III. Carl Friedrich der Große  

1. Die Graumänner, die nach den Braunmännern kamen

Carl Friedrich Graumann ist der Systematiker unter den deutschen Psychologenfälschern. 1985 lüftet er das Geheimnis seines Erfolgs. Zu der gleichen Zeit, als von meinem Buche "Die verhinderte Wissenschaft" der 2.Teil "Die Mitmacher" erscheint, in dem ich seine massiven Fälschungen der Psychologiegeschichte aufdecke, gibt auch der Psychologiegeschichtler Graumann ein Buch heraus: "Psychologie im Nationalsozialismus" (1985). In seiner Einleitung plaudert Prof.Graumann über frühe Übungen in seiner Studentenzeit:

"Wer wie der Verfasser als Studienanfänger der ersten Nachkriegsjahre wissen wollte, welches 'die Vergangenheit' seiner Professoren war, stieß doppelt ins Dunkle....Dem Topos der finsteren Zeit entsprachen aber auch die 'dunklen Flecken', die wir angehenden Psychologen in gewissen Druckerzeugnissen unserer Institutsbibliotheken fanden, besonders in den Reden, die 'namhafte' Vertreter des Faches auf Kongressen gehalten hatten. Selbstverständlich war für uns das Ausgeschwärzte, Herausgeschnittene, Überklebte das Interessantere als das der Nachwelt Erhaltene; hier sammelten wir erste Erfahrungen mit der Fernleihe..." (S.2)

Nun wissen wir es: systematisch durchforsteten er und andere Studenten der Nachkriegsgeneration die vitae ihrer Professoren nach "dunklen Flecken", man darf wohl sagen: nach "braunen Flecken". Nur von Graumann wissen wir, daß er einer jener Studenten war; die anderen haben geschwiegen.  

Vergangenheitsforscher Graumann wird in unerwarteter Weise fündig: er findet "dunkle Flecken" an den Westen seiner Professoren auch von ganz anderer Art, als er erwartet hatte. Graumann studiert in Köln bei der Dozentin Maria Krudewig Psychologie und promoviert 1952 bei ihr, 2. Referent ist Prof. Udo Undeutsch, der gerade eben, 1951, als apl. Professor nach Köln berufen worden ist. Da hat Graumann wieder einen, und ganz nah bei sich, dessen Vergangenheit er studieren kann. Der erste Griff zu "Kürschners Deutscher Gelehrten- Kalender", der soeben, 1950, in erster Nachkriegsausgabe erschienen ist, lohnt sich bereits: sein Professor Undeutsch hat eine sagenhafte Karriere hinter sich, ein Genie muß er sein: nur zwei Aufsätze gibt er an, die er in den 10 Jahren zuvor geschrieben hat, und mit denen er Dozent und nun auch Professor geworden ist; andere Veröffentlichungen Undeutschs mit wissenschaftlich zu nennendem Charakter konnte Graumann bei seinen Recherchen frühestens aus 1950 finden.

Ist einmal das Interesse an Undeutschs vita erweckt, aus welchem Grunde auch immer, findet man schnell die dunklen Flecken in seiner Vergangenheit. Geht Graumann dem Verweis Undeutschs auf den Ipsenbericht nach, entdeckt er, daß Undeutsch 1940 Sander eine Typologie andichtet, deren wesentlicher Typ nicht von Sander, sondern von Ipsen stammt. Geht er Undeutschs Literaturverweisen in dessen Aktualgenese-Bericht von 1942 nach, entdeckt er zum einen Sanders Fälschungen, zum anderen Undeutschs heimliche Kenntnis der Sanderschen Fälschungen und zum dritten Undeutschs Mitfälschungen im Sinne Sanders. Nur, was er nicht findet, ist eine Doktorarbeit des Prof.Dr.Udo Undeutsch. Aha, muß sich der junge Graumann sagen: so also macht man Karriere in der deutschen Psychologie, nun, das kann ich auch. Genau so also macht nun auch er Karriere in der Psychologie: er deckt - wie gelernt von Undeutsch - weder Sanders Fälschungen noch Undeutschs Fälschungen und mutmaßlichen Titelschwindel auf, steigt hingegen gleich eine Stufe höher auf in der Hierarchie der Fälscher, indem er sich zu Sanders Schüler macht; und Sander - gefundenes Fressen für einen karrierebewußten Dunkle-Flecken-Forscher - ist seit dem 1.1.55 Ordinarius und Institutsdirektor in Bonn und seit 1955 dazu noch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Die drei Fische an Graumanns Angel: der kriminelle Präsident Sander, der Schriftführer und Mitfälscher Albert Wellek sowie der mutmaßliche Titelschwindler und Mitfälscher Undeutsch: sie sind fest miteinander liierte Komplizen, und er selbst, Graumann, als Vierter nun mit in ihrem dunkelfleckigen Bunde.

Mit welch feinen Worten Graumann die Nazi-Psychologen geißelt, wie erhaben er sich über jene fühlt! Nein, mit den Nazis als Nazis, mit denen will er nichts zu tun haben; dieselben Nazis als erpreßbare Wissenschaftskriminelle: ja, die sind ihm als Förderer seiner Karriere durchaus angenehm.

2. Der Doktormacher

Graumann ist intelligent genug zu wissen, daß man die Nicht- Existenz einer Dissertation nicht einfach dadurch verschleiern kann, daß man die Dissertation als ungedruckt bezeichnet. Für einen Existenz-Nachweis bedarf es da schon besserer Tricks. Graumann (1959) kennt einen: er nimmt einfach die nicht-existente Dissertation von Undeutsch in die Hand und verweist zweimal (S. 423,433) auf sie, einmal sogar unter Angabe einer Seitenzahl. Für jedermann ist dies ein handfester Beweis, daß das als "Dissertation" bezeichnete Manuskript tatsächlich existiert und auch eine Dissertation ist, und zwar die gesuchte Undeutsch-Dissertation. Wer fragt schon danach, woher er, Graumann, denn dieses Ding eigentlich habe, wenn schon der Autor selbst es nie habe mit den entsprechenden amtlichen Vermerken vorzeigen können, aus denen hervorgeht, daß man dieses Manuskript als seine Dissertation bezeichnen dürfe.  

Da hat es im Jenaer Psychologischen Institut offenbar noch einen anderen Psychologiestudenten gegeben, den man - wie es aussieht - ohne großes Promotionsverfahren zum "Doktor" gemacht hat, einen gewissen "L.Heibert". Möglicherweise wußte auch er von Sanders Fälschungen und war in der Lage, Sander zu erpressen. Falls es sich tatsächlich um einen Titelschwindler handelt, mußte Sander interessiert sein, auch ihm nachträglich noch eine Dissertation zu verpassen. Graumann weiß, wie man das macht und besorgt auch diese: im selben Fälscherwerk (1959), in dem er Sanders Forschungssabotage ausbetoniert und an Undeutschs mutmaßlichen Dissertationsschwindel mitstrickt, führt er auch eine Arbeit von Heibert an, bei der es sich ausweislich seiner Angaben im Literaturverzeichnis um dessen Dissertation handeln soll: "Heibert,L.: Aktualgenese im Sehen bei geringen Helligkeiten (Unveröff.) Diss. Jena 1943." Im Jahresverzeichnis der deutschen Hochschulschriften ist eine solche Dissertation allerdings ebensowenig verzeichnet wie die von Undeutsch, auch keine ähnlichen Titels, überhaupt keine von einem Heibert einige Jahre vor bis einige Jahre nach 1943. Auch in der Bibliothek der Universität Jena gibt es eine solche Dissertation nicht; es gibt aber, anders als im Falle Undeutsch, auch keinen Heibertdissertationsinformationsservice, mit dem u.a. dargelegt würde, warum es ein Exemplar dieser Dissertation zwar mal gegeben habe, warum es aber jetzt nicht mehr zur Verfügung stehe. Da fragt man sich: woher hat denn Graumann die genauen bibliographischen Angaben für eine Dissertation, die doch offenbar bibliographisch nie erfaßt worden ist? Und/oder: wie ist er denn eigentlich an dieses Manuskript herangekommen, aus dem hervorgeht, daß es sich um eine Dissertation des L.Heibert handelt?

Und wieder steht in Voigts (1944) Habilitationsschrift wie schon im Falle des "Dr." Undeutsch ein verräterischer Hinweis: Voigt führt eine Arbeit von L.Heibert auf, allerdings mit anderem Titel: "Aktualgenese des Dämmerungssehens", auch in diesem Falle ist Voigt nichts davon bekannt, daß diese Arbeit eine Dissertation aus dem vorhergehenden Jahr des Dr.Heibert sein soll. So finden wir wie schon bei der nicht-existenten Undeutsch-Dissertation: kein Wort von "Diss", kein Wort von "Jena 1943", sondern auch hier nur in Klammern den Hinweis: "Erscheint demnächst".

Ich nehme an, daß die Doktormachung des Herrn Heibert durch Graumann eine Auftragsangelegenheit Sanders war, so wie Sander offenbar auch Undeutsch den Auftrag gegeben hatte, für ihn zu fälschen, etwa im Fall Ipsen, im Fall Wartegg und im Fall Krueger. Selbst wenn man annimmt, daß es diesen Heibert gar nicht gegeben hat, so war Sander dennoch an einer Dissertation mit jenem Thema interessiert, und zwar aus folgendem Grund: sein Schüler Mörschner (1940) war so kühn gewesen, klipp und klar eine theoretische Ansicht über die Aktualgenese vorzutragen, die der von Sander widersprach. Es war Sander zwar völlig klar, daß sich die Perzeptentwicklung in einer "logischen Ordnung" vollzog, wie er sich in seinem USA-Artikel (1930) ausgedrückt hatte, doch tat er alles, um dieses sein Wissen die deutschen Leser seiner Aufsätze nicht anmerken zu lassen. So redete Sander immerfort nur von den zu beobachtenden Verregelmäßigungen, Vereinfachungen, Symmetrisierungen. Mörschner aber wies nun deutlich auf die aktualgenetische Entwicklung zur Objektadäquatheit hin, auf einen endogenen "Kernverlauf" zur "Endgestalt". Diese widersprachen eindeutig Sanders Konzept von der exogenen Bedingtheit der Endgestalt. Mörschner hatte sogar die Dreistigkeit besessen, den endogen bedingten Kernverlauf als "das tragende Gerüst" aufzuweisen, das "die Gestalttendenzen in ihren Wirkungsmöglichkeiten beschränkt". Er bezeichnete diese Wirkungen der Gestalttendenzen als "mehr sekundärer Natur" gegenüber dem primär eine Rolle spielenden Kernverlauf (Kleine-Horst 1992a)

Nachdem Mörschner ein so deutliches Signal gesetzt hatte, sich dem Sanderunsinn nicht beugen zu wollen, war zu befürchten, daß andere Sanderschüler es ihm nachmachen würden und auf Mörschners Befunden weiter aufbauen könnten. Das durfte Sander nicht riskieren. So stoppte er 1940 sofort die gesamte - ohnehin nur zum Schein durchgeführte - Grundlagenforschung auf dem Gebiet der visuellen hologenen Aktualgenese. Es wurden auch keine weiteren aktualgenetischen Untersuchungen dieser Art von seinen Schülern in dem von Sander herausgebenenen "Archiv für die gesamte Psychologie" veröffentlicht. Die letzten Arbeiten incl. der Mörschner-Arbeit erwähnte Sander nur ein einziges Mal, und das auch nicht in einer in Deutschland erscheinenden Publikation, sondern in der im Ausland, in Athen, erscheinenden (und zu jener Zeit als ausländischer Literatur sehr schwer oder gar nicht mehr zugänglichen) Festschrift für einen Philosophen, die von Psychologen ohnehin kaum beachtet wird. Dort setzte Sander die Quellenangabe auch nur als Fußnote unter Angabe der von diesen Schülern bei ihren aktualgenetischen Untersuchungen angewandten Methoden und mit dem Hinweis, diese Arbeiten würden demnächst veröffentlicht. Eine dieser Arbeiten aber wurde nie veröffentlicht, es war die Arbeit, die Sander (1939) wie folgt angab: "Ch.Pao, Aktualgenetische Untersuchungen im Dämmerungssehen."( S.40)

Mit dem Ausfall dieser Arbeit fehlte Sander nun eine Untersuchung mit der Methode der Leuchtdichtesteigerung, angefangen mit sehr kleinen Leuchtdichten. Schon 1926 hatte Sander auf dem Internationalen Psychologenkongreß in Groningen ein Märchen erzählt, das jeden daran hindern sollte, sich ebenfalls mit dem so interessanten neuen Forschungsgebiet der "Aktualgenese" zu beschäftigen und ihm die Priorität streitig zu machen (die ohnehin nicht er, sondern Wohlfahrt besaß): er trug bezüglich der Aktualgenese vor, es lägen "zahlreiche, schon vor Jahren abgeschlossene, bis heute, 1926, noch unveröffentlichte Untersuchungen im Leipziger Psychologischen Institute" vor. (Sander 1928, S.57). Er nannte vier hierbei angewandte aktualgenetische Untersuchungsverfahren. Wegen Ausfalls der Pao-Arbeit hatte er bis 1940 tatsächlich aber nur drei dieser Verfahren anwenden lassen. Also muß eine andere Arbeit mit dem vierten Untersuchungsverfahren - egal wie und mit welchen Methoden - herbeigeschafft werden. Kommt Graumann, kommt Rat. Der bekannte Graumann (1959) also erschafft eine Dissertation jenes gewissen L.Heibert mit den gezinkten bibliographischen Angaben "L.Heibert. Aktualgenese bei geringen Helligkeiten. (Unveröff.) Diss.Jena 1943". Diese setzt Sander bei seinem 1962er Abdruck seines Athener Aufsatzes nun an die Stelle des nicht-existenten Pao-Aufsatzes von 1940, ganz stickum und ohne Kommentar. Er weiß ja seit seiner Abdruckfälschung von 1932: kein normaler Psychologe vergleicht Original und "Abdruck".

Als ich meinen Zeitzeugen fragte, ob es im Jenaer Psychologischen Institut einen "L.Heibert" gegeben habe, konnte der sich sofort erinnern: "Ja, der Doktor Heibert!" (Von einem "Doktor" Heibert hatte ich nicht gesprochen). Das "L" soll "Ludwig" oder "Lutz" heißen. "Dr." Heibert soll im Kriege Offizier gewesen sein und nach dem Krieg in der Bundesrepublik gelebt haben und evt. heute noch leben. Da muß Graumann ein Fehler unterlaufen sein: er verpaßt Heiberts "Dissertation" die Jahreszahl 1943, die Erinnerungen meines Zeitzeugen an den "Dr. Heibert" beziehen sich aber auf die Jahre 1941/42.

 

3. Der Literaturwegmacher

So wie der Zauberer Graumann karriereförderliche Literatur herbeizaubern kann, so kann er auch karrierehinderliche Literatur wegzaubern. Letzteres schien nach dem Kriege nötig, da aus Johannes Voigts (1944) Habilitationsschrift dreierlei hervorzugehen scheint: 1. daß Präsident Sander 1944 in einem erneuten rabiaten Angriff auf die Wissenschaft aus Voigts Manuskript den für seine eigene Theorie gefährlichen Theoretischen Teil gleichsam herausgerissen, ehe er sie als Habilitationsschrift angenommen hatte; 2. daß des bekannten und sehr erfolgreichen Kölner Gerichtsgutachters und Sander-Schülers Prof. Dr. U. Undeutschs "Dissertation" keine war; und 3. daß des Sander-Schülers L.Heibert "Dissertation" keine war.

Zum Thema von Graumanns (1959) Sammelreferat über Aktualgenese gehört auch die Aktualgenese beim Denken. Der Autor verweist auf 9 Arbeiten zu diesem Thema, nur eine von ihnen hebt er heraus, ausgerechnet diejenige, von der er mitteilen muß, sie sei "nicht nur unveröffentlicht, sondern blieb auch unzugänglich" (S.428): die Habilitationsschrift von J.Voigt. Dann zitiert Graumann eine Stelle aus einer anderen Arbeit von Voigt und äußert die Vermutung, ihr könne man entnehmen, was der Autor in jener unzugänglichen Arbeit mitgeteilt habe. Da sagte ich mir: wenn es von demselben Autor zwei Arbeiten A und B gibt, in denen er etwas über das gleiche Thema berichtet, und A steht zur Lektüre nicht mehr zur Verfügung, ist für die Wissenschaft sozusagen nicht mehr existent, dann muß man sich eben mit dem begnügen, was der Autor in der Arbeit B über dieses Thema sagt; wie kann man denn vom Inhalt der Arbeit B auf den Inhalt der Arbeit A schließen? Einem Mann wie Graumann, der sich mir mit seinem Fälschungswerk bereits als hochintelligent erwiesen hatte, traute ich solchen Fehlschluß nicht zu, und ich fragte mich gleich: welchen Sinn soll dann eigentlich dieser Unsinn des absichtlichen "Fehlschlusses" haben?

Schon am nächsten Tag erhielt ich aus Jena - ich hatte schon vergessen, sie bestellt zu haben - die Habilitationsschrift von Voigt und fand jene drei oben geschilderten interessanten Hinweise. Eine weitere Überraschung: mir war diese Schrift zugänglich und Graumann nicht? Noch mehr: just in derselben Sander-Festschrift, in der Graumann die Unzugänglichkeit der Voigtschrift über die Aktualgenese des Denkens beklagt, erscheint von demselben Autor, Joh.Voigt, (1959) ein Beitrag über die "Aktualgenese des Denkens"! Welch ein Zufall! Und was enthält dieser Artikel? Die Zusammenfassung der experimentellen Ergebnisse der "unzugäng- lichen" Habilitationsschrift von 1944, die "aus äußerlichen ungünstigen Umständen nicht zur Veröffentlichung" (S. 496) gekommen ist. Welch schönes Geburtstagsgeschenk für Sander!

Nun hatte meine Ehefrau auch mir ein schönes Geburtstagsgeschenk gemacht: einen Sammelband über "Denken", herausgegeben von C.F. Graumann (1965). Dieses Buch blätterte ich ein bißchen durch, dabei fand ich am Ende eine Bibliographie von Graumann mit über 550 Titeln über das Thema "Denken". Voigts Festschriftbeitrag von 1959 ist auch dabei, nicht dagegen seine Originalarbeit von 1944. Das fand ich merkwürdig. Noch etwas fand ich merkwürdig: Voigt selbst spricht zwar in seinem 1959er Beitrag von seiner Habilitationsschrift, führt sie aber im Literaturverzeichnis nicht auf. Wer also über Graumanns Bibliographie weitere Literatur über "Denken" sucht, erreicht Voigts Originalarbeit von 1944 nicht. Nun kombinierte ich: Graumann erklärt diese durchaus zugängliche Arbeit als unzugänglich, berichtet dann mit einer bemerkenswerten Begründung über ihren mutmaßlichen Inhalt, so daß nur noch wenige Interessenten einen Sinn darin sehen können, es dennoch zu versuchen, sich die Schrift aus Jena kommen zu lassen. Darüberhinaus liefert der unzugängliche Autor für die Sander-Festschrift einen 10 Seiten langen Bericht über seine damaligen Untersuchungen incl. der Ergebnisse "der in den seither vergangenen 15 Jahren fortlaufend weitergeführten denkpsychologischen Untersuchung" (S.496) - da erübrigt sich ja nun wirklich die Lektüre dieser offenbar überholten 1944er Befunde; man kann sie getrost "vergessen". Und dies ist ja auch geschehen: kein Mensch scheint je diese Arbeit zitiert zu haben. Die verräterische Habilitationsschrift - Graumann sei Dank - ist aus dem literarischen Verkehr gezogen - Sander ist gerettet.

Was war denn eigentlich in den Voigt gefahren: hat er in der Tat mitgeholfen, seine Originalarbeit von 1944 unauffindbar zu machen? Hatte man vielleicht ihm, dem früheren Assistenten Sanders, einen kleinen Deal angeboten: wenn er dies schreibe und jenes nicht, dann würde er bei Sander in Bonn Dozent oder später in Heidelberg Ruderts Nachfolger? Wenn Voigt ein solches Spiel mitgespielt haben sollte, dann hätte er aber einen schweren taktischen Fehler gemacht: er hätte nach der Devise handeln sollen: erst die Ware, dann das Geld. So wie es Undeutsch gemacht hatte: erst ließ der sich 1951 selbst zum Professor machen, danach machten er und seine Nazikameraden ihren erpreßbaren Stellv. Vorsitzenden 1955 zum Ordinarius in Bonn und "wählten" ihn ab 1955, dreimal nacheinander, zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. So haben sich des Dunkle-Flecken-Forschers Graumann Fälschungen zugunsten der Altnazis Sander und Undeutsch und somit für ihn selbst gelohnt: 1963 erhielt er den durch Emeritierung des Ganzheitspsychologen Rudert in Heidelberg freigewordenen Lehrstuhl, der praktisch durch Sander, dem damaligen "Haupt" (Wellek) der Genetischen Ganzheitspsychologie, zu besetzen war. 1968 bekam Prof. F. E. Weinert den 2. Heidelberger Lehrstuhl. 1969 meldete sich Voigt aus der DGPs ab und gab dies - ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang - in den "Nachrichten" der DGPs bekannt.

Aus: Lothar Kleine-Horst (1998): "60 Jahre deutsche Psychologenmafia (1938-1998)". Köln: Enane-Verlag
(Teil 3, Kap. III, evt. mit Ergänzungen in eckigen Klammern aus 2006)

Zum Kap. IV:

"Wellek Wellek über allem"

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