II. Der Putsch der alten Kameraden

 1. Erst abwarten.......

Die Entmachtung Sanders 1945, nicht wegen seiner Fälschungen, sondern bloß weil er die parasitisch wuchernden Juden ausschalten wollte, wozu er doch eine tiefe ethische Berechtigung fühlte, war ein schwerer Verlust für die Mitwisser seiner diversen Fälschungen, für seine engagierten Mitfälscher, für seine verschwiegenen Ausbeuter, für seine Naziseilschaft. Nicht nur konnte ihre Marionette sich nicht mehr in Berufungsverhandlungen für sie und ihre Freunde verwenden, sie konnte auch nicht mehr wie bisher als Vizepräsident der Standesgesellschaft bei der Vergabe von Vorstands- und anderen prestigekräftigen Ämtern mitreden. Alle alten Kameraden waren aufgerufen zu retten, was zu retten war. Eile tat not, denn sollte echte demokratische Mitbestimmung des Volks erst einmal eingerissen sein, so müßte das - es war abzusehen - zur endgültigen Kaltstellung ihres nützlichen Popanz führen. Ohnehin mußte die neue Pflicht zur Beachtung gewisser demokratischer Formalia die Wiedereinsetzung ihrer Marionette in eine einflußreiche Machtposition verzögern. Doch es klappte: vier Jahre nach der ersten bundesweiten Nachkriegs-Vorstandswahl konnte die Naziseilschaft: Kroh, Lersch, Sander, Wellek wieder die Macht in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie übernehmen, dieses Mal war auch Undeutsch mit dabei. Wie sie das machten? Ganz einfach:

Erst abwarten: dem Volke Gelegenheit geben, die ihm aufgezwungenen demokratischen Gelüste auszuleben. 1947 gründete das Volk die Deutsche Gesellschaft für Psychologie für die britische Zone neu: v.Allesch als Vorsitzender sowie Düker und Westermann. Von Allesch, in der NS-Zeit nicht auffällig geworden: seit 1941 Professor in Göttingen; Düker: 1936 Verhaftung aus politischen Gründen, drei Jahre Gefängnis, später KZ Sachsenhausen, 1945 wieder im Amt, seit 1946 in Marburg; also für das Unternehmen ungeeignet. 1948 gründete das Volk die Gesellschaft in der amerikanischen Zone mit Zeis, Revers und mit Kafka als Vorsitzendem. Kafka hatte 1933 seine Entlassung durch Gesuch um vorzeitige Emeritierung verhindert, die 1934 erfolgte. Seit 1947 o.Prof. in Würzburg. Nicht gerade ideal, aber man kann ja sehen.

1948 veranstalteten die Psychologen ihren 17. Kongreß, 10 Jahre nach dem letzten. 1949 schlossen sich die zonalen Teilgesellschaften bundesweit zusammen, unter Vorsitz von v.Allesch. Wer sonst noch im Vorstand war, weiß ich nicht, jedenfalls aber Wellek: als Schriftführer und als erster aus der alten Naziriege, doch "unbelastet", denn offiziell hatte er nicht einmal dem alten Nazivorstand angehört; er war aber über alles informiert und machte alles mit. Man konnte ihn nicht übergehen; er wußte zuviel. So war er 1939-45 eine Art geduldeter Stellvertretender Schriftführer; offizieller Schriftführer war Lersch.  

 

2. .....dann zuschlagen

Alles ging rasch, Schlag auf Schlag, wie nach Programm, wie generalstabsmäßig geplant: auf dem nächsten Kongreß, 1951, waren es schon der alten Kameraden zwei, die wieder im Sattel saßen: außer Wellek noch Lersch. Und damit war schon alles geritzt, und zwar so: noch war Kafka Vorsitzender, noch waren v.Allesch im Vorstand und der 1933 aus seinem Amt entlassene Bondy, der die Psychologen zum nächsten Kongreß nach Hamburg eingeladen hatte. (Es war und ist üblich, den Einladenden mit in den Vorstand aufzunehmen.)

Noch waren die alten Kameraden in der Minderzahl: 2:3, das wurde bald anders. Einer kam auf die hervorragende Idee, zwei Demokraten dadurch auszutricksen, daß der Vorstand Prof.Dr.jur. Richard Thurnwald zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychologie wählte. Es gab hierfür zwar keinen sachlichen Grund; Thurnwald hatte sich in keiner Weise um den Fortschritt der Psychologie verdient gemacht. Thurnwald war Ethnologe, in psychologischer Fachliteratur fand man ihn gelegentlich mit harmlosen Beiträgen, so etwa mit einem, den angeregt zu haben Obernazi Erich Jaensch sich als Ehre anrechnete. Auch auf dem 1948er Psychologenkongreß hatte er ein Referat gehalten. Aber Thurnwald hatte einen speziellen Vorteil: er war Rassenkundler. Thurnwald muß es verstanden haben, während der Nazizeit Rassenkunde auf wissenschaftlicher Basis zu betreiben, ohne seine Wissenschaft öffentlich in den Dienst des Nazi-Rassismus zu stellen, wie Sander es getan hatte. So hatte er 1945 auch keine Schwierigkeiten bekommen und konnte im Amt bleiben. Aus diesem Grunde war es 1951 nach außen hin auch unverfänglich, diesen verdienten Mann zum Ehrenmitglied zu machen.

Sein Nutzen lag darin, daß so bald nach dem Millionenmord an Juden die Wahl eines Rassenkundlers zum Ehrenmitglied einer Psychologengesellschaft bei einigen Leuten Widerstand erwecken mußte. Bei internen Diskussionen über dieses merkwürdige Wahlansinnen mußten sich im Vorstand sehr schnell harte Fronten ausbilden, mußte klar sein, daß zwei Vorstandsmitglieder ihre Posten zur Verfügung stellen würden, sollten die übrigen Vorständler diese Idee verwirklichen. Es muß zu einer Kampfabstimmung gekommen sein, obwohl Kampfabstimmungen in solch feinen Vorständen völlig unüblich sind. Es geschieht das genau Kalkulierbare: Thurnwald wird Ende 1951 zum Ehrenmitglied berufen, daraufhin zieht Bondy seine Einladung nach Hamburg zurück, womit er automatisch aus dem Vorstand ausscheidet. Von Allesch tritt ebenfalls aus und begründet seinen Austritt mit jener Wahl Thurnwalds. Siehe Nachrichten der DGPs. 

Damit ist der Weg frei für die beiden letzten alten Kameraden, denn im Restvorstand gibt es nun auf jeden Fall eine 2:1-Mehrheit für die Naziseilschaft: Wellek und Lersch, notfalls gegen Kafka. Der Vorstand ergänzt sich nun selbst (satzungsgemäß, will ich mal annehmen): Kamerad Wellek und Kamerad Lersch (Kafkas Stimme spielt keine Rolle mehr) kooptieren ihre Rest-Truppe aus der Nazizeit: Kamerad Kroh und Kamerad Undeutsch. So ist der alte Nazivorstand von 1940-45 wieder an der Macht: Kroh, Lersch und - als Platzhalter für Sander - Undeutsch, sowie "Schriftführerstellvertreter" Wellek, jezt zum "echten" Schriftführer avanciert. So zahlte sich die Vergasung von ein paar Millionen Juden in ganz unerwarteter Weise ein zweites Mal, jetzt einige Jahre danach, als der persönlichen Karriere deutscher Psychologen dienlich aus.

Albert Wellek, als ewiger Schriftführer sensibel für die Stimmung im Volk, fühlte, daß die Wahl Undeutschs in den Vorstand zur Vermeidung von Hochschullehrerunruhen besonders begründet werden müsse. Blieb Undeutschs Berufung zum Professor im Jahre 1951 schon unbegreiflich, noch unbegreiflicher wäre kurz danach - wir haben das Jahr 1952 - sein wirklicher Einzug in die herrschende Funktionärsschicht des Vereins gewesen. Wellek benannte sich ausdrücklich als Redakteur der DGPs-Nachricht: Undeutsch sei gewählt worden, weil er die Gesellschaft zum Kongreß nach Köln eingeladen habe.

Wie liebenswürdig von dem frischtalarierten Kölner Professor, so selbstlos gleich in die Bondy-Bresche zu springen. Die Psychologen erklärten sich schriftlich mit Köln als Kongreßort einverstanden. Und in Köln passiert nun das, worauf allein es ankommt: Sander wird wieder in den Vorstand gehievt und kann bald wieder seine Nützlichkeiten entfalten. Es genügt, ihn als einzigen Kandidaten vorzuschlagen, nein, es genügt nicht nur: es darf keinen Gegen- kandidaten geben; zu sehr würde dadurch die Gefahr heraufbeschworen, daß ein Mitbewerber den 1937er Naziartikel Sanders zur Sprache bringen ließ. Das muß unter allen Umständen vermieden werden. Und das schaffen die alten Kameraden, Mitwisser und Mitfälscher auch: keine Nazidiskussion, keine "Vergangenheitsbewältigung" in der deutschen Psychologie. Nur so können sie ihren Erpreßbaren zum einflußreichen und damit für sie nützlichen Präsidenten machen. 1953 avanciert der zum Vizepräsidenten und wird dreimal hintereinander, 1955, 1957 und 1959, zum Präsidenten "gewählt".

Ein Jahr später, 1960, wird er gestürzt. Wieso denn das? Doch davon später, verweilen wir vorerst noch im Jahr 1959, im Jahr des Graumanns.

Aus: Lothar Kleine-Horst (1998): "60 Jahre deutsche Psychologenmafia (1938-1998)". Köln: Enane-Verlag
(Teil 3, Kap. II, evt. mit Ergänzungen in eckigen Klammern aus 2006)

Zu Kapitel III:

"Carl Friedrich der Große"

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