Die Mitmacher

Das Plagiat des Dr. U. Undeutsch (ab 1951 Prof. in Köln)
und die Geschichtsfälschung des Geschichtsforschers
Dr. C. F. Graumann (ab 1963 Prof. in Heidelberg)

 Leseproben aus: L.Kleine-Horst (1992): Die verhinderte Wissenschaft.
Ein Gaunerstück aus der deutschen Psychologie
. Teil 2

"Ich bedachte aber auch die Möglichkeit, daß ein Mann wie Sander sich Mitwissern gegenüber erpreßbar machte. Das Verschweigen der Mitwisserschaft durch Undeutsch und Graumann würde daher auch dem Kalkül entsprungen sein können, die Mitwisserschaft, statt sie zu publizieren, lieber zur Erlangung persönlicher Vorteile zu nutzen.... So unterzog ich die Berichte von Undeutsch (33) und Graumann (8) einer genaueren Analyse. Sie weisen - so unterschiedlich sie im übrigen sind - ein gemeinsames Muster auf:

.....keiner der beiden Autoren kritisiert...die wissenschaftlichen Aussagen Sanders oder die von ihm angewandten Methoden, noch stellen sie die wirklichen Prioritäts- verhältnisse dar. Im Gegenteil: ...Erstens lassen beide Autoren Sander als großen und gewissenhaft arbeitenden Wissenschaftler erscheinen, indem sie ihm methodische Exaktheit bescheinigen...,.Zweitens unterstützen sie aktiv Sanders unberechtigen Priortätsanspruch, ..indem sie ihn als Begründer der Aktualgenese bezeichnen bzw. darstellen - und dabei die Existenz von Wohlfahrts Dissertation aus dem Jahre 1925 verschweigen... Drittens unterstützen beide Autoren aktiv Sander beim Verbergen der Unsinnigkeit seines Aktualgenesekonzeptes, ...indem sie selbst keinerlei Kritik an diesem Konzept üben...indem sie kein von Sanders Konzept abweichendes Aktualgenesekonzept wiedergeben."

"So haben die Doktoren Undeutsch und Graumann Sanders Spielchen mitgespielt. Das mußte ihnen einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil in ihrer Karriere verschaffen. Denn Prof.Sander verfügte als Stellvertretender Vorsitzender (1942) und als Vorsitzender (1959) der Deutschen Gesellschaft für Psychologie über weitreichende Verbindungen, und er mußte größtes persönliches Interesse am Wohlergehen seiner gefährlichen Mitwisser haben, damit die ihn nicht hochgehen ließen." (S. 124 ff)

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Undeutsch, der sich als gefährlicher, aber kooperativer, Mitwisser anbietet, erlaubt sich ein kleines Plagiat: Wie Sander sich des geistigen Eigentums Wohlfahrts bemächtigt, so bemächtigt sich Undeutsch des geistigen Eigentums Butzmanns. In seinem Scientia-Artikel beschreibt Undeutsch einen aktualgenetischen Verlauf. In seiner Beschreibung folgt er im wesentlichen der des Sander-Schülers Butzmann, verschweigt aber diese Quelle. Undeutsch schreibt von Butzmann ganze Sätze wortwörtlich oder fastwörtlich ab, ohne sie als Zitate zu kennzeichnen, geschweige denn sie als von Butzmann stammend zu deklarieren.

Butzmann (3)

Undeutsch (33, S.40)

1. Phase:

 

"Das Erlebnis des Gesehenen ist nichts als ein bloßes Angemutetwerden. Es bleibt mehr oder weniger ein Helligkeitseindruck, von dem man nicht sagen kann, wo und ob er überhaupt begrenzt ist." (S. 148)

"Das Erlebnis des Gesehenen ist nicht viel mehr als ein bloßes Angemutetwerden, es ist mehr oder minder bloß ein Helligkeitseindruck, von dem man nicht einmal sagen kann, wo und ob er überhaupt begrenzt ist."

"Häufig berichten die Vpn., daß die allerersten diffusen Gebilde unruhig sind" (S.148)

"Häufig berichten die Versuchspersonen, daß diese ..Vorgestalten irgendwie unruhig seien."

 

 

2. Phase:

 

"Bei Beginn der 2. Phase ist eine eindeutige Grund-Figur-Differenzierung erreicht." (S.159)

"Zu Beginn der zweiten Phase ist eine eindeutige Grund-Figur-Differenzierung erreicht"

"Diese Umrandung schließt das Binnen ab, faßt es zusammen und verleiht dadurch dem Ganzen eine gewisse Festigkeit." (S.150)

"Eine .... Umrandung schließt das Binnen ab, faßt es zusammen und verleiht dadurch dem Ganzen eine erste Festigkeit."

"Die Lichtfülle im Innern nimmt aber schnell immer mehr ab, indem sich im weiteren Verlauf das Innere auflockert, meist vom Mittelpunkt her." (S.162)

"die Lichtfülle im Inneren nimmt aber schnell immer mehr ab, indem sich im weiteren Verlauf das Infeld - meist vom Mittelpunkt her - auflockert."

 

 

3. Phase

 

"In dem in der 2. Phase geschilderten Gestaltwandel tritt plötzlich ein eindringlicher Wandel ein....Die Vorgestalten werden reicher an Gliederung, 'explizite' Merkmale weisen den Weg...: Dieser neuauftretende Qualitätenreichtum kann aber noch nicht voll ausgeschöpft werden." (zu Qualitätenreichtum:): "...in dem aber das Grundgefüge der Gestalt sich offenbart." (S.151)

"In dem bisher geschilderten Gestaltwerdungsvorgang tritt mit dem Auftreten expliziter Gestaltmerkmale ein eindringlicher Wandel ein. Die Vorgestalten werden reicher an Gliederung und weisen einen unausschöpflichen Qualitätenreichtum auf, in dem aber das Grundgefüge der Gestalt sich bereits offenbart."

"...Binnengliederung...im Vergleich zu den konturbildenden Gestaltgliedern wenig klar hervortritt." (S. 176)

"...tritt die Binnengliederung - im Vergleich zu den konturbildenden Gestaltgliedern - noch wenig klar hervor."

"Mit dem Abschluß der 3. Phase..... Die Gestalten haben sich so weit verfestigt, daß ihr Gerüst in allen wichtigsten Gliedern sicher erkannt wird." (S.180)

"...dieser Phase, an deren Ende sich die Gestalten so weit verfestigt haben, daß ihr Gerüst in allen wichtigen Teilen klar erkannt wird."

 Tab. 1: Undeutschs Abschrift von Butzmann

 Durch Verschweigen von Butzmanns Autorenschaft erweckt Undeutsch den irrtümlichen Eindruck,
- der berichtete Verlauf sei eine generalisierende Zusammenfassung aller Untersuchungsergebnisse der Sander-Schule über aktualgenetische Verläufe;
- dieser generalisierende Verlaufsbericht sei seine, Undeutschs, geistige Leistung.
Nicht Butzmann wird mit seiner Originalarbeit international bekannt, sondern Undeutsch mit seinem Plagiat, Undeutsch, der selber nie eine aktualgenetische Untersuchung durchgeführt hat." (S. 133 ff)

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"Dr. Carl Frledrich Graumann ist 1959 Mitarbeiter von Prof.Sander, als er seinen Sammelbericht über Aktualgenese veröffentlicht. Statt mit ihm 'die historische Verlaufsgestalt des aktualgenetischen Forschungsansatzes nachzuzeichnen', wie er zu tun vorgibt (8, S.41o), fälscht er die Geschichte der Aktualgenese in eine sanderfreundliche Version um. Es entstehen dabei einige schöne Märchen, die ich Ihnen hier nacherzählen möchte.

In jedem Märchen sehen die Dinge ganz anders aus als in Wirklichkeit, und alles ist möglich. So auch in Graumanns Märchen. Graumann tut, was auch Sander schon so gut konnte: er zaubert das Jahr 1925 weg, in dem Wohlfahrt mit seiner Dissertation die Aktualgenese begründete. Er macht das ganz einfach: er spricht nicht von diesem Jahr und nicht von Wohlfahrts Dissertation, und weg sind sie. Auf dieselbe Weise zaubert er auch Sanders eigene Berichterstattung über Wohlfahrts Untersuchungen weg. Er läßt Wohlfahrts Untersuchungsergebnisse erst mit dem Jahre 1932 in die wissenschaftliche Welt eintreten und nutzt so Sanders Druckverzögerungstrick aus: Sander hatte ja ebenfalls die Existenz von Wohlfahrts Dissertation von 1925 verschwiegen und den Druck der Dissertation um 7 Jahre, bis 1932, hinausgezögert (s.12,S.35 ff: 'Die verhinderte Lektüre'). Erst mit dem Jahre 1932 also beginnen in Graumanns Märchen die Erkenntnisse Wohlfahrts Eingang in die Wissenschaft zu nehmen und nicht etwa schon in den Jahren 1925, 1926, 1927, 1928 und 1930....." ( S. 139 f)

Graumanns Ziel ist es, Sander als den Großen Einzigen, Ersten, darzustellen. Da müssen also noch Ipsen und Werner als Mitbewerber um die Priorität verschwinden. Mit Ipsen ist es einfach. Der hat auf visuellem Gebiet gearbeitet, also braucht Graumann nur zu behaupten, die Autoren, die auf auditivem Gebiet gearbeitet haben, seien die ersten gewesen, und schon ist Ipsen abgehängt:. Es "liegen die ersten experimentellen Befunde aktualgenetischer Art aus Versuchen über auditive Wahrnehmung vor.

Die reine Behauptung genügt. Graumann weiß, daß die Psychologen ein Dritteljahrhundert lang Sanders Prioritätenschwindel nicht bemerkt haben, warum sollten sie also jetzt seinen, Graumanns, Schwindel bemerken? Eine Begründung für die Behauptung zu geben, ist also unnötig....

Nun ist die Behauptung Graumanns, Sanders Rhythmusarbeit sei eine Arbeit auf auditivem Gebiet, offensichtlich unwahr, wie jeder leicht feststellen kann, der Sanders Arbeit liest.... Sander gab seiner Rhythmusarbeit eine ganz andere Aufgabenstellung; sie betraf nicht den auditiven, sondern den visuellen Bereich: 'In vorläufiger Allgemeinheit sei unsere Fragestellung so formuliert:: Gibt es optische Simultankomplexe, die sich vor anderen durch eine spezifische Qualität des rhythmisch Geformtseins auszeichnen?' ....

....Daß Graumann Sanders Arbeit über visuellen Rhythmus als Untersuchung über auditiven Rhythmus präsentiert, indem er aus ihr die Versuche über auditiven Rhythmus zitiert und die über visuellen Rhythmus verschweigt, dürfen wir als 7. Falschdarstellung der Geschichte der Aktualgenese registrieren. Wir dürfen es besonders deswegen, weil Graumann auf dieser Falschdarstellung Sanders Priorität gegenüber Ipsen herleitet; denn die Versuche auf auditivem Gebiet sollen nach ihm ja früher als die Versuche von Ipsen auf visuellem Gebiet gemacht worden sein." (S. 148 f)

"Graumann tut gut daran, die Methode der suggestiven Manipulation anzuwenden, um den Leser in Richtung auf einen handfesten Prioritätsglauben an Sander zu lenken; denn gerade Werner erweist sich als ungewöhnl:ich sperrig, will man ihn als zeitlichen und/oder logischen Nachfolger Sanders in Sachen Aktualgenese darstellen....Es ist allerdings völlig klar,....dass unter den drei Autoren wenn schon nicht Ipsen, so doch auch nicht Sander, sondern Werner die Priorität vor den anderen beiden zukommt. Werners Arbeit erschien zwar auch 1926 wie die Arbeiten von Sander und Ipsen, aber Werner hatte sie der Redaktion der "Zeitschrift für Psychologie" schon am 31. Mai 1925 eingereicht. Dieser für eine evt. Prioritätszuerkennung relevante Tatbestand ist unter Werners Arbeit vermerkt. Graumann darf dies seinen Lesern natürlich nicht mitteilen. Lieber eine 8. Falschdarstellung, aber Sander ist wieder einmal gerettet; Sander ist und bleibt der Erste." (S. 152 f)

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"Die Frage ist nun, ob Sander zu den ersten Wissenschaftlern gehört, die diese Erscheinungen systematisch hervorgerufen, also im Sinne Graumanns aktualgenetische Forschung betrieben haben.....bedarf es keines gesonderten Literaturstudiums. Denn wie Sanders Untersuchung.... zustandegekommen ist, und welches Ziel sie verfolgt, das sagt Sander selbst in seiner Rhythmusarbeit....." (S. 154).

"Mit anderen Worten: Sander hat gar keine eigenen Untersuchungen angestellt, sondern lediglich die seiner Vorgänger wiederholt. 0ber irgendwelche neuen, von denen seiner Vorgänger abweichenden, Beobachtungen berichtet er nicht gesondert; wer wissen will, welche Beobachtungen von Sander, welche von den 6 anderen Untersuchern stammen, muß sämtliche Untersuchungsergebnisse dieser Untersucher auflisten und sie von den von Sander berichteten abziehen - der Rest stammt dann von Sander." (S. 155)

"Zauberer Graumann bringt es doch tatsächlich fertig, ausgerechnet ein offensichtliches Mischprodukt aus 9 Untersuchungen von 7 Autoren, deren einer Sander ist, der Wissenschaft als Sanders alleinige Kreation zu offerieren, mit der er die neue Forschungsrichtung der Aktualgenese begründet habe.

Da kann man sich schon fragen, wie Graumann sich eine solche Dreistigkeit erlauben zu können glaubte. Ich kann es mir nur so erklären: Graumann konnte 1959 unschwer erkennen, daß der Aktualgenese-'Begründer' Sander die aktualgenetische Forschung zumindest in ihrem allgemein- psychologischen Aspekt bereits gründlichst zerstört hatte. Niemand würde also für dieses offenbar unfruchtbar gebliebene Forschungsgebiet noch das Interesse aufbringen, das nötig war, um Graumanns Behauptungen nachzuprüfen. Graumann konnte das Blaue vom Himmel herunterlügen." (S. 156)

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"Prof.Sander ist hocherfreut über Graumanns maßgeschneiderte Fälschung; dreimal weist er auf Graumanns Artikel hin '....mit seiner systematischen und kritischen Darstellung der Geschichte des aktualgenetischen Forschungsansatzes.' " (S. 173)

Psychologe Graumann, der die Geschichte der Psychologie zur höheren Ehre seines Herrn, von dem er so viel wußte, so geschickt zu fälschen verstand, wurde noch in seinem Schwindeljahr, 1959, [von Sander, Verf.] habilitiert. Drei Jahre später bekam er eine Professur in Heidelberg, wo er heute noch lehrt.

Prof. Graumann ist ein international hoch angesehener Mann - niemand bemerkte seine Falschspielertricks. Als Mitherausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften steuert er durch Annahme und Ablehnung von Fachbeiträgen die Entwicklung seiner Wissenschaft - ein interessanter Job für einen, der seine brillante Intelligenz nach Belieben einzusetzen vermag: für Forschung wie für Fälschung." (S.174)

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