Sanders letzter Coup

Prof. Sander gibt die in Kleine-Horsts Wahrnehmungstheorie gefundenen aktualgenetischen Grundhypothesen als seine eigenen aus;
Prof. W. Salber hilft ihm dabei.

Leseproben aus: L.Kleine-Horst (1992): Die verhinderte Wissenschaft.
Ein Gaunerstück aus der deutschen Psychologie
. Teil 3

"Dieser 3. Teil verdankt seine Entstehung meiner Unzufriedenheit mit meinem 'Helden'; irgendetwas fehlte mir an ihm: dieses ständige Herumlavieren um den Unsinn seines aktualgenetischen Konzeptes, dieses kleinliche Manipulieren seiner Leser in Richtung auf Prioritätszuerkennung, sie brachten Prof. Sander summa summarum zwar einen ansehnlichen Reputationszuwachs, doch schien mir der Mann zu Höherem geboren; ich hatte es wohl nur noch nicht entdeckt.

Bis mir Erinnerungen kamen und ich ein paar Ereignissen Jahreszahlen zuordnete: 'Moment mal, sollte der vielleicht...?' und ich aus der Kenntnis seiner Persönlichkeit die Gewißheit herleitete: er muß es getan haben, das erst wird ihn zu einem der ganz Großen in jener Wissenschaft machen, in der so viel gelogen und betrogen, gestohlen und gefälscht wird. ....erst bei genauerer Lektüre der Sander-Publikationen nach 1963, entdeckte ich, was ich suchte: Sanders letzten Coup. Auch für ihn fand der Große einen kleinen, aber sehr nützlichen, Mitmacher: Prof. Dr. Wilhelm Salber." (S.177, Vorwort)

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"Ende der 50er Jahre, während meines Psychologiestudiums in Köln, entwickelte ich Ideen bezüglich der visuellen Wahrnehmung. 1961 konnte ich absehen, daß ich unter den gegebenen Verhältnissen bis auf weiteres zeitlich nicht mehr in der Lage sein würde, meine Gedanken weiterzuentwickeln. So trug ich Fakten und Interpretationen in einem etwa 200 Seiten starken Manuskript zusammen und gab ihm den Titel 'Theorie der optischen Gestaltwahrnehmung'.

In meiner Theorie postulierte ich 12 funktionale Faktoren als Bedingungen der visuellen Gestaltwahrnehmung und nannte als weiteren, dynamischen, Faktor die Aufmerksamkeitszuwendung, deren Rolle in der visuellen Gestaltwahrnehmung ich angeben konnte. Für wenigstens sieben Gestaltfaktoren konnte ich eine bestimmte hierarchische Ordnung wahrscheinlich machen, in der sie sich befinden. Diese Hierarchie von Funktionen ordnete ich einem Bereich zu, den ich als 'zwischen' dem materialen und dem phänomenalen Bereich befindlich postulierte, einem eigenständigen dritten, dem 'funktionalen', Bereich.

Nach Fertigstellen meines Manuskriptes versuchte ich, mein Diplomexamen zu machen. Es klappte nicht. Prof.Undeutsch war zwar bereit, beide Augen zuzumachen und kämpfte eine halbe Stunde mit Frau Prof. Krudewig, doch die wollte nur eines zumachen; das war eines zu wenig. Ich konnte es ihr nicht übelnehmen; ich hatte wirklich nicht gewußt, was ich wissen sollte. Nun wollte ich es auch gar nicht mehr wissen, wollte nur noch erfahren, was Psychologieprofessoren von meiner Theorie hielten. Ich schickte sechs von ihnen mein Manuskript zu und bat sie um eine Stellungnahme......" (S. 179)

"...erhielt ich von Prof. Sander einen Brief, der so ganz anders war als diejenigen, die ich von den anderen Psychologen bekommen hatte. 'Bei einem Opus, das meine wissenschaftliche Anteilnahme erweckt, ist mir die Person seines Urhebers nie gleichgültig gewesen....habe ich Ihre mir höchst interessante Untersuchung immer wieder aus der Hand legen müssen....will mich dann aber Ihrer Arbeit widmen, ich habe den bestimmten Eindruck, dass sich das für mich lohnt!'..." (S. 183 f).

"Prof. Sander hatte mir seinen Brief offenbar geschrieben, noch ehe er richtig erfasst hatte, was mein Manuskript alles enthielt....Jetzt stand er vor der beängstigenden Tatsache, dass jemand eine neue, vernünftige, Theorie vorlegte, die ihm sofort einleuchten musste,..... Was tun?...Die Sache war äußerst peinlich für ihn: Sagte er: 'Die Theorie ist schlecht', dann würde er sich später blamieren, weil er sie so verkannt hatte. Sagte er: 'Die Theorie ist gut', dann würde er sich ebenfalls blamieren, weil er sie nicht selber gemacht hatte.....Aus alledem ergibt sich als allein zweckmäßige Behandlung der Theorie: totschweigen, einfach totschweigen. ..." (S. 187f).

."...da holte er sich den Lohn der Angst....1967 entnahm er meinem Theorie-Manuskript die Prinzipien meines aktualgenetischen Konzeptes und schleuste sie als seine eigenen in die wissenschaftliche Literatur ein...." (S.192)

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"Es ist klar, daß Prof. Sander sein neues aktualgenetisches Konzept nicht groß herausbringen durfte, das würde wahrscheinlich mich auf den Plan gerufen haben. Ja, er konnte sich zu meinen Lebzeiten nicht einmal erlauben, es wirklich bekannt zu machen, es wirklich zu ver-öffent-lichen. Da er 35 Jahre älter war als ich, machte das nur einen Sinn, wenn er in seinem diesseitigen Leben auf die Ehre verzichtete, der Wahrnehmungspsychologie der Zukunft den Grund gelegt zu haben, um sie im Leben nach dem Tode um so mehr genießen zu können. ...so mußte er seine Botschaft an die Nachwelt recht gut verstecken - niemand, der sich für visuelle Wahrnehmung interessierte oder gar für Aktualgenese, durfte sie finden. Dennoch mußte sie späterhin auffindbar sein und irgendwann - dermaleinst - nachdem irgendjemand (der Kleine-Horst war ja abgehängt) die neue Psychologie entwickelt haben würde, die ihm so einleuchtete - wenn dann auch noch - vielleicht zu seinem 200. Geburtstag - irgendwer über Leben und Werk des Friedrich Sander schriebe, der würde entdecken müssen, daß Friedrich Sander 1967 - ach nein, was sage ich - schon 1922 in seiner Habilitationsschrift alles das geschaut hatte, was wir Menschen heute, im Jahre 2089, wissen: daß die visuelle Gestaltwahrnehmung bedingt ist durch eine Hierarchie von Gestaltfunktionen, die...usw.usw....So stehet denn alles dies geschrieben in Schriften, denen niemand ansieht, was sie enthalten, so in 'Inbild und Gestalt. Goethes Selbstgestaltung'...." (S.199 f)

"Da Sander sein neues Konzept als sein altes, immer schon so gemeintes, verkaufen wollte, mußte er es in geeigneter Verpackung anbieten. Insbesondere mußte man bei Formulierungen darauf bedacht sein, das Neue stets nur beiläufig zu erwähnen mit dem geringen Gewicht des 'Immer-schon-so-gewesenen'. Nicht nur verteilte Sander alles auf drei Publikationen - so wog es in einer nicht so schwer - er verpackte das Neue zudem in Nebensätze, Adjektive, ja, Unausgesprochenes, nur durch Weiterdenken logisch zu Erschließendes.

Als Nebensatz erscheint die Verlagerung der Aktualgenese aus dem Erlebensbereich in erlebensjenseitige Bereiche, 'in denen die Gestaltung gleichsam unter der Decke des wachen Bewußtseins weiterläuft'. Als Adjektiv erscheint ...." (S. 200 f)

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"Sander hatte sein neues altes Konzept so schön versteckt, daß es nach menschlichem Ermessen in der Gegenwart nicht entdeckt werden konnte. Nun bedurfte es noch der Vorsorge, es in der Zukunft entdecken zu lassen.

Wie gut es sich da fügt, daß Prof. Dr. Wilhelm Salber aus Köln Herrn Prof.Sander zum 80. Geburtstag ein Geschenk machen möchte. Er kauft kein Geschenk, nein, er bastelt ihm eines, ein individuelles, maßgeschneidertes: einen Aufsatz (10), in dem er auf Sanders altes-neues Konzept hinweist, und zwar so, daß der heutige Leser nichts, ein späterer Biograph jedoch alles erfährt. In diesem Aufsatz faßt Salber zusammen, was Sander gerade erst verteilt hatte.

Schon der Titel will bedacht sein: Salber wählt einen, der nichts, aber auch gar nichts, über den Inhalt verrät - wie ja auch die Titel Sanders nichts, aber auch gar nichts, über ihren Inhalt verraten. Salbers Titel lautet schlicht: 'Drei Abhandlungen von Friedrich Sander aus dem Jahre 1967'......Nichts, wirklich gar nichts, erfährt der Leser über die neue Richtung, die Sander 1967 eingeschlagen hat, obwohl sich nach Salbers geheimnisvollen Andeutungen 'eine Art 'rückläufiger' Prozeß anzubahnen' ... scheint.....Kein Wort verrät Salber auf allen fünf Seiten seiner wissenschaftlichen Abhandlung über die hierarchische Ordnung, in der die Gestalttendenzen nunmehr stehen; kein Wort darüber, daß die Gestaltentwicklung nicht mehr bevorzugt im Erleben erfolgt, sondern auf keinen Fall im Erleben;...dass die Reizkonfiguration nicht mehr ausschließlich und unmittelbar die Endgestalt bedingt, sondern nur auf dem Wege über die Auslösung der Gestalttendenzen, [und diese] die gesamte Entwicklung zur Objektadäquation mitbedingen....

Genau das ist, das Sander braucht: Salber macht ihm zum 80. Geburtstag aus einem Elefanten eine Mücke; ein Biograph würde mit Sicherheit aus der Mücke wieder einen Elefanten machen. Denn an Sanders Selbstdarstelung kann kein Biograph vorbeigehen. In ihr gibt Sander ausgewählte eigene Literatur an, danach als einzige Fremdliteratur Salbers Aufsatz. .....Was macht's schon, wenn Kollege Salber dann dasteht als einer, der zwar auf das Neue bei Sander hinweist, aber offenbar selber nicht verstanden hat, worin denn dies Neue eigentlich bestehe, da er es ja doch nicht nennt. Der Biograph jedenfalls wird dem Hinweis Salbers auf das Neue folgen und dann den finden, als der gefunden zu werden alle Mühe und alle Not verlohnt:

FRIEDRICH SANDER - den großen deutschen Seher.

Kurz nachdem unser Professor seinen letzten, das Diesseits wie das Jenseits umspannenden, Coup gelandet hatte, starb er - am 29. Nov. 1971. Mit seinem Hinweis an seinen Biographen schließt er seine letzte, posthum erschienene, Publikation." (S. 201 ff)

"Und da man den Schaum schlagen soll, solange er weis macht, findet Albert Wellek noch einmal schöne Wörter für ihn, in seinem

Nachruf auf FRIEDRICH SANDER:

'Mit FRIEDRICH SANDER ist der letzte 'Grand old man'
der heute als klassisch empfundenen und bezeichneten
Psychologie dahingegangen.....der letzte Große einer
exakten psychologischen Phänomenologie.' (18, S.3 ff)" (S. 204)

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