Aus

Lothar Kleine-Horst:
"Evolutionär-psychologische Theorie des Sehens. Auftakt zu einem neuen wissenschaftlichen Weltbild." Köln 1992 (Teil 5 IV)

 

Die Rolle der Aufmerksamkeit in Wohlfahrts Vorgestaltenreihe

 1. Beziehung zwischen der Entwicklung von Außenkontur
und Binnenkonturen

 Es ist aus dem Aktualisierungsschema unschwer zu  erkennen, dass die erste Regression der Außenkontur dann auftrat, als die l. Binnenkontur erschien, und dassdie 2. Regression der Außenkontur mit dem Auftreten der 2. Binnenkontur verbunden ist. Es liegt nahe, das Inerscheinungtreten der neuen, bisher nicht wahrgenommenen, Binnendetails als Ursache  für die Regression der Aktualisierung der die Wahrnehmung der Außenkontur bedingenden Gestaltfaktoren anzunehmen. Wie aber könnte man diese Beziehung erklären?

Es gibt eine ganz plausible Begründung: nach einem der soeben aufgeführten Aufmerksamkeitsgesetze wendet man seine Aufmerksamkeit um so mehr von einem Gegenstand ab, je mehr man sie einem anderen Gegenstand zuwendet.  So  ist es auch hier: sobald im Infeld der wahrgenommenen Figur eine Binnenkontur in Erscheinung tritt, wendet sich die Aufmerksamkeit ihr unwillkürlich zu. Da die Vp die gesamte Figur ohnehin schon sehr aufmerksam betrachtet, heißt dies, daß der "Enge des Bewußtseins" wegen eine Vermehrung der Aufmerksamkeitszuwendung auf einen bestimmten Figurbezirk nur erfolgen kann, indem Aufmerksamkeit von allen anderen Figurbezirken abgezogen wird. Diese "anderen" Bezirke sind in diesem Falle die Außenkontur; sie gehört zu ihnen um so mehr, als die Aufmerksamkeitszuwendung einen räumlichen Gradienten besitzt: die mit der Vermehrung der Aufmerksamkeitszuwendung auf einen Bezirk verbundene Aufmerksamkeitsabwendung von anderen Bezirken betrifft einen Bezirk um so stärker, je weiter weg vom Aufmerksamkeits-(meist Blick-)zentrum er liegt.

Wir können also die Aufmerksamkeitszuwendung bzw. -abwendung als einen neuen Faktor in die visuelle Gestaltwahmehmung einführen. Die Aufmerksamkeitszuwendung ist allerdings keine funktionale, auch keine phänomenale, sondern eine "dynamische"  Gegebenheit, was immer dies auch heißen mag. Sie ist nicht wie die funktionalen Wahmehmungsfaktoren einer bestimmten funktionalen Hierarchiestufe zuzuordnen, sondern sie ist ein hierarchiestufenunabhängiger Wahrnehmungsfaktor.

Man kann die Aufmerksamkeitszuwendung in gewissem Maße "spüren": als ein Anstrengungsgefühl. Doch ist dieses Gefühl nicht wesentlich für die Wirkung der Aufmerksamkeitszuwendung; bei der so genannten "unwillkürlichen" Aufmerksamkeitszuwendung beispielsweise ist ein Anstrengungsgefühl nicht vorhanden. Man kann dieses Gefühl aber vielleicht als eine "phänomenale Repräsentation" der Aufmerksamkeitszuwendung bezeichnen. 

Die Beziehung zwischen Aufmerksamkeit und Aktualisierung von Faktoren ist folgende: Aufmerksamkeitsabwendung von der Reizquelle wirkt im Sinne einer Erhöhung der Aktualisierungsschwelle und damit im Sinne einer Regression der Gestaltfaktoren, mit denen diese Reizquelle wahrgenommen wird, also im Sinne einer Entdifferenzierung des Perzeptes. Umgekehrt: Aufmerksamkeitszuwendung auf eine Reizquelle wirkt im Sinne einer Erniedrigung der Aktualisierungsschwelle und damit im Sinne einer Progression der Aktualisierung der Gestaltfaktoren, mit deren Hilfe die Reizquelle wahrgenommen wird, also im Sinne einer Differenzierung des Perzeptes. Ob es sich um willkürliche oder um unwillkürliche Aufmerksamkeitszuwendung handelt, spielt dabei keine Rolle. Die Erhöhung bzw. Erniedrigung der Aktualisierungsschwelle kann man daher als eine "funktionale Repräsentation" der dynamischen Gegebenheit "Aufmerksamkeit" ansehen  Es gibt auch "materiale Repräsentationen" der Aufmerksamkeitszuwendung; sie sind das einzige, was die Physiologen von der Aufmerksamkeit kennen.

Bei der Interpretation von Wohlfahrts Vorgestaltenreihe hatten wir eine dreimalige Abweichung von der theoretischen Erwartung der Aktualgenese der Außenkontur festgestellt (S. 271). Mit Hilfe unserer Alltagserfahrung mit der Aufmerksamkeit können wir nun auch diese Abweichungen erklären: durch unwillkürliche Aufmerksamkeitsabwendung von der Außenkontur infolge unwillkürlicher Aufmerksamkeitszuwendung auf die Binnenkonturen: beim Erscheinen der Binnenkonturen entdifferenziert sich die Außenkontur.

 2. Der Ausfall von Figurteilen

Nun möchte ich Ihnen noch diejenigen Vorgestalten der Wohlfahrt-Reihe vorstellen, von denen ich bereits berichtet habe, dass Sander sie in seinem Kongressbericht nicht mit abgebildet hatte - ohne auf diese Unterlassung hinzuweisen. Auch ich habe sie in meinem Aktualisierungsschema nicht berücksichtigt; sie können als Variationen anderer, abgebildeter, Vorgestalten gelten und blieben fort, um das Verlaufsbild nicht unnötig zu komplizieren. Dennoch halte ich auch diese Varianten für theoretisch bedeutsam. Da Ot. sie zwischen als die hier unter Nr. 6 und 7 aufgeführten Vorgestalten gezeichnet hatte, nummeriere ich sie mit 6a, 6b und 6c (Abb.5-3).

Abb. 5-3.  Variationen von Vorgestalten durch Ausfall von Figurteilen und durch Verzerrung

Es ist unschwer zu erkennen, dass 6a dem Stadium 6 entspricht; es fehlt lediglich die Linie 5-6. Dieselbe Linie fehlt auch in 6b, die ansonsten der Vorgestalt Nr.7 entspricht. Man könnte  auf ersten Anhieb vermuten, dass solche "Ausfälle" auf Zufall beruhen, etwa dadurch verursacht, dab die Vp unter schwierigen Beobachtungsumständen die Linie "übersehen" habe. Dieser Vermutung stehen die tatsachlichen Versuchsbedingungen entgegen: die Vpn hatten Zeit genug sowohl für ihre Beobachtung als auch für die Zeichnung selbst. Auf der anderen Seite scheint  "Ot" ein ziemlich flotter Kerl gewesen zu sein; Wohlfahrt berichtete, die Zeichnungen von Ot seien "nach einer extrem kurzen Betrachtung des Objektes angefertigt" worden .- ,,Die momentan konzipierten Gestalten werden oft schon gezeichnet, bevor sie eigentlich beschrieben werden können." (S. 413) Hiernach ist im Falle dieser Vp ein "Übersehen" durchaus möglich. 

Aber selbst die Richtigkeit dieser Vermutung unterstellt, so ist doch interessant, dass ein Teil der Außenkontur gerade an denjenigen Stellen "übersenen" wird, nämlich "ausbricht", an denen er an andere Konturteile "ansetzt". Wir können also annehmen, daß jeder der fünf Konturteile eine gewisse Selbständigkeit besitzt. Diese Selbständigkeit imponiert uns ja auch phänomenal: wir beschreiben die Figur als aus fünf Konturlinien "bestehend". Dieser phänomenalen Selbständigkeit muß nach der Theorie auch eine relative funktionale Selbständigkeit entsprechen: die Gesamtfigur scheint phänomenal und funktional aus Einzellinien "zusammengesetzt" zu sein.

 Es liegen nun Forschungsergebnisse aus den USA vor, nach denen unter anderen Versuchsbedingungen ebensolche Ausbrüche ganzer Konturglieder beobachtet wurden. Man hat kleine Apparate konstruiert und auf der Hornhaut des Auges angebracht. Diese Apparate bewirkten eine "Stabilisierung" der Netzhautbllder. Die Augen befinden sich nämlich in einer ständigen "Zitterbewegung", die willkürlich nicht oder nicht ganz zu unterdrücken ist.  Infolge dieser Bewegungen "wischen" die Umweltbildchen dauernd über die Netzhaut hin und her. Diese als "physiologischer Nystagmus" bezeichneten Bewegungen sind zum normalen Sehen offenbar unbedingt nötig. Gleicht man sie nämlich durch ein optisches System - eben jene Apparate - aus, so dass trotz Augenbewegungen jeder Reiz stets auf dieselbe Netzhautstelle fällt, dann kann man nach kurzer Zeit nichts mehr wahrnehmen. Zu Beginn dieses schließlich zum völligen Abbau der Wahrnehmung führenden Prozesses, so beobachteten die Wissenschaftler, kam es zu den berichteten Ausfällen von Konturteilen (Pritchard, Heron, Hebb 1960). Einige Forscher glaubten, diesen Ausfall als eine technische Panne erklären zu können, etwa dadurch hervorgerufen, dass die Apparate nicht so recht auf der Netzhaut festsäßen. 

Da Wohlfahrt ohne solche technischen Hilfsmittel arbeitete und trotzdem solche Ausfälle zu beobachten waren, scheint es sich doch um gesetzmäßige, mit der visuellen Wahrnehmung selbst vebundene, Erscheinungen zu handeln und nicht um Artefakte. Erklärt ist damit der Ausfall nicht, doch als theoretisch relevant erkannt.

Übrigens kann der totale Ausfall der Wahrnehmung bei Stabilisierung der Netzhautbilder alls der "Lebenserfahrung" eines jeden erklärt werden: "mit der Zeit" lässt die Aufmerksamkeitszuwendung immer mehr nach;  Verminderung der Aufmerksamkeitszuwendung - man kann auch sagen: Erhöhung der Aufmerksamkeitsabwendung - hat eine Regression der Aktualisierung der Gestaltfaktoren zur Folge, als deren letzte Konsequenz die Entaktualisierung auch des untersten Faktors "Hier ist was Helles" erfolgt. In Nr.6 der Schriftenreihe wird eine solche "Gestaltauflösung durch konzentrative Aufmerksamkeitsabwendung" berichtet und theoretisch interpretiert werden.

 

3. Blickpunktabhängige Gestaltungen

Es bleibt noch die Interpretation der Figur 6c übrig. Man kann 6c als ein "endgestaltnahes" Gebilde interpretieren, das gegenüber der Reizvorlage dadurch formativ verzerrt ist, daß die Versuchsperson die Ecke 5 anblickt. 

In diesem Falle nämlich sind die Ecken 1 und 4-7 vom Blickpunkt weiter entfernt. Wir wissen aus unserer Alltagserfahrung mit der Aufmerksamkeit, daß wir in der Nähe des Blickpunktes am deutlichsten, d.h.am differenziertesten, sehen. Je weiter weg vom Blickpunkt eine Reizquelle liegt, desto weniger differenziert wird sie wahrgenommen. Die Abwendung der Aufmerksamkeit von diesen Ecken (infolge zufälliger Blickfixierung von 5) kann bewirken, daß die Lücken in 1 und bei 4 nicht gesehen werden; sie "schließen" sich formativ. Auch der Gestaltfaktor "M" wird formativ aktualisiert, so daß sich die Längen der Linien 1, 2 und 3 einander angleichen. 

Die Lücke an der angeblickten Ecke 5 wird dagegen sehr deutlich, ja sogar vergrößert, gesehen. Eigentlich muß man nach allem bisher Gesagten annehmen, daß im Falle hoher Aufmerksamkeitszuwendung die Reizquelle relzadäquat wahrgenommen wird, das würde in diesem Falle die Größe der Lücke betreffen. Hier ist also wieder ein Fall gegeben, in dem die Fakten der theoretischen Erwartung nicht entsprechen, genauer gesagt: nicht der Erwartung der Theorie in ihrer bisher dargestellten Differenzierung. 

Wenn schon die Öffnung bei 5 vergrößert wahrgenommen wird, dann bedeutet dies zugleich, daß die Linie 6-5 wegrückt. Rückt sie aber vom Blickpunkt fort, dann ist auch verständlich, daß Gestaltfaktoren nicht reizadäquat, sondern formativ wirken, nämlich der Faktor "F" im Sinne einer Schließung der Linie 6-5 mit der Linie 6-7: wobei ein Dreieck entsteht. Dieses Dreieck ist jedoch deutlich kleiner als das Dreieck, das sich als eine Schließung der Linien Nr. 6-5-4-7 der Vorlagefigur ergeben würde. Auch diese Kleinheit ergibt sich aus jenem bestimmten Gestaltgesetz, das später vorgestellt wird. An dieser Stelle soll nur darauf hingewiesen werden, daß die Gestaltung, die man wahrnimmt, auch vom Blickpunkt abhängt. Diese Aussage betrifft nicht nur die insgesamt  geringere Differenziertheit der Wahrnehmung peripherer dargebotener Reizmuster, sondern auch "Verzerrungen" innerhalb eines Perzeptes infolge partieller Regression der Aktualisierung von Gestaltfaktoren durch peripher auftreffende Teile von Reizmustern. 

Mehr will ich mich über diese Sache nicht äußern, ich denke, ich habe Ihnen ohnehin schon allerhand zugemutet, weitere Interpretationen werden jetzt selbst mir zu spekulativ, und das will schon was heißen.

Weniger spekulativ erscheinen mir dagegen Hypothesen über die Abhängigkeit der Aktualgenesen außersinnlicher visueller Perzepte vom Blickpunkt des "Hellsehblicks" (Kleine-Horst 1987b).

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