Teil 3
Das Nachkriegswunder

  

I. Prof. Dr. Udo Undeutsch - 47 Jahre erpreßbarer Gerichtsgutachter ?

1. Der Kultusminister und die Sexualität

Dieser Doktor Undeutsch! Eine Dissertation gibt's nicht, aber er hat doch zwei Aufsätze geschrieben, in nur zwei Jahren bis 1942, mit insgesamt 38 Seiten! Da braucht's doch mehr nicht, 1943 nichts, 44 nichts, um habilitiert zu werden, 45 nichts, 46 nichts, um Dozent zu werden, er hat ja schon zwei Aufsätze geschrieben! 47 nichts, 48 drei Seiten, 49 nichts, aber dann 50 - schon Goethe sagte: der Überfluß, der ist's! - 1950 also schreibt der Tausendsassa über Sexualität von Jugendlichen, gleich zweimal (1950a, 1950b) in nur einem einzigen Jahr: ein Geniestreich nach langer schöpferischer Pause. Der reißt den Kultusminister von Nordrhein-Westfalen aus dem Sessel: "Dies ist das Holz, aus dem man Professoren schnitzt!", und er schnitzt einen solchen und gleich einen Stuhl dazu, auf dem derselbe viele viele Jahre saß, und den er kürzlich einem verschwiegenen Mitwisser abgegeben hat: Prof. Dr. Egon Stephan.

2. "Wissen und schweigen" - das Gesetz der Mafia

Undeutsch wußte Sander und schwieg. Graumann wußte Sander und Undeutsch und schwieg. Es scheint: viele Psychologen, Staatsanwälte und Ministerialbeamte wissen seit langem und schweigen ebenso lange. Es ist sehr leicht, das Fehlen einer Undeutsch-Dissertation zu entdecken, wenn man einmal Anlaß hat, sich mit Undeutschs vita zu beschäftigen. Der Leichtigkeit der Entdeckung dürfte die Anzahl der Entdeckungen entsprechen. Viele Psychologen hatten in den 52 Jahren seit Undeutschs Dozentur im Jahre 1946, besonders aber nach seiner Berufung zum Professor in Köln im Jahre 1951, Anlaß, das wissenschaftliche Vorleben dieses Mannes zu studieren, auch wenn sie nicht wie Graumann ganz systematisch nach dunklen Flecken forschten. Sie müssen erstaunt gewesen sein, wie schnell sie mit diesem Studium fertig wurden. Nur eine einzige Recherche war sehr zeitaufwendig: die Suche nach Undeutschs Dissertation, und diese Suche blieb stets erfolglos.

Da muß es so viele Anfragen nach der Undeutsch-Dissertation gegeben haben, sowohl bei Wellek, dem Schriftführer der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), bei dem Undeutsch Dozent gewesen war, als auch beim DGPs-Vorsitzenden Sander, der allein als Doktorvater infrage kam, daß beide keine Möglichkeit mehr sahen, diese ständigen Fragen in Einzelgesprächen zu stoppen - zumal das Getuschel größer gewesen sein wird als die Zahl direkter Fragen - als daß die Befragten fünfmal zu öffentlichen, wenngleich impliziten, Erklärungen in der psychologischen Fachliteratur Zuflucht nehmen mußten, viermal davon als Fußnote und im Vorwort; und zwischendurch ließen sich noch zwei Komplizen vernehmen, um Undeutsch zum "Doktor" zu machen, und das alles zog sich über 14 Jahre hin. Man kann die Anzahl der "Wissenden" und damit potentiellen Undeutsch-Erpresser, die es heute nach 47-52 Jahren in der deutschen Psychologie geben könnte, nur ahnen; in die Öffentlichkeit aber ist von den Funden nie etwas gedrungen.

Wie werden die "Wissenden" auf ihre Erkenntnisse reagiert haben? Manch einem werden sie gleichgültig gewesen sein, andere werden angesichts der ebenso läppschen wie dreisten Vertuschungsversuche des DGPs-Präsidenten Sander und seines Schriftführeres Wellek resigniert haben. Eine weitere Gruppe könnte eine Dienstaufsichtsbeschwerde an den Kultusminister NRW gerichtet haben, andere eine Strafanzeige an die Kölner Staatsanwaltschaft. Keine dieser Bemühungen hat zu irgendeiner Sanktion gegen Undeutsch geführt. Eine dritte Gruppe könnte die Mitbeteiligung der Vorständler an dieser mysteriösen Angelegenheit für Erpressungsversuche ausgenutzt haben.

 

3. Der Täter und sein Staatsanwalt

Was ein "Dipl.Psych" "Prof." "Dr." bei seiner Entlarvung als Titelschwindler zu erwarten hat, geht aus dem "Handbuch des Diszplinarrechts für Beamte und Richter in Bund und Ländern. Erster Band" von E.Lindgen (1966) hervor:

"Führt der Beamte eine Amtsbezeichnung oder einen Titel zu Unrecht, so macht er sich nach §132a Abs.1 StGB strafbar. Hiernach wird mit Gefängnis bis zu einem Jahr und mit Geldstrafe oder mit einer dieser Strafen bestraft, wer unbefugt ... inländische oder ausländische Amts- oder Dienstbezeichnungen, Titel oder Würden führt.." (S.544)

"Hat der Beamte auf Grund der falschen Amtsbezeichnung die Voraussetzung für eine höhere Besoldungsgruppe geschaffen und sich hier durch einen Betrug nach § 263 StGB zuschulden kommen lassen, so hat er in erster Linie die Verpflichtung zur Redlichkeit verletzt, so daß er schon deshalb seine Beamtenstellung verwirkt hat. Hat der Beamte hierbei die durch den Zusammenbruch entstandenen Verhältnisse, insbesondere den kriegsbedingten Verlust der Personalakten, ausgenutzt, so handelt es sich hierbei um einen ganz besonderen Vertrauensbruch." (S.545)

Die Straftäter hatten Gelegenheit, sich anläßlich einer Amnestie für solche typischen Nachkriegsdelikte durch Aufdecken ihres Betrugs straffrei zu halten. Für diejenigen, die dies nicht taten, ist die Tatsache, daß überhaupt eine Amnestie erlassen worden ist, kein Strafmilderungsgrund. Die Amnestie "rechtfertigt noch nicht, daß von der Höchststrafe abgesehen werden darf; denn die Masse der Beamten hat sich trotz der fehlenden Urkunden bei den Angaben in den von ihnen auszufüllenden Fragebögen korrekt verhalten."(S.545)

Nach menschlichem Ermessen müßten in den 4-5 Jahrzehnten eine stattliche Anzahl von Strafanzeigen gegen Undeutsch wg. Verdachts eines Titelschwindels eingegangen sein. Keine von ihnen hat zu einer Anklage geführt. Nun darf man davon ausgehen, daß auf Anhieb die Staatsanwaltschaft keinen Grund für eine Anklage sah, denn sicherlich wird Undeutsch wenn nicht eine Promotionsurkunde, so doch eine Ersatzbescheinigung haben vorlegen können, etwa eine eidesstattliche Erklärung Sanders, daß er, Sander, selbst es war, der Undeutsch diplomiert, promoviert und habilitiert habe. Davon, daß Sander durch Undeutsch erpreßbar war, wußten die Staatsanwälte sicherlich nichts.

Was bei den Ermittlungen des Staatsanwalts auf der anderern Seite auf jeden Fall herausgekommen sein muß, ist doch diese merkwürdige Karriere des Professors. So viele depperte Staatsanwälte haben wir in Köln doch gar nicht, daß nicht einer von ihnen der sonderbaren vita dieses Mannes auf die Spur gekommen wäre. Kann man sich vorstellen, daß da vielleicht ein karrierebewußter Staatsanwalt (oder deren mehrere bis viele) der Versuchung nicht hat widerstehen können, gegen einen mutmaßlichen erpreßbaren Titelschwindler nicht zu ermitteln, um ihn als gefügigen Gerichtsgutachter ausbeuten zu können? Zumal er es doch dem Kultusminister NRW nicht würde antun können, den von diesem so begehrten windigen Burschen nicht nur aus dem Rechts- sondern auch noch aus dem Wissenschaftsverkehr zu ziehen. Vor allem aber würde unser Staatsanwalt, wonach sich vielleicht so mancher Kollege vergeblich die Finger leckte, zwecks Karriereförderung über einen Gutachter verfügen, unabhängig vom Gericht, aber abhängig von ihm, dem Staatsanwalt. Aber kann man denn wirklich annehmen, daß es einen solchen Staatsanwalt gibt, der seine Amtspflicht verletzen würde, indem er, statt einen Psychologen aufgrund seiner etwas merkwürigen vita als möglichen Gutachter für immer außen vor zu lassen, ihn 40-50 Jahre lang Gerichtsgutachten anfertigen läßt?

An einen einzigen korrupten Staatsanwalt könnte man vielleicht denken und, weil's so gut geklappt hat, an seine(n) Nachfolger im Amt. Aber in Windeseile muß es sich bei den Staatsanwälten des ganzen Landes herumgesprochen haben, welch bunter Vogel da für Gerichtsgutachten zur Verfügung steht - geradezu gerissen haben sie sich um ihn:

"Von Anfang meiner Amtstätigkeit in Köln an wurde ich von den Staatsanwaltschaften zumal im Rheinland mit derartigen Gutachtenaufträgen überhäuft". (Undeutsch 1992, S. 413):

Über 2000 Gerichtsgutachten hat Gerichtsgutachter Undeutsch nach eigener Angabe bis zu seinem 75. Geburtstag Ende 1992 schon erstellt (Kölner Stadt-Anzeiger vom 22.12.92), durchschnittlich 1 pro Woche.

 

4. Das Bundesverdienstkreuz und das tote Kind

Prof. Dr. Udo Undeutsch ist ein geachteter und international bekannter Verkehrspsychologe. Spezialität: Obergutachten über die Kraftfahreignung. Er bekam 1981 das Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste um die Sicherheit des Kindes im Straßenverkehr. Wenn sich aber nun wider Erwarten herausstellen sollte, daß er tatsächlich ein erpreßbarer Titelschwindler ist, und man stellt sich des weiteren vor, ein Alkoholiker, etwa ein solcher, der im Suff ein Kind totgefahren hat, kommt zu ihm und sagt: Hör mal, mein Junge, entweder machst du mir ein Gutachten, daß ich meinen Führerschein wiederkriege, oder ich lasse dich hochgehen: ja, was sollte denn der arme Undeutsch dann machen? Wie gut, daß er zugleich Leiter der Obergutachterstelle NRW zur Beurteilung der Kraftfahreignung im Verkehrsministerium NRW ist, da würde ihm in solch einem Falle ja nun wirklich nichts passieren, was auch immer er dann macht; denn er ist die oberste Instanz, und die hat er sich vor 21 Jahren selbst geschaffen, was im Falle seiner Erpreßbarkeit ja auch äußerst zweckmäßig gewesen wäre:

"ergriff ich die Initiative und schlug dem nordrhein-westfälischen Verkehrsministerium die Schaffung einer amtlich anerkannten Obergutachterstelle zur Beurteilung der Kraftfahreignung vor. Eine solche wurde im Jahre 1963 durch Runderlaß eingerichtet, ich wurde ad personam zum psychologischen Obergutachter für das Land Nordrhein-Westfalen ernannt." (Undeutsch 1992, S.421)

  

5. Der Schwindler und die Stasi

Udo Undeutsch wurde am 22.12.1917 in Weimar geboren und hielt sich bis zum Kriegsende beim Nazi Friedrich Sander im Psychologischen Institut der Universität Jena auf. Seine Eltern lebten in Weimar. Wann seine Mutter gestorben ist, weiß ich nicht, sein Vater starb Ende der 50er Jahre, hatte bis dahin also im Machtbereich der SED und der Stasi gelebt. Nach dem, was wir heute nach der "Wende" über die Durchseuchung der Bundesrepublik mit Stasi-Agenten wissen, ist es so gut wie ausgeschlossen, daß sich die Stasi einen Titelschwindler West sollte haben entgehen lassen. In einem solchen Fall ist anzunehmen, daß Undeutsch Erpressungsversuchen nicht nur seitens seiner BRD-Zeitgenossen, sondern auch seitens der Stasi ausgesetzt gewesen wäre. Seine hohe Position im Verkehrs-ministerium NRW als Leiter der Obergutachterstelle und seine rege Gerichtsgutachtertätigkeit machten ihn zu einem interessanten Informationsträger, der über die Praxis der Strafgerichtsbarkeit und des Strafvollzugs bestens Bescheid weiß. Seine Position als Leiter der für Verkehrssicherheit und Verkehrspsychologie zuständigen Sektionen sowohl des Berufsverbandes Deutscher Psychologen als auch der Deutschen Gesellschaft für Psychologie gaben ihm besten Ein- und Überblick auch über die Struktur, die Machtverhältnisse und die Trends in diesen beiden Psychologenvereinigungen. Auch wird er charakterliche Schwachstellen von Psychologenkollegen, von Justiz- und Ministerialbeamten kennen, die zu Erpressungen durch die Stasi ausnutzbar gewesen sein könnten. Auch der "Undeutschdissertations- informationsservice" an der Bibliothek der Universität Jena ist doch sicherlich nicht ohne Wissen, wahrscheinlich sogar mit Hilfe der Stasi eingerichtet worden.

Dieser Psychologe bekam auch den Auftrag, ein Gutachten über den Angeklagten im Mordfall des aus der DDR geflüchteten Weinhold zu erstellen. Daß man ausgerechnet ihm den Auftrag gab statt ausgerechnet ihn, diese aus dem Gebiet der DDR stammende schillernde Figur, als Gutacher außen vor zu lassen, das muß nicht Zufall gewesen sein. Die Verteidiger des Weinhold wußten über Undeutsch vielleicht mehr als sie öffentlich verlauten ließen; sie lehnten jedenfalls Prof. Undeutsch als Gutachter wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Das Gericht gab dem Ablehnungsantrag nicht statt, aber es ignorierte einfach Undeutschs Gutachten. Welches Verhalten Gutachter Undeutsch Weinhold gegenüber an den Tag legte, ist in einem SPIEGEL-Bericht von Gerhard Mauz (Der Spiegel 1978, H.52, S.61) nachzulesen. Ein Kommentar von Mauz:

"Im Aufdämmern der Möglichkeit, vielleicht erfolgreich haftbar gemacht zu werden, könnte es zu einer Besinnung auf gewisse ethische Standesregeln kommen, die für Psychiater und Psychologen vielleicht doch auch dann Geltung haben, wenn sie gutachten."

Mauz bezog sich auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das soeben - Ende 1978 - den Schadenersatzanspruch des Opfers grober Fahrlässigkeit eines Sachverständigen bejaht hatte. Und wie ist die Rechtslage bei bezahlten Falschgutachten?

 

6. Der Nazi und die Juden

Unter den angenommenen Umständen ist es als natürlich anzusehen, wenn der Altnazi Undeutsch nun auch zum Gutachter in einem NS-Prozeß bestellt wird, um über die Glaubwürdigkeit jüdischer Zeugenaussagen zu befinden. Dies geschah im Aschaffenburger Prozeß gegen die SS-Leute Ewald Pansegrau und Hans Stefan Olejak, die des Mordes in wenigstens 54 Fällen im Auschwitz-Nebenlager Jaworzno angeklagt waren. Wie das Gutachten eines rassistischen Altnazis aussieht, der Personen mit einer extremen "heterogenen Blut- und Rassemischung" dem minderwertigen Teil der Menschheit, dem "Auflösungstyp", zuordnet, kann man sich schon vor der Vergabe des Gutachtenauftrags ausrechnen: die Zeugenaussagen der Juden sind nichts wert (Der Spiegel, 1978, H.52, S.55f).

Aus: Lothar Kleine-Horst (1998): "60 Jahre deutsche Psychologenmafia (1938-1998)". Köln: Enane-Verlag
(Teil 3, Kap. I, evt. mit Ergänzungen in eckigen Klammern aus 2006)

Zu Kap II:

Der Putsch der alten Kameraden

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