IV. Wellek Wellek über allem

 1. Als Fahnenträger

Undeutsch hatte - wie berichet - einen guten Freund und Komplizen, mit dem er schon Jahre zuvor Umgang gepflegt hatte: Prof. Dr. Albert Wellek. Der war der erste, der - schon 1941 - in Freund Undeutsch einen "Doktor" erkannte und denselben 1953 wieder erkannte. Und er war der erste, der auf literarischem Wege seinem Freund Undeutsch mitteilten konnte, welchen genauen Titel seine Dissertation habe, und aus welchem Jahr sie stamme, so daß der Dr. Undeutsch und andere Autoren von nun an seine Dissertation richtig zitierten konnten, so wie es sich in der Wissenschaft ja auch gehört.

Auch Graumann hatte Wellek als Komplizen: denn der packte Graumanns Fälscherwerk 1959 in die von ihm zusammengestellte Festschrift zu Sanders 70. Geburtstag. Die Zusammenarbeit in der Fälscherbande klappte also ausgezeichnet. Auch für Sanders Forschungssabotage und Fälschungen stand außer Undeutsch und Graumann auch Kamerad Wellek, Fahnenhochhälter der Schule der Genetischen Ganzheitpsychologie, als schweigender Mitwisser und Mitfälscher zur Verfügung. Das heißt: im strengen Sinne war Wellek nicht Mitfälscher; er stand zum Fälscher in dem gleichen Verhältnis wie der Hehler zum Dieb. So wie der Hehler das Diebesgut unter die Leute bringt, brachte Wellek das Fälschungsgut unter die Leute, sofern es der Fälscher selbst nicht schon besorgte.

Bei Wellek als ewigem Schriftführer der Deutschen Gesellschaft für Psychologie liefen alle Fäden, alle Nachrichten aus der deutschen Hochschullehrerschaft in der Psychologie zusammen - während des Krieges ebenso wie in den ersten 15 Jahren nach dem Krieg. Ohne Wellek läßt sich die Nachkriegsentwicklung der deutschen Psychologengesellschaft nicht recht verstehen, darum hier einige weitere Informationen zur Frage, um welche Art von Zeitgenossen es sich bei diesem Manne handelte, der praktisch zwei Jahrzehnte lang gemeinsam mit dem Fälscher Sander der "Führer" der Deutschen Gesellschaft für Psychologie war.

Auch der Psychologiehistoriker Geuter (1980) war mit der Mentalität dieses Menschen konfrontiert, als er sich mit der Nachkriegs-auseinandersetzung Welleks mit F.Merz bezüglich eines Artikels im Ostberliner "Forum" beschäftigte. "Wellek ...verquickt in unlauterer Weise die Ausführungen von Merz mit dem Aufsatz des Forum" (S.25), heißt es bei ihm, und er resümiert schließlich:

Von der Integrität Wellekscher Auseinandersetzung ist nicht nur dann nichts zu halten, wenn es um die Nazivergangenheit der Psychologie und damit der Psychologen geht; in der gleichen unlauteren Weise wie im Falle Merz ging Wellek auch mit der Kritik anderer um. So wie Wellek (1960) die eigentliche Merz-Kritik an Sanders Nazi-Artikel von 1937 ("Eine so ausdrückliche Vermischung zwischen Wissenschaft und Weltanschauung", Merz 1960) ignorierte, so hatte er auch die Kritik von Linschoten (1959) an Sanders aktualgenetischer Theorie ignoriert (Kleine-Horst, 1992a, S.198f).

Des weiteren: viele Psychologen verstanden die Gestalt- und Ganzheitspsychologie Leipziger Prägung nicht, die, wie gezeigt (Kleine-Horst 1992a, S.95ff) von Sander absichtlich vernebelt wurde.

Wellek macht sich über "die nicht enden wollenden Klagen über die 'Unverständlichkeit' der Struktur- und Ganzheitspsychologie" (Wellek 1954, S.58) lustig und nennt dies einen "ironischen Kommentar": sogar vierte und fünfte Semester würden sie ausweislich ihrer Prüfungsleistungen verstehen. "Wenn Lehrlinge es schaffen - warum nicht Gesellen und Meister?" (Wellek 1953, S.9). Der Fahnenhochhälter kennt keine Hemmungen, Kritik, die ihm nicht paßt, aus dem Zusammenhang zu reißen und verfälscht wiederzugeben. So fährt er in seiner Klagen-Klage fort, indem er sich ausdrücklich auf Rohracher (Rohracher 1953, S.56f), der das Gestaltgeschwätz der Leipziger Ganzheitspsychologen ebenfalls nicht versteht, bezieht:

Doch genau diese Gestalttheoretiker der Berliner Richtung hatte Rohracher gleich auf der nächsten Seite aus seinem Vorwurf ausdrücklich ausgenommen: er akzeptierte durchaus den "Ganzheits"-Begriff, "sofern man ihn naturwissenschaftlich faßt", wie dies in der "Gestalttheorie" geschieht. Ja, Rohracher nahm zwei Seiten weiter (S.58) ausdrücklich Wertheimer und Köhler unter Nennung ihrer Namen aus dem Vorwurf unklarer Vorstellungen heraus. Den Fahnenhochhälter kümmert das nicht.

 

2. Als Mitfälscher

Bei einem solchen sogen. "Wissenschaftler", für den die wissenschaftliche Wahrheit drittrangig ist, wenn es um handfeste Eigen- und Gruppen- (sprich: Schul-) Interessen geht, wundert nun nicht mehr zu erfahren, daß er seine wissenschaftliche Nachwelt mit voller Absicht auch über seine Mitwisserschaft an Sanders Forschungssabotage und Fälschungen täuschte und durch sein Schweigen Sanders Wissenschaftsbetrug und Sabotage mittrug.

Besonders vom Jahre 1954 an, nachdem kurz zuvor Schriftführer Wellek und seine alten Kameraden aus der Nazizeit den Fälscher Sander zu ihrem Vizepräsidenten gemacht hatten, der im darauffolgenden Jahr wieder ein Ordinariat erhält, strengt Wellek sich an, seinen Präsidenten als den Großen in der Genetischen Ganzheitspsychologie hochzustilisieren. Mehrmals betont er wider besseres Wissen Sanders Begründerschaft an der Aktualgenese: Sander habe den Gesichtspunkt der Aktualgenese entdeckt und habe die aktualgenetische Methode entwickelt (Wellek 1954, S.9; 1967,S.394); und "nach einer von Sander entworfenen Theorie durchlaufen indes alle Gestalten eine aktuelle Entwicklung oder 'Aktualgenese' " (Wellek 1969, S.62). Den wahren Begründer von Gegenstand und Methode der Aktualgenese, Erich Wohlfahrt, erwähnt er nicht ein einziges Mal.

1959, im Jahre des Graumanns, signalisiert endlich auch Wellek seine Fälschungskenntnis: in einer kleinen bescheidenen Fußnote (Wellek, 1959b, S.725), deren Bedeutung nur Insider kennen wie Freund Undeutsch, Graumann, Sander und all die anderen, denen inzwischen Sander als Fälscher bekannt ist - und die allesamt schweigen.

Es ist der gleiche Fußnotenhinweis, den schon Undeutsch 1942 Sander gegeben hatte, um ihm seine Fälschungskenntnis mitzuteilen: der Hinweis auf jene verräterischen Seiten von Sanders USA-Artikel und des gezinkten deutschen "Abdrucks" - als sein Signal an Sander, daß auch er, Wellek, sehr genau Sanders wirkliches Wissen um die Bedeutung der Aktualgenese kenne. Wellek nennt sogar noch einen zweiten "Abdruck" desselben Artikels, den es z.Z. des Undeutsch-Aufsatzes noch nicht gab: "Sonderdr. Weida 1943, S.11" (Wellek 1959b, S.725, Fußnote). Mit diesem Hinweis auf den Sonderdruck beweist Wellek seine Kenntnis der Tatsache, daß Sander 11 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen der Abdruckfälschung dieselbe Fälschung in einer Neuauflage wiederholte. Es handelt sich bei dem Sonderdruck nicht etwa um einen Abdruck des damaligen Satzes; der ganze Text wurde vielmehr neu gesetzt. Sanders Stellung im Nazi-Staat und in der NS-Psychologenschaft war 1943 so gefestigt, daß er sich diese Dreistigkeit erlauben konnte. Und Welleks, Undeutschs und Graumanns moral insanity war so gefestigt, daß sie 1959 diese erneute Blockierung der internationalen psychologischen Forschung akzeptieren und sich ins Fäustchen lachen konnten, Sander nun endlich auch noch ihr Wissen über diese seine erneute Fälschung gesteckt zu haben.

 

3. Als Rattenfänger

Redlichkeit ist Wellek selbst dann nicht zu unterstellen, wenn man annimmt, er habe erst 1959 von Sanders Gaunereien erfahren, dem Jahr, in dem er Sander seine Mitwisserschaft in einer Fußnote signalisiert. Denn in diesem Falle würde er - als Redlicher - niemals Graumanns Fälschung mit in die Festschrift aufgenommen haben, und würde er nicht mehr Sander die Aktualgenese-Begründerschaft zuerkennen. Doch beides geschieht.

Ein Drittes geschieht: so wie Undeutsch in seinem 1942er Fälscherwerk zur Ehre seines Chefs Sander auf diesen zugleich eine Lobeshymne anstimmt, so auch Wellek: in seiner der Sander- Festschrift vorangestellten "Widmung" (Wellek 1959a) steckt er Sander seine Mitwisserschaft, und gerade jetzt zieht er mit Lobpreisungen des Herrn so richtig vom Leder. Nie hat Wellek jemanden so besungen wie ausgerechnet jetzt Sander. "Exakteste Kleinarbeit" dichtet er ihm an - schon Undeutsch hatte sie bewundert - und er hat auch recht, bedenkt man, mit welcher Akribie Sander die wissenschaftliche Welt daran hinderte, Wohlfahrts Dissertation zu lesen. "Wissenschaftliche Strenge und Kritik" sagt Wellek Sander nach, von dem er weiß, daß er zweimal statt eines tatsächlichen Abdrucks ein Falsifikat verkaufte.

Ja, sogar als den "Inbegriff eines Gestaltgenetikers" bejubelt Wellek den, von dem er weiß, daß er die Erforschung der Gestaltgenese seit Jahrzehnten sabotiert. Und verkauft diesen Mann den deutschen Studenten als Vorbild,

sowohl im Leben:

als auch im Tode:

"der letzte 'grand old man' der ...Psychologie ist dahingegangen,...der letzte Große einer exakten psychologischen Phänomenologie." (1972b, S.376)

Über Welleks Hymnen müßte man lachen, könnte man den Sänger für einen blauäugigen Jungen halten. So aber klingen sie wie Flötentöne eines Rattenfängers, der die deutsche "begabte Jugend" - wieder einmal - einem kriminellen "Führer" in die Arme treibt - und in die eigenen. Denn der eigentlich Mächtige ist ja nicht Präsident Sander, sondern ist der Schriftführer Wellek mit seinen Komplizen Graumann, Undeutsch und Konsorten, die ihre erpreßbare Vorstandspuppe tanzen lassen.

Aus: Lothar Kleine-Horst (1998): "60 Jahre deutsche Psychologenmafia (1938-1998)". Köln: Enane-Verlag
(Teil 3, Kap. IV, evt. mit Ergänzungen in eckigen Klammern aus 2006)

Zu Kap. V:

"Die Machtübernahme der Dunkle-Flecken-Forscher"

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