erinnerung: wie konnte, so fragte ich mich, Undeutsch zwei Jahre nach seiner Doktorarbeit, für die er doch die Prinzipien wissenschaftlicher Berichterstattung gelernt haben mußte, im Scientia-Artikel diese Prinzipien so sehr mißachten? Wie sieht es dann in seiner Dissertation aus? (Eine Frage, die ich zu einer Zeit stellte, als ich dem Scientia-Artikel noch wissenschaftliche Zielsetzung unterstellte). Ich habe nach der Dissertation gesucht, ja, gefahndet - und sie nicht gefunden.

In "Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender" von 1950 bezeichnet sich Undeutsch selbst als "Dr.rer.nat." Um "Doktor" zu werden, muß man eine Doktorarbeit anfertigen. Auch Wissenschaftlicher Assistent wird man in der Regel erst, wenn man promoviert hat. "Wiss.Ass" will Undeutsch laut Kürschner-Eintrag in der Zeit von 1940-1944/45 in Jena gewesen sein. Spätestens 1940 müßte demnach seine Promotion erfolgt sein. (Alle Eintragungen im "Kürschner" beruhen auf Selbstauskünften).

Ich dachte damals (bei meinen Recherchen standen mir die ausführlichen Selbstauskünfte Undeutschs von 1992 ja noch nicht zur Verfügung), bei Undeutsch selbst müßte ich doch am ehesten die bibliographischen Angaben über seine Dissertation erhalten können sowie Auskunft wenigstens über deren wichtigsten Inhalt. Aber ich fand keine Stelle in seinen Publikationen, in denen er seine Dissertation auch nur erwähnt. Nur bei anderen Autoren fand ich folgende bibliographische Angaben: "Undeutsch,U. Gestalttypologische Untersuchung der Sinnerfüllung optischer Komplexe. (Unveröffentlicht) Jena 1940."

Undeutsch schreibt 1940 (a) jenen Artikel über die Gestalttypologien von Sander und Jaensch. Man sollte meinen, ein junger Wissenschaftler würde die günstige Gelegenheit nutzen, dabei auch auf seine eigene, den gleichen Themenkreis betreffende, Dissertation von 1940(b) hinzuweisen. Kein solcher Hinweis erfolgt.

Auch in seinem Aufsatz von 1942 (a), dessen 2.Teil sich mit der charakterologischen Bedeutung der Aktualgenese befaßt, bringt Undeutsch keinen Hiweis auf seine Dissertation, die sich nach seiner jetzigen Auskunft sogar mit Persönlichkeitsdiagnostik befaßt, einen Hinweis nicht einmal an jener Stelle, an der er über eine unveröffentlicht gebliebene Arbeit Sanders über "Sinnerfüllung optischer Komplexe" (S.96) berichtet, eine Untersuchung über das gleiche Thema, ja, mit fast gleichem Titel, wie seine Dissertation.

Die erste Erwähnung der Undeutsch-Dissertation fand ich bei Albert Wellek (1954), dessen Mitarbeiter Undeutsch von 1946 bis 1951 als Dozent gewesen war. Wellek wies auf typologische Arbeiten der Sander-Schüler Berger, Wächter und Undeutsch hin und fügte in einer Fußnote hinzu: "Letzterer vor allem in seiner leider ungedruckt gebliebenen Jenaer Dissertation (1940): 'Gestalttypologische Untersuchung der Sinnerfüllung optischer Komplexe' " (S.10). Die nächsten zwei Hinweise fand ich in der von Wellek zusammengestellten Festschrift zu Sanders 70. Geburtstag, die Sander in den Bd. 6 der von ihm herausgegebenen "Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie" hineinnahm: F.Winnefeld (1959, S.589;597), Professor für Psychologie in Halle/Saale, bezieht sich zweimal auf Undeutschs Dissertation. Auch C.F.Graumann kennt Undeutschs Dissertation, (1959, S.433, in derselben Festschrift), er hat sie sogar in der Hand gehabt und gelesen, denn er bezieht sich auf Seite 39 der Dissertation.

Sander selbst, der es als "Doktorvater" ja wissen muß, sagt dreimal ganz deutlich, wie leid es ihm tue, daß die Undeutsch-Dissertation nicht habe gedruckt werden können. So spricht er im Vorwort zum Sammelband über Gestaltpsychologie (Sander und Volkelt, 1962), von der Kölner Psychologie,

Als 1962 eingefügte Fußnote zum Abdruck seines gestaltpsychologischen Sammelreferats von 1928 heißt es bei Sander im selben Sammelband:

"...tritt der von mir aufgestellte gestaltproduktive, gestaltungskräftige Typus besonders eindringlich zu Tage, so in der leider unveröffentlicht gebliebenen Untersuchung meines damaligen Mitarbeiters U. Undeutsch, Gestalttypologische Untersuchung der Sinnerfüllung optischer Komplexe, Diss. Jena, 1940." (Sander 1962, S.112)

Nun scheinen die jungen Leute der 60er Jahre so wenig Geschichtsbewußtsein gehabt zu haben, daß es nötig war, ihnen zu sagen, welche "Ungunst der Verhältnisse" 1940 geherrscht habe. So spricht Sander 1967 noch einmal von den "zahlreichen aktualgenetischen Untersuchungen meines Kreises" und:

"Unter ihnen erwähne ich nur die ergebnisreiche, durch die Kriegsumstände leider unveröffentlicht gebliebene Untersuchung einer merogenen Aktualgenese meines früheren Mitarbeiters U.UNDEUTSCH ,..." (Sander 1967, S.98)

und es folgen die bekannten bibliographischen Angaben in gewohnt vollem Ornat.

Welche "Ungunst der Verhältnisse" mochte es konkret eigentlich gewesen sein, so fragte ich mich, die es nicht gestattet haben sollte, die Undeutsch-Dissertation von 1940 während des Krieges zu drucken - wenn doch die Doktorarbeiten von 1939 bis 1941 sämtlicher anderer Sanderschüler gedruckt worden waren, und zwar in dem von Sander herausgegebenen "Archiv"? Es bestand für Dissertationen sogar Druckzwang, der wurde der Papierknappheit wegen erst am 6.6.1941 aufgehoben (Geuter 1984, S.31). Welche "Kriegsumstände" hätten es gewesen sein können, die einen Druck verhinderten? Es gab sicherlich etliche Psychologen, die überhaupt nicht hatten promovieren können, weil sie zum Wehrdienst einberufen waren. Andere mußten sich für die Promotion Fronturlaub holen wie etwa Winnefeld (1959, Lebenslauf).

Aber Undeutsch war nach Geuter (1986, S.53) erst ab 3.6.1941 bei der Wehrmacht, ebenso nach Undeutschs (1992, S.406) eigenen Angaben: ab 1941. Und wieso hätte Prof.Sander ausgerechnet die Doktorarbeit seines Wiss. Ass. Undeutsch nicht in seinem "Archiv" abdrucken sollen, wo die doch gerade für Sander so "wertvoll", so "ergebnisreich" war, indem sie seinen "gestaltungskräftigen" Typ so eindringlich zutage treten ließ?

Nun sind selbst ungedruckte Dissertationen nicht bibliographisch aus der Welt: sie werden im Jahresverzeichnis der deutschen Hochschulschriften (JvdH) bekanntgegeben. Doch dort fand ich Undeutschs Dissertation ebenfalls nicht. Als ich der Dame an der Fernleihe der Kölner Universitätsbibliothek mitteilte, daß die Dissertation des Kölner Professors Dr.Udo Undeutsch nicht im JvdH verzeichnet, aber von seinem Lehrer Sander dreimal als existent behauptet worden sei, da pfiff sie dreimal durch die Zähne. Mein Versuch, die Dissertation von der Universitätsbibliothek Jena zu erhalten, blieb erfolglos. Ich bekam die rote Fernleih-Bestellkarte mit entsprechenden Suchvermerken zurück. Angeheftet an sie war jedoch noch ein ausrangiertes Karteikärtchen der Universitätsbibliothek Jena, auf dessen Rückseite mir jemand freundlicherweise handschriftlich mitteilte (s. Abb.7):

"Von dieser Diss. sind Pflichtexemplare
nicht abgeliefert worden. Ist daher auch
im JvdH nicht erfaßt. Archivexemplar der
Universität Jena durch Bomben vernichtet."

Abb. 7: Ein ausrangiertes Bibliothekskärtchen vom
Undeutschdissertationsinformationsservice der Universitätsbibliothek Jena

Für den, der sich für die Sache selbst, die "Sinnerfüllung optischer Komplexe", interessiert, wäre die Sache damit erledigt, nicht für denjenigen, der sich für die Dissertation des Herrn Undeutsch interessiert. So fragte ich mich, welchen Sinn denn unter diesen Umständen der 4-malige Hinweis auf das Nichtgedrucktsein der Dissertation haben sollte, besser wäre doch gewesen, gleich zu sagen, durch Bomben sei das einzige Exemplar vernichtet worden, wenn man begründen will, daß die Dissertation nicht zu lesen sei.

Und warum überhaupt hat Sander denn nicht nach dem Krieg die so wertvolle Dissertation seines früheren Mitarbeiters Undeutsch gedruckt, er gab doch immer noch (oder wieder) die "Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie" heraus? Exemplare waren ja offensichtlich noch im Umlauf; Winnefeld hatte eines gehabt, Graumann hatte eines gehabt. Warum nutzt Sander denn nicht die Nachkriegs-Gunst der Umstände, uns endlich einmal ausführlich über den Inhalt der so wertvollen Arbeit zu berichten? Aber da kommt nichts, nichts außer der für Sander allerdings erfreulichen Nachricht, daß seine, Sanders, Typologie, insbesondere der "gestaltungsproduktive" Typ, durch Undeutschs Dissertation bestätigt worden sei. Auch von Wellek kommt nichts, von Winnefeld nichts, von Graumann nicht viel mehr. Es bleibt von der 6-maligen Erwähnung nichts übrig als die schlichte Behauptung der früheren Existenz einer solchen Dissertation. Ja, und heute fragt man sich obendrein, warum denn nicht einmal Undeutsch selbst in der Nachkriegszeit einen Privatdruck seiner Dissertation hat herstellen lassen, mit der er doch seine Priorität in einer bedeutenden Sache hätte nachweisen können; denn es heißt bei ihm (1992, S.406):

"Dies war das erste Mal, daß eine aktualgenetische Methode für die Zwecke der Persönlichkeitsdiagnostik eingesetzt wurde." und es "....haben diese Methoden späterhin ...im Rahmen der Persönlichkeitsdiagnostik eine außerordentlich fruchtbare Ausgestaltung gefunden...."

Da fragt man sich: wer ist es denn überhaupt gewesen, der die Undeutsch-Dissertation als existent behauptete? Es sind vier gute alte Bekannte des Fälschers Undeutsch gewesen: drei inzwischen ebenfalls als Fälscher entlarvte Psychologen: Sander, Graumann und auch Wellek (dessen Fälschung ich unten noch nachweisen werde), dazu kommt Winnefeld, ein ehemaliger Kommilitone Undeutschs, 1941 von Sander promoviert, 1959 Professor in Halle/ Saale geworden.

Des weiteren: Sander hatte in den Jahren 1940-44 außer Undeutsch einen weiteren Wissenschaftlichen Assistenten, wie Geuter berichtet (1986): Johannes Voigt. Der habilitierte 1944 bei Sander mit der oben besprochenen Arbeit über die Aktualgenese des Denkens. Voigt (1944) gibt in seiner Arbeit auch Literatur von Undeutsch an: außer den Aufsätzen von 1940 und 1942 auch die Arbeit über "Gestalttypologische Untersuchung der Sinnerfüllung optischer Komplexe". Aber daß sein Assistenten-Kollege Undeutsch 1940 mit dieser Arbeit in Jena promoviert haben sollte, das soll Voigt nicht bekannt gewesen sein? Voigts Angabe zu der Undeutsch-Arbeit mit jenem Titel lautet lediglich: "(Erscheint demnächst)". Nichts von "Diss.", nichts von "Jena 1940". Es gab also offensichtlich ein Manuskript mit diesem Titel, Voigt gab an, sie sei von Undeutsch, aber jedenfalls war es wohl nicht dessen Dissertation, denn sicherlich würde Voigt dann die entsprechenden bibliographischen Angaben gemacht haben.

Da kann einem schon die Frage kommen: sollte die "Ungunst der Verhältnisse", die einen Druck der Dissertation verhinderte, darin bestanden haben, daß es gar keine Dissertation gab, die hätte gedruckt werden können? Wollten die guten Bekannten, die die Existenz der nicht-existenten Dissertation bezeugten, diese (bisher) über jeden Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit erhabenen Wissenschaftler, ein fehlendes Dokument durch das Gewicht ihrer Autorität ersetzen? Galt es, autoritäts-, karriere- und lohnabhängige Frager verstummen zu machen?

Wenn ich aus allen genannten Fakten und einigen weiteren das Resumee ziehen will, so muß ich bezüglich der Undeutsch-Dissertation zu folgender Theorie kommen:

1. Es existiert von Undeutsch keine Dissertation, weil Undeutsch nie promoviert worden ist.

2. Als 1951 ein in der Psychologie praktisch Unbekannter in Köln Professor wurde, haben sich alle Psychologen, die ebenfalls gern diesen Lehrstuhl bekommen hätten, über die vita dieses Herrn kundig gemacht und fanden von Undeutsch aus 1950(a,b) zwei Aufsätze über Sexualität bei Jugendlichen, aus sieben Jahren davor gar nichts und davor wiederum zwei weitere Aufsätze, dessen zweiter sich bei reiner Lektüre schon als ein "Gefälligkeitsgutachten" ausweist. Eine Dissertation wiederum fanden sie nicht. Da muß es viele Fragen nach Undeutschs Promotion gegeben haben, und es war nötig, auf literarischem Wege eine Undeutsch-Dissertation in die Welt zu setzen. Hierzu fanden sich naturgemäß am ehesten die Fälscher aus der Sander-Undeutsch-Clique bereit: Sander selbst, der als Doktorvater zu fungieren hatte, Wellek und Graumann. Aus dem Umstand, daß erst 1951, mit Undeutschs Berufung zum Professor in Köln, das Dissertationsproblem auftrat, erklärt sich, warum es vor 1951 keine Erwähnung einer Undeutsch-Dissertation gegeben hat

3. Als Titel bot sich jener aus Voigts Habilitationsschrift an. Da sich bei Voigt der Zusatzvermerk "Erscheint demnächst" fand, die Arbeit aber nie erschienen war, erfand man die dümmliche Legende: die Dissertation sei "leider ungedruckt".

4. Als Jahreszahl kam nur ein Datum bis spätestens 1941 infrage, weil in diesem Jahr Undeutsch durch Wellek schon zum "Dr." gemacht worden war. In Welleks (1941) Arbeit "Das Problem des seelischen Seins" geht es um Deutung und Kritik der Kruegerschen Strukturtheorie. Zum Begriff "Funktion" bei Krueger heißt es da:

"Dem Begriff der 'Funktion' nämlich scheint bei KRUEGER eine Zwischenstellung zwischen dem der Struktur (und Disposition) und dem der Erlebenswirklichkeit zugedacht zu sein." (S.220)

In einer Fußnote fügt Wellek hinzu:

"So nach mir mündlich mitgeteilter Formulierung von Dr.UDO UNDEUTSCH, Jena". (S.220)

Nun wunderte mich anfangs, daß Wellek, der zusammen mit Krueger und Sander als Mitbegründer der Genetischen Ganzheitspsychologie galt, es nötig gehabt haben sollte, sich vom jungen Undeutsch Formulierungshilfe geben zu lassen. Nun wundert es mich nicht mehr: Wellek mußte schon früh die bequeme akademische Karriere seines Freundes Udo mit Mitteln etwas außerhalb der Legalität mitbetrieben haben. Welleks Zeitschriftenartikel erscheint in überarbeiteter Fassung (Wellek 1953) in Buchform. In dessen Vorwort gibt der Autor an, sich im Hinblick auf Änderungen und Ergänzungen "auf das Wichtigste beschränkt" (S.58) zu haben. Zum Wichtigsten zählt er die Mitteilung, daß jener Dr.Udo Undeutsch, Jena, nunmehr in Köln weile. Die Fußnote lautet jetzt: "So nach mir mündlich mitgeteilter Formulierung von Dr.Udo Undeutsch, Jena (jetzt Köln)." (S.103). Nun wissen es alle Psychologen: jener Prof. Dr. Undeutsch in Köln ist derselbe, der schon 1941 ein Doktor war.

5. Doch alle Versuche, die lästigen Frager mit läppschen Hinweisen auf den nicht erfolgten Druck der Dissertation zufriedenzustellen, mußten erfolglos bleiben. Spätestens von dem Zeitpunkt an, von dem der Fernleihverkehr der Bibliotheken mit Jena wieder funktionierte (wenn er denn je aufgehört hatte), mußte der Besteller der Undeutsch-Dissertation stutzig werden: hatte er bisher angenommen, es gebe eine Dissertation, wenn auch nur als ungedrucktes Manuskript in Jena, so muß er nunmehr feststellen, es gibt nicht einmal dieses. Die häufige Erwähnung der Undeutsch-Dissertation mußte sich als Bumerang erweisen.

6. So wurde also eine Änderung der Legende notwendig, und es wurde in der Universitätsbibliothek Jena ein Undeutschdissertationsinformationsservice eingerichtet, durch den die exakte Begründung dafür zu liefern war, warum es kein Exemplar dieser Dissertation gibt. Seinen für ihn peinlich gewordenen Kürschner-Eintrag von 1950 (Abb.8a), der nach seiner Berufung zum Professor so viele Psychologen nach seiner vita hatten fragen lassen, kann Undeutsch (a) (b) nicht mehr rückgängig machen; er kann nur noch dafür sorgen, daß in der nächsten Kürschnerausgabe, 1954, sämtliche Eintragungen über die 40er Jahre unterblieben (Abb.8b): kein Wort vom "Wiss. Ass", kein Wort vom "Doz." in Mainz, keine Erwähnung der beiden einzigen Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften in den 10 Jahren von 1940 bis 1949. Er läßt seine wissenschaftliche Tätigkeit nunmehr mit seiner Professur ab 1951 in Köln beginnen. Was der Wahrheit wohl am nächsten kommt.

Abb. 8: Ausrisse aus "Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender"
von 1950 (a) und 1954 (b).

Heute, nach der "Wende", wo einerseits jedermann persönlichen Zugang zur Universitätsbibliothek Jena hat, andererseits die "Kriegsereignisse" weit zurückliegen, um deretwillen die Dissertation nicht hatte gedruckt werden können, erscheint es Undeutsch opportun, wieder die Mär vom Ungedrucktsein zu verbreiten. Zum Aufbau seiner Legende muß er sowohl seine Dissertation von 1940 als auch seinen Jaensch-Artikel von 194o groß rausbringen muß. Weil aber seine "Dissertation" von 1940 "wegen der Kriegsereignisse" nicht, sein Jaensch-Beitrag trotz der Kriegsereignisse durchaus hatte gedruckt werden können, verlegt er (1992,S.406) das Erscheinen des letzeren einfach ins Jahr 1939. So einfach ist das. Gelernt ist gelernt: Sander konnte Daten manipulieren, Graumann konnte Daten manipulieren, Undeutsch kann das eben auch - reine Routinesache bei Fälschers.

 

4. Die Habilitation in der Eisenbahn

Nachdem die Suche nach Undeutschs Dissertation ergebnislos verlaufen war, fragten sich sicher auch viele Psychologen, wer denn eigentlich Undeutsch habilitiert habe; es kamen nur Sander und Wellek als Habilitatoren infrage. Was ich in der Literatur über Undeutschs Habilitation erfahren habe, ist dies:

Von Sander fand ich keinen Hinweis, daß er Undeutsch habilitiert habe, er bezeichnet ihn lediglich als seinen "Mitarbeiter". Bei Undeutsch selbst fand ich ebenfalls keinen Hinweis auf seine Habilitation: weder für seine Zeit bei Sander in Jena noch für seine Zeit in Münster bezeichnet er sich 1950 im Kürschner als "Privatdozent". Auch in seiner Selbstdarstellung (1992) gibt er nicht an, je Privatdozent gewesen zu sein. Auch Geuter (1986, S.53) verzeichnet aufgrund einer Auskunft des Universitätsarchivs für das Psychologische Institut in Jena keinen Privatdozenten Undeutsch, nur einen Hilfsassistenten und danach einen Assistenten Undeutsch; als einzigen Privatdozenten gibt Geuter für diese Zeit im Jenaer Psychologischen Institut nur Johannes Voigt an. So kommt als Habilitator noch Wellek infrage, doch der wäscht seine Hände in Unschuld. Ihm langt's, Undeutsch schon zum Fußnotendoktor gemacht zu haben. Er bezeichnet ihn nicht als seinen, sondern als Sanders Schüler:

"Im Juni 1946 erreicht mich....ein Ruf an die neu gegründete Universität Mainz, dem ich erst im Oktober 1946 endgültig Folge leisten konnte. Seither habe ich dort - anfangs im Zusammenwirken mit dem jungen Dozenten UDO UNDEUTSCH, der als Sander-Schüler von Jena herkam und schon in Leipzig mit mir Verbindung gepflegt hatte - die Psychologie sozusagen aus dem Nichts 'aufgebaut'." (Wellek 1972a, S.367)

Undeutsch (1992, S.407) selbst sagt ja auch, er sei beamteter Hochschullehrer in Mainz gewesen und habe dann Wellek sozusagen nachgeholt. Damit ist klar, daß Wellek Undeutsch nicht habilitiert hatte. Zwei Seiten weiter sagt Wellek (1972a) es durch die Blume noch deutlicher, denn erst "zwischen 1953 und 1964 konnte ich in Mainz sechs Habilitanden zum Ziele führen..."(S.369). Wenn Dr. Undeutsch aber nicht in Jena, nicht in Münster und nicht in Mainz habilitiert worden ist, in Mainz aber fix und fertig habilitiert ankam, dann muß es wohl - das ist ja logisch - in der Eisenbahn auf der Fahrt von Münster nach Mainz passiert sein.

 

5. Der doppelte Assistent

Undeutsch gibt an: "Bald nach meiner Promotion fand ich eine Anstellung als Assistent am Psychologischen Institut der Universität Jena" (1992, S.406). Auf der nächsten Seite heißt es, nach Auflösung der Heerespsychologie im Jahre 1942 habe er als Psychologe Untersuchungen von Hirnverletzten im Heeres-Sanitätswesen vorgenommen, und zwar am Psychologischen Institut Jena, "an dem ich zugleich weiterhin als Assistent tätig war."

Bei Geuter (1986, S.53f) liest sich das anders: seine Angaben zu Undeutsch sind folgende:

"Udo Undeutsch,1.8.1940 wissenschaftliche Hilfskraft (3.6.1941 durch Wehrdienst unterbrochen). 1943 - 1945 Assistent"

Als Quelle für seine Eintragungen, die diese Zeit betreffen, gibt Geuter nur Informationen aus dem Universitätsarchiv Jena an: "UA Jena D 941. Auskunft des UA Jena vom 30.7.1985". Dies würde heißen: Undeutsch bezeichnet sich im Kürschner 1950 und heute in der Selbstdarstellung als Assistent im Jenaer Institut für 1940-45, ist aber, wie Geuter berichtet, lt.Universität Jena nur 1943-1945 dort Assistent gewesen, vorher Hilfsassistent. Ich habe einen Zeitzeugen aus dem Jenaer Institut für die Zeit 1941/42 ausfindig gemacht, der mir mitteilte, Voigt sei "1.Assistent" gewesen, Undeutsch "2.Assistent". Diese Auskunft darf man so deuten, daß Undeutsch in jener Zeit sowohl als "Doktor" wie auch als "Assistent" ausgegeben wurde, obwohl er nach meinen Recherchen kein "Doktor" und nach Auskunft des Universitätsarchivs Jena kein Assistent, sondern nur Hilfsassistent, war, und ein solcher auch nur bis zum Beginn seines Wehrdienstes am 3.6.41. Er war somit nicht, wie er angibt, danach noch während der Arbeit am Sonderlazarett weiter "Assistent" am Psychologischen Institut Jena. Galt Undeutsch im Jenaer Psychologischen Institut aber 1941/42 als "Doktor" und als "Assistent", so konnte dies nur mit Zustimmung von Nazi-Sander geschehen, der damit Kamerad Undeutsch, durch den er erpreßbar war, Titel und Stellung durch das Verfahren schlichter Behauptung verabreicht haben mußte.

Nach Auskunft des Universitätsarchivs Jena soll Undeutsch - wie Geuter (1986,S.53) angibt - in der Zeit 1943-45 Assistent gewesen sein, zu gleicher Zeit also, als auch J.Voigt dort Assistent war. Nach Auskunft des Universitätsarchivs Jena jedoch gab es - wie Geuter S. 54 berichtet - am Psychologischen Insitut Jena nur eine einzige Assistentenstelle, somit befand sich dort ein Assistent, der gar keiner war. Da man offiziellen Auskünften des Universitätsarchivs weitest- gehend Glauben schenken darf, könnte man schon daran denken, daß die Angabe, Undeutsch sei 1943-45 in Jena Assistent gewesen, gar keine Archivauskunft ist, sondern ein Bär, den man Geuter aufgebunden hat, wobei er den Bärenhalter in seinen Quellenhinweisen allerdings nicht mit aufführt.

 6. "Kriegsdienst" bei Papa und Mama

Auf der sehr inhaltsreichen Seite 406 seiner Selbstdarstellung läßt Undeutsch (1992) uns wissen, er habe "Kriegsdienst" von 1941-1945 abgeleistet. Bis zum Kriegsende 1945 lebte er aber - gem. S.4o2 - bei seinen Eltern in Weimar. Das war wirklich ein sehr angenehmer Krieg für ihn. Und er hatte während der ganzen Zeit einen feinen Job: "Heerespsychologe". Ich habe meinen Zeitzeugen gefragt, ob Dr.Undeutsch bei der Wehrmacht gewesen sei. Ja, sagte er, Undeutsch sei in Jena oft oder gar meist in Wehrmachtsuniform herumgelaufen. Welchen Dienstgrad er denn gehabt habe? Einen sehr geringen, sagte mein Zeitzeuge, Gefreiter oder vielleicht nicht einmal das. Ob er vielleicht Wehrmachtspsychologe gewesen sei? "Nein, auf keinen Fall," kam es wie aus der Pistole geschossen, "die waren ja 'Schmalspur-Majore'! ".

Heißt dies, daß Undeutsch nicht einmal Wehrdienst abzuleisten hatte? Aber warum, wenn dies, gleich aus welchen Gründen, der Fall gewesen, schwindelt uns Undeutsch heute vor, er sei Wehrmachtspsychologe und damit Beamter gewesen? Will er damit die sofortige Übernahme des Wehrmachtsbeamten Undeutsch ins Dozenten-Beamtenverhältnis im Jahre 1946 glaubhaft machen? Und wieso kommt Geuter (1984,S.454) dazu, Undeutsch als Wehrmachts- psychologen zu bezeichnen, der er, wie es scheint, gar nicht gewesen ist? Von Undeutsch selbst kann er den Bären nicht aufgebunden bekommen haben, denn er hat Undeutsch offenbar nicht interviewt (der einen solches Ansinnen auch von sich gewiesen hätte oder hat). Hat der Psychologiegeschichtsforscher Geuter etwa vom Psychologiegeschichtsfälscher Graumann gezielte Falschauskünfte zur Stabilisierung der Undeutsch-Legende erhalten; von Graumann, der schon 1959 als honoriger Zeuge für die Doktorwürde des Herrn Undeutsch fungiert hatte; von Graumann, an dessen psychologiegeschichtlichem Kolloquium Geuter teilnahm? Da gibt es wohl noch ein paar offene Fragen an Herrn Dr. Geuter.

Aus: Lothar Kleine-Horst (1998): "60 Jahre deutsche Psychologenmafia (1938-1998)". Köln: Enane-Verlag
(Teil 2, Kap. III, evt. mit Ergänzungen in eckigen Klammern aus 2006)

 Zu Teil 3:
Das Nachkriegswunder - Kap I:

Prof. "Dr" Udo Undeutsch -
47 Jahre erpreßbarer Gerichtsgutachter?

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